Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Der andere „Kammerjäger“: Wen der Hesse Kai Boeddinghaus bekämpft

Kai Boeddinghaus: Geschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern. Sein Verband unterstützt aktuell bundesweit über 600 Kla
Kai Boeddinghaus: Geschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern. Sein Verband unterstützt aktuell bundesweit über 600 Klagen etwa gegen Berufsvertretungen der Ärzte, Tierärzte oder auch gegen die IHK.

Kai Boeddinghaus wirft dem deutschen Kammerwesen Verschwendung vor. Zusammen mit seinem Verband unterstützt er 600 Klageverfahren. Welche Beweise er hat.

Kai Boeddinghaus, 67, ist hartnäckig. Früher galt er wohl als Querulant. Schon lange kämpft er für Transparenz und gegen Vermögen, das Berufsvertretungen etwa der Ärzte, Apotheker und Pfleger oder die Industrie- und Handelskammern aus Beiträgen ihrer Mitglieder anhäufen. Im Gespräch mit Simone Schmidt verrät der Geschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern, wo Whistleblower sitzen, was er von der Politik erwartet und was Kammern wie die der Ärzte und Apotheker aus seiner Sicht zu verbergen haben.

Herr Boeddinghaus, die Pflegekammer Rheinland-Pfalz mit ihren 40.000 Mitgliedern steht zehn Jahre nach ihrem Start am Abgrund. Freut Sie das?
Für die von der Kammer malträtierten Mitglieder sage ich eindeutig Ja. Diese Kammer verdient es, abgewickelt zu werden. Für die Idee einer guten Berufsvertretung sage ich eindeutig Nein!

Sie leben in Hessen, sind kein Pfleger und bekämpfen die hiesige Landespflegekammer. Warum?
Ich bin ein großer Fan von Kammern als Berufsvertretungen der freien Berufe – aber Fan von guten Kammern. In diese Kategorie fällt die Pflegekammer jedoch nicht.

Warum nicht? Was macht für Sie eine gute Kammer, eine Lobby- und Berufsstandsvertretung, aus?
Gute Kammern sind transparent und demokratisch. Die brauchen auch keine Zwangsmitgliedschaft.

Manche nennen Sie kritisch-ironisch Kammerjäger. Weil Sie nicht nur die Pflegekammer, sondern bundesweit viele Kammern, wie die IHK (Industrie- und Handelskammer) oder in Schleswig-Holstein die Tierärztekammer angehen, mit Ihrem Verband gegen sie klagen oder deren Mitglieder vor Gericht unterstützen. Sie verdienen damit Ihr Geld. Wie kam es dazu?
Biografische Zufälle. Ich bin als Unternehmer von meiner IHK überraschend attackiert worden und habe damals begonnen, mich damit zu beschäftigen. 2008 wurde ich dann gefragt, ob ich die Geschäftsführung des Verbandes für freie Kammern übernehmen will. Ich hatte einfach noch mal Lust auf etwas anderes und wie ich fand, sehr Sinnvolles.

Am Mittwoch haben Sie eine neue Klage gegen die Pflegekammer in Mainz eingereicht. Um was geht es da?
Die Pflegekammer attackiert viele ihrer Mitglieder mit Vollstreckungsverfahren. Nicht in allen Fällen können wir helfen, aber einige lassen sich durch Klagen abwehren. Wir betreuen etwa 40 Vollstreckungsverfahren in ganz Rheinland-Pfalz, in denen die Kammer zwischen 150 bis 2700 Euro an offenen Beiträgen von ihren Mitgliedern eintreiben will. In zwei Fällen konnten wir das bereits erfolgreich abwehren.

Die Pflegekräfte sind nun mal gesetzlich zur Mitgliedschaft und damit zur Zahlung von Beiträgen verpflichtet ...
Im Prinzip, ja. Aber zahlen muss man eben nicht, wenn man wegen rechtswidriger Wirtschaftspläne Widerspruch eingelegt hat. Zahlen muss man auch nicht, wenn man gar keine Bescheide erhalten hat oder sich längst abgemeldet hat bei der Kammer.

