Schwarmkraftwerk
Flusskraftwerk: Strom macht Strom
Im Rhein schwimmen Nasen (ehrlich, das ist eine Fischart), Barben, Hechte und Aale – und neuerdings auch Delfine. Könnte man zumindest meinen, wenn man die dunklen Rücken aus den Wellen auftauchen sieht. Doch was sich dort ein paar Kilometer nördlich von St. Goar (Rhein-Hunsrück-Kreis) im Fluss tummelt, sind Energyfische: schwimmende Kleinkraftwerke, die von der Strömung angetrieben werden. Noch sind es nur drei, aber bis Jahresende sollen es 124 werden, die in einem Seitenarm verankert werden. Der wird von der Rheininsel Ehrentaler Werth und einem langen Steindamm vom Hauptstrom abgetrennt, ist aber nicht mit den nur äußerst gemächlich fließenden Altrheinarmen am Oberrhein zu vergleichen: Hier strömt das Wasser schnell und stark.
Den Standort hatte sich daher auch schon die Mittelrhein-Strom 560 Kommanditgesellschaft mit Sitz in Bingen ausgeguckt, um mit 16 großen „Strombojen“ Energie zu erzeugen, doch die Pläne sind gescheitert. Das nach dem Stromkilometer (ab der Mündung) benannte Unternehmen nutzte dasselbe Prinzip, aber in anderer Bauform. Es hatte große, unter der Wasseroberfläche schwimmende Röhren verankert, in die eine Turbine eingebaut war. Sie waren ursprünglich einmal für die Donau und größere Wassermengen entwickelt worden. Auch schon ein Häuschen zur Einspeisung des Stroms ins Netz hat das Vorgängerunternehmen am Ufer hinterlassen.
Vorschusslorbeeren für ein Start-up
Jetzt nutzt das Unternehmen Energyminer aus Gröbenzell bei München Teile der Infrastruktur, wie das Trafohäuschen zum Stromeinspeisen am Ufer, das Schiff „Current Worker“ (Strömungsarbeiter) und in den Flussgrund gebohrte Verankerungen, um ein verändertes Konzept zum Erfolg zu führen. Das Medienecho ist groß: „weltweit erstes Schwarmkraftwerk“ titeln Welt, Spiegel, Zeit und viele andere, während das Online-Medium „Munich Startup“ gleich von „Hunderte Atomkraftwerke aus Flüssen: Das riesige Potenzial von Energyminer“ schwärmt. Bisher kommen laut Statistischem Bundesamt erst 3,3 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wasserkraft, da geht noch was. Fast prophetisch: Am Ufer befand sich einst ein Bergwerk mit dem schönen Namen „Gute Hoffnung“, das passt zum „Miner“ und dessen Plänen.
Das Energyminer Start-Up aus promovierten Maschinenbauern, Elektrotechnikern, Wasserbauern und Betriebswirten setzt auf kleinere Kraftwerke, die es Energyfisch genannt hat. Dafür sollen es bei St. Goar volle 124 Stück werden, die knapp 500 Vier-Personen-Haushalte mit Strom versorgen können. Grundlastfähig und ohne nennenswerte Eingriffe in den Fluss, wie das Unternehmen betont. Entsprechend begeistert ist das Umweltministerium in Mainz. Umweltministerin Katrin Eder (Grüne): „Eine Art der Stromgewinnung, die auch bei Nacht und ohne Wind unabhängig von anderen Ländern, erneuerbar, klima- und umweltfreundlich Strom produziert, die gibt es mit den Schwarmkraftwerken jetzt – und zum allerersten Mal wird sie hier bei uns in Rheinland-Pfalz zum Einsatz kommen. Mir ist es wichtig, dass allen Menschen günstige Energie zur Verfügung steht, die Klima und Umwelt nicht schadet.“ Noch ein Vorteil: Die „Fische“ verändern das Landschaftsbild praktisch nicht – jedenfalls deutlich weniger als ein Windrad.
Noch wird optimiert
Vorerst sind drei Fische in Betrieb. Jeder einzelne wiegt etwa 80 Kilogramm, ist 2,80 Meter lang, 2,40 Meter breit und 1,40 Meter hoch. Unter einem Schwimmkörper aus Kunststoff – dem Rücken des Delfins – sind zwei Propeller montiert, die kleine Generatoren antreiben. Drahtseile verhindern, dass Treibgut oder Fische in die Propeller gelangen. Kleine Fische passen durch, werden nach Unternehmensangaben von den Turbinen aber nicht verletzt. Beim Besuch der RHEINPFALZ sind die Energyfische gerade an Bord des Wartungsschiffs. Wie Pressesprecherin Natalie Rojko erläutert, werden neu entwickelte Komponenten eingebaut, um die Kleinkraftwerke weiter zu optimieren.
In zwei weiteren Installationsschritten werden einmal 21 und dann nochmals 100 Fische ausgesetzt, noch in diesem Jahr, verspricht Rojko. Der Standort gilt mit einer Strömungsgeschwindigkeit von 1,5 bis zwei Metern pro Sekunde (5,4 bis 7,2 Kilometern pro Stunde) als ideal. Doch das Unternehmen betont, dass auch Niedrigwasserphasen, wie sie am Rhein im Sommer vorkommen können, oder Hochwasser kein Problem darstellen. Neben der ständigen Verfügbarkeit ist ein besonderer Vorteil, dass keine Einbauten wie Dämme oder Stufen im Flussbett nötig sind, Fische und Wassersportler nicht gestört und nicht gefährdet werden. Einzige Voraussetzung ist eine Montage abseits des Fahrwassers. Nach Angaben der Pressesprecherin sind mehrere weitere Standorte im Genehmigungsverfahren; auch am Rhein. Nähere Angaben dazu macht sie nicht, nur dass Energyminer eine Niederlassung in St. Goar einrichten werde.
Große Ausbaupläne
Investitionskosten nennt das Unternehmen nicht. Nur, dass es seine Schwarmkraftwerke als Komplettpaket für Energieversorger anbieten will. Nach Rojkos Angaben sind nicht nur das Schwarmkraftwerk, sondern auch die Energyfische selbst modular aus einzelnen Komponenten aufgebaut. Da die Fließgeschwindigkeiten und Belastungen im Fluss variieren, könne sich auch die Beanspruchungen einzelner Komponenten unterscheiden. Das werde mit KI bewertet, um eine verlässliche Betriebsführung und niedrige Wartungs- und Betriebskosten sicherzustellen.