Rheinland-Pfalz / Herxheim
Ein Heimplatz für 4338 Euro: Wer soll das noch bezahlen können?
Rückwirkend zum 1. Februar sollen die Preise für einen Platz im Altenheim St. Josef in Herxheim kräftig steigen. Bewohner würden statt monatlich 3500 Euro dann rund 4340 Euro für ihre Versorgung zahlen – fast 1700 Euro mehr als der Durchschnitt in rheinland-pfälzischen Heimen im Jahr 2025. Das ärgert Betroffene und Angehörige. Noch aber hoffen sie in Herxheim alle auf eine geringere Preiserhöhung.
Als Martin Seelinger aus Herxheim zwei Tage vor Silvester Post ins Haus flattert, ist er fassungslos. Seit über drei Jahren lebt seine Mutter nun im Heim St. Josef und schon zum dritten mal soll der Platz teurer werden, sagt er. Sollte der angekündigte Preisanstieg in vollem Umfang kommen, sind monatlich rund 830 Euro mehr fällig als aktuell schon.
„Das kann bald keiner mehr bezahlen“
„Wenn das so weitergeht, kann das in ein paar Jahren keiner mehr bezahlen“, sagt der 62-Jährige. Da seine Mutter, 87, schon länger im Heim lebt und die Pflegekasse daher einen höheren Anteil übernimmt, betrage bei ihnen das erwartete Plus, das sie selbst tragen, lediglich 320 Euro in Pflegestufe vier, hat er ausgerechnet. „Das können wir stemmen, aber andere, die noch nicht so lange im Heim sind, trifft es härter“, sagt er.
„Bei uns wären es rund 780 Euro mehr“, sagt ein anderer Angehöriger, der anonym bleiben will. „Ein Plus von 24 Prozent – extrem.“ Seine Eltern fürchten, langfristig ihr Haus verkaufen zu müssen, um den einen Heimplatz finanzieren zu können. „Pro Jahr mehr als 50.000 Euro, das ist jede Menge Geld.“ Dabei sei die Versorgung im St. Josef mit den 117 Plätzen nicht einmal „optimal“, sagt er.
Kein Luxus und doch sehr teuer
Diese Kritik weist Ortsbürgermeister Sven Koch (CDU) entschieden zurück. Tatsache aber ist, das St. Josef ist keine Luxusunterkunft für Senioren. Warum ist die Unterbringung dennoch so teuer? Die Einrichtung ist nicht in privater oder kirchlicher Trägerschaft, sondern gehört der Gemeinde – was eher selten ist. Laut dem Landesverband VDEK, der unter anderem die Krankenkassen DAK, Techniker, KKH und Barmer vertritt, waren 2023 lediglich 13 Prozent der etwa 580 Heime im Bundesland in öffentlicher Trägerschaft.
Ist das Teil der Erklärung? Seit 2020 jedenfalls beschert das Heim der Gemeinde ein Defizit. Für 2024 lag es bei 1,045 Millionen Euro. Auch für 2025 wird laut Ortsbürgermeister ein sechsstelliges Minus erwartet. Auf Dauer kann und darf Herxheim nicht weiter ein Defizit in der Höhe schultern, zudem ist das Heim eine freiwillige Leistung der Gemeinde. Große Gewinne muss die Einrichtung nicht einfahren, aber eine schwarze Null. Vor allem wegen der Investitionen in die Sanierung, wegen allgemeiner Preissteigerungen sowie Lohnerhöhungen sei erneut eine Preisanpassung nötig, sagt Koch, der keinen Vorteil in einem privaten Träger sieht.
Bewohner tragen auch die Millionen an Sanierung
In den vergangenen 20 Jahren sei die Einrichtung in Herxheim grundlegend saniert und erweitert worden, zuletzt zwischen 2020 und 2023 für über fünf Millionen Euro – dafür müssen auch die Bewohner aufkommen. Denn Investitionskosten werden in Rheinland-Pfalz auf die Bewohner umgelegt. In manch anderem Bundesland übernehmen die Steuerzahler einen Teil dieser Kosten.