Wie viele Klagen gegen Kammern allgemein unterstützen Sie zurzeit?
Deutschlandweit betreuen wir mehr als 600 laufende Verfahren und haben deutlich mehr bereits erfolgreich abgeschlossen. In Rheinland-Pfalz schätze ich die Zahl auf 150 bis 200.

Welche Folgen können Urteile etwa zu Rücklagen, angehäuftes Vermögen aus Mitgliedsbeiträgen, für die Kammern und ihre Mitglieder haben?
Die Urteile sind das wirksamste Mittel zur Beitragsentlastung. 2013 urteilte das Verwaltungsgericht Koblenz erstmals gegen das dortige IHK-Vermögen. Damals hatte die IHK noch über 61 Millionen Euro Eigenkapital bilanziert. Zum 31. Dezember 2024 waren es nur noch wenig mehr als 20 Millionen. Das ist kein Einzelfall! Bundesweit hatten die IHKn 2013 noch Vermögen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro ausgewiesen. Mittlerweile sind das rund 500 Millionen Euro weniger. Mit dem Widerstand der Mitglieder und den juristischen Erfolgen hat das rechtswidrige Bunkern von Mitgliedsgeldern ein Ende.

Die Pflegekammer in Mainz hat nun Berufung beantragt, sie will die vier Urteile gegen sie wegen rechtswidriger Mitgliedsbeiträge nicht stehen lassen. Was sagen Sie dazu?
Das Recht auf Dummheit ist in der Demokratie ausdrücklich inkludiert.

Inwiefern Dummheit?
Formal darf die Pflegekammer natürlich Urteile gegen sie anfechten. Fachlich, rechtlich, inhaltlich ist das absolut abenteuerlich und völlig haltlos.

Wie kommen Sie zu der Einschätzung völlig haltlos?
Ich kenne das Urteil. Ich kenne die Klagebegründung und ich kenne vor allem die Argumentation aus der Pflegekammer, warum sie die Berufung beantragen wollen.

Wie lautet deren Begründung?
Öffentlich schweigt die Kammer dazu.Sie versuchen die Urteile mit Gründen anzugreifen, die so nicht im Urteil stehen. Im Grunde genommen ist das der Versuch, Kammerpolitik über das Gericht zu machen, das funktioniert nicht.

Was meinen Sie damit?
Etwa, dass sich die Kammer laut Urteil nicht genug Mühe gegeben hat, Mitglieder zu akquirieren, (um so die Höhe des Jahresbeitrags senken zu können, Anm. d. Red.) Die Kammer sagt, das ist ungerecht, es gibt so viele Hürden. Da hat sie recht. Es gibt wirklich große Hürden. Der entscheidende Punkt ist aber, dass das Verwaltungsgericht Koblenz der Pflegekammer vorgeworfen hat, dass sie es gar nicht erst ausreichend versucht hat. Sie wollen mit den Hürden argumentieren, dabei geht es um das Unterlassen der Bemühungen. Das sind zwei Paar Schuhe.

Worum geht es noch?
Um die Frage der Rücklagenbildung – vorwiegend aus Mitgliedsbeiträgen. Das ist auch völlig abenteuerlich. Es gibt eine Pauschalrücklage, die erlaubt ist. Die hat sie aber ausdrücklich nach den Feststellungen des Gerichts nicht gebildet. Stattdessen haben sie zweckgebundene Rücklagen gebildet, was sie ebenfalls dürfen. Aber dabei haben sie dem Grunde und der Höhe nach jede Menge handwerkliche Fehler gemacht. Jetzt argumentieren sie, alle Rücklagen zusammen seien weniger als die Pauschalrücklage. Das ist mit amateurhaft nur freundlich umschrieben. Juristisch kann man da nur eine Bruchlandung erleben.

Sie bekommen Ihre Informationen auch intern aus der Kammer. Das heißt, von Whistleblowern?
Ja, ich habe den kompletten Tonmitschnitt aus den jüngsten zwei internen Informationsveranstaltungen mit dem Vorstand und Mitgliedern.

