Philippsburg RHEINPFALZ Plus Artikel Deutscher Atommüll ist zurück: Beobachtungen aus Philippsburg

Phillip Purschke (im Overall) sagt: „Ich möchte meinem siebenjährigen Sohn keine strahlende Zukunft hinterlassen.“
Phillip Purschke (im Overall) sagt: »Ich möchte meinem siebenjährigen Sohn keine strahlende Zukunft hinterlassen.«

Vor Jahren war es undenkbar, dass Atommüll ungestört durch die Lande rollt: Damals ketteten sich Atomkraft-Gegner an Gleise, Hunderte demonstrierten. Der Protest in Philippsburg bleibt am Mittwoch überschaubar – auch wenn das Atom-Zeitalter in Deutschland noch lange nicht vorbei ist.

Die vier Frauen, die in dem neu eröffnetem Café in Philippsburg frühstücken, wundern sich: So viel los an einem stinknormalen Mittwochvormittag. Wie gut, dass sie reserviert haben. Doch so ganz stinknormal ist dieser Vormittag nicht – schließlich wird heute der letzte Castor-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in der badischen Kleinstadt erwartet.

Und während die Philippsburger ihrem Alltag nachgehen, fährt am Bahnhof ein Polizeibus nach dem anderen vor. Gegenüber dem verlotterten Bahnhofsgebäude haben sich schon am Vormittag rund ein Dutzend Demonstranten und ebenso viele Medienleute eingefunden, um auf diesen Transport zu warten. Kurz vor 16 Uhr kommen die vier speziellen Waggons am Bahnhof an, die die Castoren aus der Normandie nach Baden bringen. Sie enthalten Abfälle, die nach der Wiederaufarbeitung von Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken in Frankreich übrig geblieben sind. 102 Behälter stehen in dem 2007 in Betrieb genommenen Zwischenlager in Philippsburg, vier kommen jetzt dazu.

„Generationen müssen darunter leiden“

Für diejenigen, die sich seit Jahrzehnten gegen Kernkraft einsetzen, ist dieser stinknormale Mittwoch im November deshalb ein guter Zeitpunkt, noch einmal auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam zu machen. Denn dass Deutschland die Atomkraftwerke abgeschaltet hat, bedeutet ja noch lange nicht, dass der Müll einfach verschwunden ist. „Generationen müssen darunter leiden“, sagt Evelin Pfister (64), die am Morgen mit der Bahn von Wiesbaden nach Philippsburg gekommen ist und seit den 80er-Jahren auf Demos gegen Atomkraft geht.

Pfister stellt fest, dass das Thema nach dem 2011 beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie und die Abschaltung der Kraftwerke in der Gesellschaft nicht mehr so präsent ist. Die Sozialarbeiterin in Ruhestand kann das einerseits auch nachvollziehen: „Die Jüngeren haben andere Problematiken: das Klima, den Rechtsruck ...“ Und trotzdem sei es unabdingbar, dass das „Thema wachgehalten“ wird – vom „Kern-Trupp“, wie sie sagt, wissend, dass dieses Wort durchaus doppeldeutig gelesen werden kann. Denn es gibt zwar 16 Zwischenlager-Standorte in Deutschland, an denen Kernbrennstoffe aus Atomkraftwerken und Forschungsreaktoren sowie hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung lagern, aber bis es ein Endlager gibt, werden noch Jahrzehnte vergehen. Selbstredend, dass sie die Wünsche mancher, wieder in die Atomkraft einzusteigen, für „unverantwortlich“ hält.

„Lasst den Atommüll an einem Ort“

Nicht nur Evelin Pfister, auch der halb so alte Phillip Purschke, einer der wenigen jüngeren Teilnehmer der Mahnwache am Bahnhof, halten es für gefährlich, den Atommüll durch die Gegend zu fahren. Der 32-Jährige aus Offenbach am Main sagt: „Lasst den Atommüll an einem Ort, bis es ein Endlager gibt.“ Ihn in Frankreich zu lassen, gehe doch rechtlich gar nicht, sagt Burghard Rosen von der Gesellschaft für Zwischenlagerung, die die Zwischenlager für radioaktive Abfälle betreibt: „Es ist kein ausländischer Atommüll. Es ist unser Abfall, und wir sind verpflichtet, ihn zurückzunehmen und sicher aufzubewahren.“ Deutschland ist völkerrechtlich, die deutschen Kernkraftwerksbetreiber sind privatrechtlich dazu verpflichtet, die bei der Aufarbeitung entstandenen eigenen Atomabfälle zurückzunehmen.

Herbert Würth fürchtet, dass die Zwischenlager zu Langzeitlagern werden.
Herbert Würth fürchtet, dass die Zwischenlager zu Langzeitlagern werden.

Herbert Würth (69) aus Ludwigsburg, der für acht südwestdeutsche Anti-Atom-Initiativen spricht, fordert hingegen: Man solle den Müll doch in Frankreich lassen, bis zum einen klar sei, dass es einen Endlager-Standort in Deutschland gibt. Und zum anderen, eine „realistische Bestandsaufnahme“ gemacht worden ist, wie sich der Müll in den Castoren verhält, wenn diese viel länger als die eigentlich vorgesehenen 40 Jahre in den Zwischenlagern verbleiben. Der Betrieb des Brennelemente-Zwischenlagers in Philippsburg ist aktuell bis 2047 genehmigt. Da es aber noch kein Endlager gibt, geht die Gesellschaft für Zwischenlagerung, die eben jene Lager betreibt, von einer Verlängerung aus. „Aus unserer Sicht darf der Druck nach einer Endlagersuche nicht nachlassen“, sagt Rosen: „Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.“

„Irgendwo muss der Atommüll hin“

Die vier Frauen aus Philippsburg, die an diesem Mittwochvormittag im Café frühstücken, haben vom bevorstehenden Castor-Transport im Radio gehört, sie sind mit dem Blick auf die Kühltürme aufgewachsen und haben sich nie bedroht gefühlt durch das Kernkraftwerk. Dass es vor dem Bahnhof zur Mahnwache kommt, können sie verstehen: „Klar ist es eine beängstigende Situation, wenn der Atommüll durch die Gegend gefahren wird“, sagt Iris Wittemann (58). Aber: „Der Müll muss halt irgendwo hin.“

Die Ankunft der Castoren am Philippsburger Bahnhof wird von Polizei und Protesten begleitet.
Die Ankunft der Castoren am Philippsburger Bahnhof wird von Polizei und Protesten begleitet.
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