Gauersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Bürgermeister Schlesser: „Viele Menschen hier haben Angst“

Ortschef von Gauersheim: der parteilose Reiner Schlesser. Seit elf Jahren ist er Bürgermeister.
Ortschef von Gauersheim: der parteilose Reiner Schlesser. Seit elf Jahren ist er Bürgermeister.

Die AfD nistet sich in der Nordpfalz ein und spaltet Gauersheim. Der Bürgermeister kämpft für Demokratie, Haltung und Respekt – und gegen die Unterwanderung der Vereine.

Gauersheim, ein hübsches Dorf in der Nordpfalz, umgeben von Feldern, Wiesen und Weinbergen zählt gerade mal 650 Einwohner. Doch seit wenigen Wochen kennt ganz Deutschland die Gemeinde. Seit nämlich die AfD dort ihren „Treffpunkt Nordpfalz“ gegründet hat, und seitdem AfD-Mitglieder am Tag der Deutschen Einheit einen Bürgerdialog gekapert haben. Mittendrin im Sturm und wie ein Fels in der Brandung steht der ehrenamtliche Bürgermeister Reiner Schlesser, 68 Jahre alt, parteilos.

Im Interview mit dieser Zeitung hat er nun erzählt, wie sehr die Ereignisse Gauersheim spalten. Es ist wie ein Riss, der sich die Hauptstraße entlangzieht und zwei Lager trennt: AfD-Anhänger auf der einen Seite, alle anderen auf der anderen. „Viele Menschen hier haben Angst“, sagt Schlesser. Um den Ruf des Ortes, um die Vereine, aber auch um ihr persönliches Wohlergehen. Einer jungen Frau sei mit sexualisierter Gewalt gedroht worden, berichtet der 68-Jährige. Auch er selbst sieht sich Drohgebärden ausgesetzt, hat sein Haus massiv gesichert. Schlesser aber will sich nicht abhalten lassen von seinem Kampf für ein respektvolles Miteinander im Ort. An Wochenenden druckt er zu Hause Gegendarstellungen zu Falschaussagen der AfD aus und verteilt sie in den Briefkästen. Seine Devise: „Jetzt erst recht. Wir müssen die Demokratie verteidigen.“ Schon bald soll sich eine neue Bürgerinitiative gegen Rechts gründen.

Amtskollegen lassen ihn im Stich

Seit elf Jahren ist Schlesser Bürgermeister, eigentlich habe er nach zwei Wahlperioden aufhören wollen. „Aber ich konnte das Feld doch nicht den Rechten überlassen“, sagt er. Sorgen macht er sich nun insbesondere über eine drohende Unterwanderung der Fußball-Spielgemeinschaft. Dort gebe es schon immer Menschen, die sich weit rechtsaußen positionierten. Deshalb suche er aktiv das Gespräch.

Und auch mit seinen Bürgermeisterkollegen aus den umliegenden Orten will er bald sprechen, denn von einigen fühlt er sich im Stich gelassen. Sie zeigen sich wenig solidarisch. „Da herrscht offenbar die Meinung: Uns kann es nicht treffen, also interessiert es uns auch nicht. Dafür habe ich kein Verständnis“, klagt er und ist überzeugt: Wenn die AfD in Gauersheim kein Objekt zum Pachten gefunden hätte, dann hätte es eine Nachbargemeinde getroffen. Derzeit prüfe die Kreisverwaltung des Donnersbergkreises allerdings, ob die Partei das Gästehaus („Treffpunkt Nordpfalz“) überhaupt als Versammlungsort nutzen dürfe – oder es ausschließlich für den Gaststättenbetrieb eine Erlaubnis gebe. Schon vor Wochen hatte Reiner Schlesser das Bauamt darauf aufmerksam gemacht. Doch die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam und auch vom Kreis fühlt sich Schlesser alleingelassen.

Rückzug kommt nicht infrage

Kein Verständnis hat Schlesser auch für die Vorwürfe, die aus Reihen der AfD nach den Vorfällen vom 3. Oktober gegen ihn erhoben wurden. Parteivertreter erzählen vom Bürgermeister als Aggressor, die Rede ist von einer Anzeige gegen ihn. Bislang sei ihm aber keine zugegangen, sagt er im Interview. Rückzug kommt für den gebürtigen Saarländer Reiner Schlesser nicht infrage. Er habe einen „dicken Panzer“ und sagt, er werde weiter voller Tatendrang für die Demokratie und den Ruf seiner Gemeinde kämpfen.

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