Anlagebetrug RHEINPFALZ Plus Artikel Finger weg bei Anlagetipps auf TikTok

Wenn das Geld erst mal in Bitcoin umgetauscht ist, ist es weg, warnt das Landeskriminalamt.
Wenn das Geld erst mal in Bitcoin umgetauscht ist, ist es weg, warnt das Landeskriminalamt.

Anlagebetrug im Internet ist ein wachsendes Kriminalitätsfeld. Zum Opfer wird die Putzfrau ebenso wie der Chefarzt. Mario Germano, Chef des Landeskriminalamtes, ist besorgt.

Wenn der sympathische Showmaster auf Facebook seine persönlichen Anlagetipps teilt, ein junger Mann auf TikTok in Aussicht stellt, dass jeder einen so tollen Sportwagen fahren könne wie er selbst, der seriöse Hornbrillenträger auf Instagram über völlig unterbewertete Aktien referiert oder Menschen bei WhatsApp ihre jüngsten Erfolge an der Börse feiern, sollten alle Alarmglocken schrillen. Dann winkt kein Reichtum, sondern der Verlust der Ersparnisse. Die Gefahr ist groß, dass es sich um Anköderversuche beim Cybertrading-Fraud handelt.

Mario Germano, der Chef des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes, hadert etwas mit dem sperrigen Begriff, der neue Formen des Anlagebetrugs übers Internet umschreibt. Kurz gesagt, geht es darum, dass Menschen zu angeblich rentablen Geldanlagen verleitet werden, von denen am Ende nur Betrüger profitieren. Für die sind die Zeiten gut: Die Zinsen sind niedrig und Sparer fürchten, dass die Inflation ihre Rücklagen aufzehrt. Alle Welt spricht über ETFs, der Dax verzeichnet immer wieder Rekorde, und die gesellschaftliche Einstellung zu Börsengeschäften habe sich gewandelt, meint Germano: „Die Menschen sind heute risikobereiter.“ Zudem würden Influencer auf allen Kanälen den Eindruck vermitteln, dass es sich jeder in Dubai oder auf den Malediven gut gehen lassen könne. Da wolle mancher dabei sein.

Werbung mit Stars

Am Anfang steht oft ein „Testimonial“, ein vertrauenerweckender Mensch, der über seine eigenen Erfolge berichtet. Sollte es sich dabei um einen Star handeln, sind die Bilder vermutlich geklaut, vielleicht auch per KI erzeugt worden. So wurde beispielsweise schon das Konterfei von Günther Jauch, Barbara Schöneberger oder Eckart von Hirschhausen missbraucht. Sobald ein potenzielles Opfer angebissen hat, wird es in Chatgruppen eingeladen und sehr rasch von „Beratern“ angerufen. „Die Schauspieler im Callcenter sind gut“, sagt der LKA-Chef. Sie würden mit ein wenig Börsenlatein Kompetenz vermitteln und rasch ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Und das umso mehr, als sie den Opfern mit gut gemachten Darstellungen im Netz weismachen, dass ihr Depot gerade durch die Decke gehe. Vorsichtige Menschen werden zudem damit geködert, dass ihnen erste kleine Gewinne ausgezahlt werden. „Dann springt das Kopfkino an“, sagt Germano, die Opfer wähnen sich auf der Gewinnerstraße und wollen es lange nicht wahrhaben, dass sie in eine Falle getappt sind.

Ein 66-jähriger Ludwigshafener ist Ende März von angeblichen Online-Brokern um mehr als 30.000 Euro betrogen worden. Einen 68-jährigen Südpfälzer hat dies im vergangenen Jahr 70.000 Euro gekostet und im Februar dieses Jahres noch mal 500.000 – er ist zweimal auf die Masche reingefallen. Ein 75-Jähriger aus dem Rhein-Pfalz-Kreis hat ebenfalls im Februar 15.000 Euro eingebüßt, als er im Netz nach Anlagemöglichkeiten suchte. Eine 52-Jährige aus Ludwigshafen hat 14.500 Euro verloren, statt an angeblich risikolosen Investitionen zu verdienen. Im Mai 2025 hatte eine 70-Jährige aus dem Raum Bad Dürkheim 380.000 Euro bei einem vermeintlich cleveren Investment verloren, wenig später ein Bankkaufmann aus dem Raum Neustadt 15.000 Euro – obwohl er über den Fall aus der Kurstadt gelesen hatte.

