TRIER / KLINGENMÜNSTER RHEINPFALZ Plus Artikel Amoktäter: „Vorstellungen von Allmacht und Gewalt“

Trauer und eine einzige Frage beherrscht nach der Amoktat vom Dienstag nicht nur die Trierer: Warum mussten fünf unschuldige Men
Trauer und eine einzige Frage beherrscht nach der Amoktat vom Dienstag nicht nur die Trierer: Warum mussten fünf unschuldige Menschen sterben?

Blindwütige Gewalt, die sich aus heiterem Himmel gegen wildfremde Leute richtet: Eine Amoktat, wie am Dienstagnachmittag in Trier verübt, verstört. Was sind das für Menschen, die zu so etwas fähig sind? Was löst solche Attacken aus? Und vor allem: Gibt es Alarmzeichen, Präventionsmöglichkeiten?

Nach der Amokfahrt von Trier wurde ein 51-Jähriger Deutscher aus der Umgebung der Stadt festgenommen. Am Mittwoch erging Haftbefehl wegen Mordes, Mordversuches und Körperverletzung gegen ihn. Er hat nach den Erkenntnissen der Ermittler einen geliehenen Land Rover im Zickzack-Kurs durch die Fußgängerzone gesteuert. Offenbar hat er dabei seinen Sportgeländewagen als Waffe benutzt, regelrecht Jagd auf Passanten gemacht. Fünf Menschen, die dort zufällig unterwegs waren, sind tot, 18 teils schwer verletzt. Das jüngste Todesopfer war erst neuneinhalb Wochen alt.

„Nicht nachvollziehbare Angaben“

Nach wie vor rätseln die Ermittler darüber, was den Mann zu dieser Wahnsinnstat veranlasst hat. Laut Staatsanwaltschaft hat er in einer ersten Vernehmung „wechselnde und in Teilen nicht nachvollziehbare Angaben“ gemacht. „Anhaltspunkte für etwaige politische, religiöse oder ähnliche Motive haben sich jedoch weder im Rahmen der Vernehmungen des Beschuldigten noch im Rahmen der sonstigen, bisher geführten Ermittlungen ergeben.“

Der 51-Jährige ist nicht vorbestraft. Vor der Amokfahrt hatte er Alkohol getrunken, die Blutprobe ergab 1,4 Promille. Die Tage vor der Tat soll er in dem Wagen verbracht haben. Ein Amtsarzt stellte nach der Festnahme psychische Auffälligkeiten fest, weshalb die Staatsanwaltschaft einen psychiatrischen Sachverständigen mit einem Gutachten beauftragen wird: War der Mann bei seinen Taten schuldfähig?

Dr. Eva Biebinger hat Erfahrung mit der Behandlung von Amoktätern. Sie ist Chefärztin der Klinik für Forensische Psychiatrie am Pfalzklinikum in Klingenmünster. Dort gibt es weniger als eine Handvoll Menschen, die wegen solcher oder ähnlicher Delikte verurteilt und im Maßregelvollzug untergebracht sind. Das zeigt: Amoktaten sind zwar spektakulär und finden meist ein großes Echo in den Medien. Aber sie kommen vergleichsweise selten vor.

Wahnvorstellungen und Halluzinationen

Bei erwachsenen Amoktätern sind laut der Medizinerin zwei Personengruppen zu unterscheiden: Personen, die an Psychosen, meist Schizophrenien leiden, und Menschen, die als Sonderlinge und Einzelgänger angesehen werden. Als Folge ihrer Psychosen leiden die Betroffenen an Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Sie fühlen sich plötzlich bedroht, weshalb sie massiv die vermeintlichen Angreifer attackieren. In solchen Situationen kann sich die Gewalt sogar gegen die eigene Familie richten.

Typisch für die zweite Gruppe ist nach Biebingers Worten, dass sie von ihrem Umfeld als Außenseiter wahrgenommen werden. In ihrem Leben haben diese Menschen oft Misserfolge erlitten, sie fühlen sich gemobbt, gedemütigt, ungerecht behandelt. Verbittert ziehen sie sich zurück, geben der ganzen Welt die Schuld an ihrem Schicksal. Kommt es dann zu einer Krise, einer Kränkung etwa durch Arbeitsplatzverlust oder Trennung von der Partnerin, dann entwickeln sie Rachefantasien, sagt die Medizinerin. „Sie ziehen sich in eine Fantasiewelt zurück, kompensieren die Erniedrigung durch Vorstellungen von Allmacht und Gewalt, fühlen sich nicht mehr klein, sondern halten sich für großartig.“

Andere Amoktaten als Vorbilder

Der Konsum von Gewaltvideos bestärkt diese Personen oft in ihrer eigenen Welt, so Biebinger. Häufig nehmen sie andere Amoktaten zum Vorbild, planen, wie sie sich rächen können. „Die ganze Welt soll sehen, wie großartig sie sind.“

Alkohol und Drogen können sowohl bei den Personen mit Wahnvorstellungen als auch bei denjenigen mit einer auffälligen Persönlichkeit verstärkend wirken. Eva Biebinger: „Alkohol enthemmt und macht aggressiv.“ Bei Menschen, die sich zwar schon lange in ihrer Fantasie mit einer Amoktat befasst haben, aber sich nicht dazu getraut haben, „können Alkohol oder Drogen der allerletzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt“.

Auf Alarmzeichen achten

Noch suchen die Experten nach Antworten auf die Frage, warum die allermeisten Menschen Tiefschläge und Demütigungen bewältigen und warum einige wenige wahllos Unschuldige in den Tod reißen. Alarmzeichen, die ihre Umwelt vor bevorstehendem Unheil warnen könnten, gibt es nach den Worten der Chefärztin nur wenige. Bei den an Psychosen leidenden Personen kann sich die Bereitschaft zu massiver Gewalt durch wachsende Aggressivität und Verfolgungswahn ankündigen. Bei Menschen mit Persönlichkeitsauffälligkeiten gibt es dagegen nur wenige Signale wie etwa: „Ihr werdet schon noch von mir hören.“ Und selbst die wenigen Signale werden oft nicht ernst genommen.

Als kontraproduktiv bezeichnet die Chefärztin die große Aufmerksamkeit, die Amoktätern regelmäßig in den Medien zuteil wird. Wenn sie in den Mittelpunkt der Berichterstattung gerückt werden, können andere Personen sie als Vorbilder ansehen. Deshalb, so Biebinger, sollten Amoktäter anonymisiert und nicht im Bild gezeigt werden.

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