Schockanrufe
Angeklagte geben Hinweis auf Hintermann
Eines ist auffällig in der Verhandlung vor dem Landgericht Frankenthal: Die beiden Angeklagten sind ein Ehepaar, aber sie würdigen sich keines Blickes und kommunizieren nicht miteinander. Das liegt offenbar nicht nur daran, dass sie sich auf die von zwei Dolmetscherinnen simultan übersetzten Worte von Richtern und Zeugen konzentrieren müssen. Geld ist aber offenbar da, denn außer ihren beiden Pflichtverteidigern Sophia Boettcher und Volker Hoffmann (beide Frankental) haben sie auch noch die Strafverteidiger Stefan Bonn und Benito Bonn aus Frankfurt verpflichtet.
Der Angeklagte wird mit Fußfesseln in den Saal geführt, obwohl er sich offenbar aufgrund einer Verletzung nur mühsam und mit Krücken fortbewegen kann. Seiner Frau sind nur die Hände gefesselt, obwohl die Staatsanwaltschaft gegen sie die schwerwiegenderen Vorwürfe erhebt.
Beute abholen ist mehr als nur Beihilfe
Die beiden Slowaken, er 61, aber älter wirkend, und sie 44, sind die Abholer einer Bande, die im Auftrag unbekannter Hintermänner die Beute bei den Opfern, sechs älteren Damen, von denen inzwischen eine verstorben ist, einkassiert haben: Bargeld, Krügerrand-Goldmünzen und Schmuck im Gesamtwert von 218.000 Euro. Beide haben gestanden. Der Vorsitzende Richter Jürgen Häbe hat ihnen zuvor klargemacht, dass eine vollständige Einlassung bei der Strafzumessung berücksichtigt wird und dass es nur für Beihilfe schon drei Jahre Haft geben könnte. Abholer könnten laut Bundesgerichtshof aber nicht mehr darauf hoffen, nur der Beihilfe schuldig gesprochen zu werden, sondern würden als Mittäter betrachtet. Es seien auch zwölf Jahre drin, mindestens aber ein Jahr pro Einzeltat. Sechs Fälle waren angeklagt, aber im Lauf des Dienstagnachmittags wurde deutlich, dass dies offenbar nicht das Ende der Fahnenstange ist.
Nach einem halbstündigen Rechtsgespräch mit den Richtern und Schöffen und Beratung mit ihren Anwälten räumen die Angeklagten alle ihnen zur Last gelegten Taten ein. Strafverteidiger Stefan Bonn liest eine vorbereitete Erklärung seiner Mandantin vor, wonach diese von einem früheren Liebhaber Ende 2024, Anfang 2025 angeworben worden ist. Der soll der sogenannte Keiler sein, der vom Ausland aus anruft und die Opfer mit Schockgeschichten unter Druck setzt. Er soll Bobby heißen, Pole sein und in Warschau leben.
Eine Spur führt nach Warschau
Die Beute habe seine Mandantin einem Taxifahrer übergeben, der sie auch bezahlt habe. Schmuck bewertet haben soll die ältere Inhaberin eines Antiquitätengeschäfts in Warschau. Bobby habe der Angeklagten 1000 Euro pro Abholung versprochen. Sie müsse nur einen eigenen Pkw nutzen können, mehr brauche sie nicht zu wissen. Nur so viel: Es gehe um einen Trick, eine Täuschung. Jetzt mache sie sich große Vorwürfe, weil ihr klar geworden sei, welcher massive Druck auf die Opfer ausgeübt worden sei. Und ja, sie würde sich auch gerne entschuldigen, hätte aber Verständnis, wenn die Opfer diese Entschuldigung nicht annehmen würden.
Ihr Ehemann lässt über Benito Bonn verlauten, dass er nur mitgemacht habe, um seine Frau keinesfalls allein zu lassen. Details habe diese ihm nicht genannt, wohl um ihn zu schützen. Er habe 300 bis 400 Euro dafür bekommen, dass er den schwarzen Skoda Oktavia gefahren und in der Nähe der Übergabestellen im Auto gewartet habe. Kontakt zu den Opfern habe er nie gehabt, und ihm sei erst von seinen Verteidigern klargemacht worden, wie massiv die Angerufenen unter Druck gesetzt worden seien. Wenn er das gewusst hätte, wäre er nicht mitgegangen.
Foto von angeblichem Hintermann vorgelegt
Vielleicht weil diese Einlassungen doch eher verharmlosend klingen, trägt Stefan Bonn aber noch etwas vor, das nicht vorab schriftlich fixiert ist: Seine Mandantin habe während eines Videotelefonats ein Foto von Bobby gemacht. Er überreicht Gericht und Staatsanwaltschaft jeweils eine Farbbkopie. Öffentlich gezeigt wird sie nicht. Auch einen vollständigen Namen diktiert er dem Gericht.
Richter Häbe hat zuvor umrissen, womit die beiden Angeklagten rechnen müssen: sie mit dreieinhalb bis viereinhalb Jahren Haft, die bei guter Führung verkürzt werden könnten, er trotz geringerer Tatbeteiligung mit viereinhalb bis fünfeinhalb Jahren, weil er mehrfach vorbestraft ist und noch unter Bewährungsauflagen stand. Die Möglichkeit von Bewährungsstrafen sieht die Kammer nicht.
Täter haben sich sorgfältig getarnt
Drei Kriminalbeamte vom Polizeipräsidium Ludwigshafen geben am Nachmittag Einblick in ihre Ermittlungsarbeit. Erste Spuren zu den Tätern gab es, weil sich die SIM-Karte des Skoda in Funknetze an den Abholstellen der Beute eingeloggt hatte. Über diese Mobilfunkverbindung werden bei modernen Navis Karten-Updates geladen oder bei Unfällen Notrufe abgesetzt. Wertvolle Hinweise haben auch Nachbarn eines Ludwigshafener Opfers gegeben, die es mit dem Datenschutz nicht so genau genommen haben: Ihre privaten Überwachungskameras hatten auch öffentliche Wege aufgenommen (was nicht erlaubt ist) und die Angeklagte erfasst.
Am Ende hatten die Ermittler genug Mosaiksteinchen zusammengetragen, um Bewegungsprofile der Täter erstellen, deren Überwachung einleiten und Hausdurchsuchungen in Mainz und Wiesbaden veranlassen zu können. In der hessischen Landeshauptstadt wurde der Logistiker der Bande vermutet, der die Abholer in Marsch setzt. In der von den Angeklagten genutzten Wohnung in Mainz-Gonsenheim war unter anderem eine Kassette mit Wertsachen gefunden worden, die aus einem Einbruch in Hanau stammen dürften. Zudem gab es Hinweise auf weitere, nicht in Frankenthal anhängige Fälle im Großraum Stuttgart, Mainz, Idar-Oberstein und Lauffen/Neckar. Am Ende stand die Festnahme Ende Juni 2025 in Pirmasens nach einem gescheiterten Fluchtversuch, bei dem die Angeklagten mit einem Polizeiwagen kollidiert waren.
Ein Ermittler bescheinigte den Tätern professionelles Vorgehen „mit ständig wechselnden Klamotten“, Turban, Hüten und verschiedenen Brillen. Das Verfahren wird am 13. Januar fortgesetzt und könnte am 16. Januar zu Ende gehen.