Rheinland-Pfalz
Kitas: Herrscht in manchen Einrichtungen Zwang, Mobbing und Unprofessionalität?
Die CDU-Fraktion im Landtag fordert bis zu 1500 Stellen mehr und 20 Millionen Euro für weitere Sprachförderung an den Kitas. Gerade in Schulen wie der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen können viele Kinder nicht gut Deutsch. Was die Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kitas, Karin Graeff, zu den CDU-Plänen sagt und welche Zustände sie in Kindergärten beim Umgang mit Kindern kritisiert.
Frau Graeff, was halten Sie von den Plänen der CDU?
Mehr Geld und mehr Personal sind gut. Aber ich glaube nicht, dass die CDU mit ihren Forderungen das erreicht, was sie eigentlich beabsichtigt. Den Kindergarten zu verschulen, hilft den Kindern nicht, besser lesen zu lernen. Es braucht in einem ersten Schritt nicht überall einen höheren Personalschlüssel. Sinnvoller wäre, bestehende Möglichkeiten zu nutzen, mehr Fachkräfte in die Kitas zu bekommen. Auch über die Einstellung von Verwaltungs- oder Küchenkräften und anderen, Stichwort multiprofessionelle Teams. Wichtig sind auch ausreichend Vertretungskräfte. Aber das wird oft nicht genutzt.
Woran liegt das?
Das liegt oft an zu wenig Wissen über die Möglichkeiten des Systems und auch an mangelnder Professionalität bei Kita-Trägern und Kita-Leitungen. Hier geht die Schere zwischen sehr guten Einrichtungen und schlechten immer weiter auseinander, auch was die Einbindung von Eltern betrifft.
Wie meinen Sie das?
Wer den weiteren Rechtsruck in der Gesellschaft verhindern will, muss auch dafür sorgen, dass sich Menschen demokratisch und aktiv einbringen können und nicht abgewiesen werden. Ein Aspekt ist die Mitwirkung in den Kitas. Die aber wird vor allem in problematischen Kitas nicht praktiziert oder sogar gar verhindert. Und die wenigsten Kitas haben einen funktionierenden, aktiven Kita-Beirat – eigentlich ein verpflichtendes Gremium, in dem Träger, Leitung, Fachkräfte auf Augenhöhe und gemeinsam zentrale Punkte zur Weiterentwicklung der Kita erarbeiten.
Was sind aus Ihrer Sicht problematische Kitas?
Das sind die, die in der Weiterentwicklung hinterherhängen, Eltern nicht einbinden und die, die bei der pädagogischen Arbeit nicht auf der Höhe der Zeit sind.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
In einigen Kitas werden Kinder noch immer zum Essen genötigt oder müssen sich zur Bestrafung auf einen „stillen Stuhl“ setzen, Stichwort schwarze Pädagogik. Es gibt auch Kitas, die Eltern den Zutritt während der Hol- und Bringsituation verwehren. Wir erleben immer häufiger, dass Familien, wenn sie als unbequem empfunden werden, ihren Kita-Platz verlieren.
Schwarze Pädagogik – das ist ein harter Vorwurf. Können Sie das durch Zahlen belegen? Und wie reagieren das Jugendamt, das Bildungsministerium darauf?
Zahlen dazu haben wir als Landeselternvertretung nicht, wir können nur grob durch Berichte von Eltern schätzen. Auf höherer Ebene, also auch im Ministerium und beim Landesjugendamt, weiß man von den problematischen Situationen. Zu verletzendem Verhalten in Kitas gibt es bereits Studien. Wir melden die Fälle, die uns bekannt werden, konsequent weiter. Das Landesjugendamt geht dann auch in die Kitas rein. Das Thema ist kein Tabu mehr. Noch immer ist es aber schwer, offen damit umzugehen.
Wie reagieren Eltern darauf?
Wenn sie es denn mitbekommen, können sie die Fälle melden. Das gilt auch für Fachkräfte. Noch führt das aber oft dazu, dass eher die Eltern oder die Fachkräfte aus der Kita gemobbt werden.
Sie zeichnen ein sehr negatives Bild ...
Nein, die Mehrheit der Kitas arbeitet sehr gut. Die besten haben auch keine Probleme mit Personal, die bekommen alle Stellen besetzt. Bei den anderen muss sich etwas ändern.
Und wie?
Ein Punkt ist aktive Elternmitwirkung; die meisten Eltern bringen sich sehr gern und aktiv ein, wenn man sie gestalten lässt und nicht abbügelt. Natürlich haben auch die Eltern eine Verantwortung mitzuwirken. Und einige Kita-Träger müssen professioneller werden. Es darf nicht länger sein, dass dieses Trägeramt ohne ausreichende Qualifizierung ausgeübt wird. Auch Jugendämter müssen ihrer Verantwortung nachkommen.
Was heißt das konkret?
Es ist gut, wenn sich Verwaltungseinheiten als Zweckverbände organisieren für die Aufgabe Kindergarten. Und es braucht mehr freie Träger, zusätzlich zu Kirche oder Lebenshilfe. Auch Unternehmen müssen mehr leisten. Und Kitas brauchen eine professionelle Struktur. In Boppard etwa gibt es einen Betriebskindergarten, für den eine gemeinnützige Gesellschaft, Little Big Future, verantwortlich ist. Nur die Hälfte der Plätze ist von der Firmenzugehörigkeit abhängig. Das sind Konzepte, die es braucht. Und teurer wird das auch nicht unbedingt.
Zur Person
Karin Graeff, 39, aus Oberwesel am Mittelrhein ist seit drei Jahren Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kitas Rheinland-Pfalz und vertritt rund 200.000 Eltern, deren Kinder einen der 2750 Kindergärten im Land besuchen. Sie ist gelernte Ernährungswissenschaftlerin und Mutter von drei Kindern, die mittlerweile alle zur Schule gehen.