Naturschutz
Die Fledermaus, die Kirchen braucht: Sorge um eine heimische Art
Bis zu vier Zentimeter lange Ohren, mit an die 20 Querfalten: Das ist ein besonderes Merkmal des Grauen Langohrs, einer mitteleuropäischen Fledermaus. Die Ohren sind dank vieler Querfalten in alle Richtungen einstellbar, was der Orientierung und der Jagd dient. Die Art wird vom Bundesamt für Naturschutz als typische Dorffledermaus bezeichnet, weil sie nur in der insekten- und abwechslungsreichen Kulturlandschaft jagt und zur Jungenaufzucht auf große Dachstühle angewiesen ist.
Katharina Schritt von der erst 2023 neu geschaffenen Koordinationsstelle Fledermausschutz Rheinland-Pfalz beim Nabu in Mainz bezeichnet das Graue Langohr als den „vielleicht treuesten Kirchgänger“, denn die sogenannten Wochenstuben, in denen die Jungen aufgezogen werden, sich die Fledermäuse aber sonst nicht aufhalten, befinden sich bevorzugt in den großen Dachstühlen von Kirchen. Weder Orgelklang noch Glockengeläut scheine die Tiere zu stören. Doch Schritt sagt auch, dass Kirchen besser zugänglich sind als Privatanwesen; es könne also sein, dass die Datenlage einfach nur unvollständig ist.
Kinderstube in Birkweiler
In der Pfalz ist die protestantische Kirche in Birkweiler (Kreis Südliche Weinstraße) ein wichtiges Quartier des Grauen Langohrs, in Rheinhessen die katholische Kirche St. Johannes Baptist in Staudernheim (Landkreis Bad Kreuznach). Als Winterquartier ist die Hardenburg bei Bad Dürkheim bekannt.
Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz verlassen die Grauen Langohren ihre Winterquartiere in Kellern, Mauerspalten, Höhlen und Stollen im März. Die Weibchen sind dann von Mai bis September in den Wochenstuben, wo die Jungtiere – immer nur eines pro Weibchen –, meist bis Ende Juni zur Welt kommen.
Die Koordinationsstelle ist gerade dabei, mit Ehrenamtlichen die Wochenstuben des Grauen Langohrs zu untersuchen. Ihr liegen 112 ältere Nachweise vor, 83 Prozent davon in Sakralbauten. Die Daten stammen teilweise aus Erhebungen Ehrenamtlicher, überwiegend jedoch aus einem Artenschutzprojekt 1989/1990, in dem aktiv nach Wochenstubenquartieren gesucht wurde.
Bestände schrumpfen stark
Die ersten Ergebnisse einer erneuten Kontrolle sind nach Schritts Angaben ernüchternd, vielerorts sind die Bestände stark zurückgegangen. In einer der ehemals größten Wochenstuben sank die Zahl erwachsener Weibchen von 180 Tieren 1995 auf nur noch 28 im Jahr 2023. Im vergangenen Jahr wurden 53 Gebäude überprüft, aber derzeit seien nur noch 30 Wochenstuben sicher nachgewiesen.
Darüber hinaus gebe es zahlreiche Hinweise auf Quartiere des Grauen Langohrs, bei denen die Art der Nutzung unklar ist. Bei wieder anderen Quartieren müsse noch geklärt werden, ob sie vom Grauen oder Braunen Langohr genutzt werden. Im Zweifel untersucht die Uni Trier Kotproben. Und schließlich gibt es Nachweise für die gesuchte Fledermaus, bei denen man die Wochenstube noch nicht kennt. Klar ist nur, dass diese im Umkreis von etwa vier Kilometern liegen müsse.
Große Dachräume nötig
Dass sich die Wochenstuben meist in Kirchen befinden, liegt daran, dass die Tiere große, ungenutzte Dachräume mit geeignetem Mikroklima brauchen. Nach Schritts Angaben gibt es eine Untersuchung aus Baden-Württemberg, wonach aufgrund von Nutzungsänderungen innerhalb der dörflichen Bebauung letztlich nur der Dachraum der Kirche als geeignetes Quartier erhalten blieb. Das heißt auch, dass es nicht damit getan ist, beispielsweise Fledermauskästen aufzuhängen. Der Nabu hofft, ehrenamtliche Betreuer zu finden, die darauf achten, dass die Wochenstuben nicht bei Bau- oder Sanierungsmaßnahmen zerstört werden.
In der Pfalz unterstützt die Katholische Kirche den Fledermausschutz. „Ich würde mir wünschen, dass es vor Ort mehr Menschen gibt, die sich kundig machen, denn dieser bedrohten Art ist mit einfachen Mitteln Schutz zu schenken. Das entspricht meinem christlichen Verständnis“, sagt Steffen Glombitza, Umweltbeauftragter der Diözese Speyer.
Beleuchtung ist gefährlich
Schritt betont, dass man die Langohren auch anders unterstützen könne. Pestizidfreie naturnahe Gärten mit heimischen Blühpflanzen oder Obstbäumen oder Streuobstwiesen seien geeignete Jagdreviere. Zudem sei das Graue Langohr besonders lichtsensitiv. Angestrahlte Kirchen sind daher keine gute Idee. Laut Bundesamt für Naturschutz wird das Langohr an helleren Stellen zur leichten Beute von Eulen.
Das Bundesamt für Naturschutz nennt als Besonderheit dieser Fledermausart, dass sie ihre Ultraschallwellen wahlweise durch den Mund oder die Nase aussenden und bei der Jagd gleichzeitig nach fliegender Beute und auf Pflanzen sitzenden Insekten suchen kann. Gejagt werde in einem Flugraum von knapp über dem Boden bis in Höhen von über zehn Metern. Die Tiere werden bis zu 15 Jahre alt.