Und mit noch einem Aspekt hatte das St. Josef zu kämpfen. Die Belegung, die für einen wirtschaftlichen Betrieb deutlich über 90 Prozent liegen muss, ist zwar 2025 mit 95,93 Prozent sehr hoch, hat aber noch immer nicht ganz das Vor-Corona-Niveau (96,67) erreicht. Zwischenzeitlich war man auf 80 Prozent abgesackt und auch auf Leasingpersonal für die Pflege angewiesen, das deutlich teurer ist als örtlich angestellte Kräfte. Auch das trieb die Preise für die Bewohner nach oben. Seit über einem Jahr habe man keine Leiharbeitskräfte mehr.
So teuer wie nie zuvor
„In Rheinland-Pfalz ist ein neuer Höchstwert bei der finanziellen Belastung von Pflegeheim-Bewohnern erreicht“, sagt die Krankenkasse AOK: im Schnitt 2653 Euro. Durchschnittlich 875 Euro mussten Bewohner selbst für die Pflege zahlen, hinzu kamen im Schnitt 1238 Euro für Unterkunft und Verpflegung sowie 540 Euro für Investitionskosten – in Summe die 2653 Euro pro Platz und Monat. „Die Investitionskosten der Pflegeheime sollten nicht mehr den Pflegebedürftigen aufgebürdet werden“, fordert die AOK. Das unterstreicht auch Ortsbürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneter Koch. Die Preise für Heimplätze schwanken regional, aber auch von Bundesland zu Bundesland. In der Regel gilt: In der Stadt ist es wegen allgemein höherer Preise auch im Seniorendomizil teurer. Am teuersten ist es laut AOK in Nordrhein-Westfalen (fast 3000 Euro), am günstigsten in Sachsen-Anhalt (2111 Euro).
Das Stadt-Land-Gefälle ist auch bei den zwölf Seniorenzentren der Diakonissen Speyer in Rheinland-Pfalz mit zusammen 1370 Plätzen zu beobachten: Bewohner müssen in Haßloch (Kreis Bad Dürkheim) monatlich 2954 Euro aufbringen, in Speyer dagegen 3447 Euro, informiert der evangelische Träger. Und auch hier liegt man über dem Durchschnittspreis, aber bei Weitem nicht auf dem Niveau wie in Herxheim. Dennoch zahlen dort drei Viertel der Betroffenen ihren Platz selbst – und nicht das Sozialamt. Eine so hohe Quote an Selbstzahlern ist eher die Ausnahme. Denn immer mehr Menschen können das finanziell nicht stemmen.
Die Ursache für Preisunterschiede
Die unterschiedlichen Heimplatzpreise ergeben sich aus verschiedenen Faktoren, erklären auch die Diakonissen: aus unterschiedlich hohen Investitionskosten je nach Alter der Einrichtungen, der Größe des Heims sowie der jeweiligen Stellenbesetzung. Die Differenz zu anderen Trägern resultiere dazu aus anderen Tarifanwendungen, wenn etwa nicht-pflegendes Personal auch besser bezahlt werde.
Bei Preisanstiegen haben Bewohner und Angehörige die Option, den Platz zu kündigen. Doch das kommt für Martin Seelinger in Herxheim nicht in Frage. Er als auch Bürgermeister Koch hoffen, dass die Steigerung geringer ausfällt. Denn die Höhe sei noch mit den Kostenträgern, unter anderem der Pflegekasse, zu verhandeln, sagt er. Falls die einen größeren Anteil der Erhöhung übernehmen, wäre das monatliche Plus für die Betroffenen geringer. Martin Seelinger kommt dennoch ins Grübeln: Was werden seine Frau und er einmal tun, sollten sie selbst pflegebedürftig werden?
Zum Weiterlesen: Lieber sterben als ins Heim – Wie es um die Pflege in Rheinland-Pfalz bestellt ist.