Schnell wachsendes Kriminalitätsfeld

Das sind nur einige der jüngsten Fälle, über die die RHEINPFALZ berichtet hat. Mit einer Schadenssumme von 73 Millionen Euro (plus 41 Millionen Euro oder 128 Prozent) 2025 nur in Rheinland-Pfalz und über einer Milliarde bundesweit hat sich die moderne Form des Anlagebetrugs in kurzer Zeit zu einem Riesenproblem entwickelt. 2024 gab es 930 Fälle, ein Jahr später waren es schon 2005 Fälle. „Und das ist nur das Hellfeld“, sagt Germano. Wie viele Fälle nicht angezeigt werden, weiß man nicht. Er vermutet, dass sich Opfer schämen – oder noch gar nicht gemerkt hätten, dass sie Betrügern aufgesessen sind, weil sie die Anlagesumme derzeit nicht benötigen oder ihr noch beim Wachsen zusehen wollen.

„Die durchschnittliche Schadenssumme liegt bei 41.000 Euro“, sagt der LKA-Chef, aber auch Summen deutlich über 100.000 Euro seien keine Seltenheit. Klar: Anders als bei der Masche Schockanruf/Enkeltrick/falscher Polizist oder falsche Gewinnbenachrichtigung werden hier gezielt Leute angesprochen, die etwas im Sparstrumpf haben. Das Risiko für die Täter ist sogar noch geringer, weil nicht einmal Abholer der Beute benötigt werden.

Kaum Chancen auf Aufklärung

Weil noch schlagkräftige Ermittlungsmethoden fehlen, setzt Germano vorerst voll auf Prävention, denn „unsere Aufklärungsquote liegt nahe Null. Das frustriert mich.“ Das liegt nicht am Unvermögen der Ermittler, sondern daran, dass die Täter vom Ausland aus und über Internet und Callcenter agieren, Strukturen, die heute hier und morgen dort sein können. „Sie ziehen nomadisierend durchs Netz“, sagt Germano. Ein Teil der kriminellen Leistungen wie das Programmieren von Apps und Webseiten oder Serverleistungen werde ohnehin im Darknet zugekauft. Zudem sei das Geschäftsmodell so profitabel, dass, wenn die Polizei mal einen Kopf abschlage, sofort acht neue wüchsen, wie bei der Hydra, dem Ungeheuer aus der altgriechischen Mythologie. Bei mehr als 96 Prozent der Auslandstaten, einer eigenständigen Rubrik in der Kriminalstatistik, ist nicht einmal bekannt, von wo aus die Täter gehandelt haben.

„Follow the money“ (folge dem Geld) ist normalerweise ein Leitsatz der Ermittler, aber laut Germano funktioniert er beim Online-Anlagebetrug nicht: Die Opfer werden angehalten, ihr Geld in Kryptowährungen umzutauschen, angeblich, weil nur damit schnelle Transaktionen an den Börsen möglich seien. Außerdem verschaffen sich die Täter Zugriff auf die Computer ihrer Opfer, entweder unbemerkt, oder ganz offen als vermeintliche Serviceleistung im Sinne der Anleger. Doch sobald Geld in Bitcoins gewechselt sei, „ist es weg“, sagt Germano.

Für Anlage Schulden gemacht

Die Opfer kommen aus allen Altersgruppen und Schichten, vom Chefarzt bis zur Putzfrau. In einem Fall habe eine finanziell nicht auf Rosen gebettete Frau sich das Geld sogar geliehen, erzählt der LKA-Chef. Online-Kreditvermittler seien ein Teil des Problems. Besonders perfide: Wenn die Anleger sich mal etwas gönnen wollen, wird ihnen abgeraten: Sie sollten lieber noch mal Geld nachschießen, um ihren Gewinn zu mehren. Oder es wird ihnen weisgemacht, dass sie zuerst noch Gebühren oder Steuern entrichten müssten. Dann sind unter Umständen weitere vierstellige Beträge futsch. Und die Berater nicht mehr erreichbar.

Das Bundeskriminalamt warnt vor noch einem weiteren Dreh der Täter: Diese würden in WhatsApp-Gruppen damit werben, dass das BKA mit einer eigens entwickelten App bei der Rückgewinnung verlorener Gelder Hilfe leiste. Doch auch das ist nur ein weiteres Einfallstor für die Täter zu sensiblen Daten.

Mario Germano sorgt sich um die Ersparnisse leichtgläubiger Rheinland-Pfälzer.
Mario Germano sorgt sich um die Ersparnisse leichtgläubiger Rheinland-Pfälzer.
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