Die Landesärzte- und die Apothekerkammer befürchten nun, dass der Vertrauensverlust in die Arbeit der Pflegekammer auch sie schädigen könnte. Teilen Sie diese Befürchtung?
Das glaube ich sofort, dass die Angst haben. Ich würde mir wünschen, dass nun wie gegen die Pflegekammer auch deren Mitglieder vermehrt klagen. In Nordrhein--Westfalen war das jedenfalls so.

Warum wäre das aus Ihrer Sicht gut?
Das sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Und die gründen auf der rechtsstaatlichen Vorstellung, dass die Kammern Aufgaben im Interesse der Gesamtgesellschaft erfüllen. Dadurch sind sie auch der Gesellschaft gegenüber zur Transparenz verpflichtet, nicht nur ihren eigenen Mitgliedern. Aber diesem Anspruch kommen sie nicht nach, sie halten ihre Bilanzzahlen geheim. Und sie stopfen sich die Taschen mit astronomischen Aufwandsentschädigungen voll. Sie sind aber kein privater Kaninchenzüchterverein, der im Grunde tun kann, was er will.

In Rheinland-Pfalz ist die Transparenzpflicht gesetzlich eingeschränkt gegenüber Kammern der freien Berufe. Der Landesbeauftragte für Informationsfreiheit kritisiert dies, aber mehr passiert nicht. Ist dessen Position zu schwach?
Dessen Position ist tatsächlich nicht stark genug, er kann keine Sanktionen aussprechen. Das ist zu wenig. Hier muss die Politik endlich nachbessern.

Was haben denn Ihrer Meinung nach die Landesärztekammer und die Landesapothekerkammer zu verbergen?
Viel Geld.

Das müssen Sie erklären.
Es gibt zu viel Verschwendung, zu viel Aufwandsentschädigungen, zu viel Selbstbedienung.

Können Sie das belegen?
Wir kennen Zahlen aus anderen Bundesländern und wir sehen die Intransparenz in Rheinland-Pfalz. Beides zusammen lässt nicht viel Raum für Zweifel. Die Präsidenten der Ärzte-und der Apothekerkammer bekommen für diesen Job, den sie ehrenamtlich ausüben, Aufwandsentschädigungen im sechsstelligen Bereich. Teils kommen dafür Rentenansprüche obendrauf. Im Fall der Ärztekammer Niedersachsen hat das der dortige Landesrechnungshof ermittelt.

Meines Wissens kommt der Ärztekammer-Präsident nicht an eine solche Jahressumme heran, auch wenn er jeden Monat einen stattlichen Betrag vierstelligen Betrag für das Ehrenamt bekommt.
Hinzu kommen ja meist Tätigkeiten auf Bundesebene sowie weitere.

Beweise dafür haben Sie aber nicht?
Nein, hier profitieren die Kammern – noch – von der politisch gedeckten Intransparenz.

Zur Person

Kai Boeddinghaus, 67, wohnt in Kassel (Hessen) und ist seit 2009 Geschäftsführer des Bundesverbands für freie Kammern e.V. mit rund 1200 Mitgliedern, davon 180 aus Rheinland-Pfalz. Studiengänge in Theologie und Soziologie brach er ab. Über 20 Jahre war er als Busunternehmer und Reisebüroinhaber selbstständig. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Gesundheit Nordhessen AG, einem kommunalen Klinikverbund mit über 3000 Beschäftigten. Für Die Linke saß er fünf Jahre im Kasseler Magistrat; Parteimitglied ist er nicht. Seit Frühjahr 2026 hat er sich aus der Kommunalpolitik zurückgezogen.

Zum Weiterlesen: Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz

will die Urteile gegen sie wegen rechtswidrig erhobener Mitgliedsbeiträge nicht auf sich sitzen lassen. Sie hat jetzt Berufung beantragt zum Oberverwaltungsgericht in Koblenz.

Der Sitz der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz in Ludwigshafen. Kai Boeddinghaus ist im deutschen Kammerwesen gefürchtet.
Der Sitz der Industrie- und Handelskammer (IHK) Pfalz in Ludwigshafen. Kai Boeddinghaus ist im deutschen Kammerwesen gefürchtet. Der ein oder andere Politiker schätzt ihn aber als Experten.
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