Pfalz
Abwasser verrät Krankheitslage in der Pfalz
„Die meisten Menschen drücken auf die Toilettenspülung und machen sich keine Gedanken darüber, was dann passiert“, sagt Michael Schäfer. Er leitet das Sachgebiet Verfahrenstechnik und ist damit für die Planung und Weiterentwicklung der Kläranlage in Kaiserslautern verantwortlich. Er weiß: Aus dem Abwasser lassen sich sogar Erkenntnisse über den Gesundheitszustand der Menschen vor Ort ablesen.
Denn durch Ausscheidungen oder durch Speichel können Erreger ins Abwasser gelangen und landen damit schlussendlich auch in den Kläranlagen. Zwei Mal wöchentlich werden dem Abwasser, das in der Kläranlage in Kaiserslautern ankommt, Proben entnommen, erzählt Schäfer. Diese werden dann auf ihre Last an Viren des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das Atemwegsinfektionen verursacht, auf die für Corona verantwortlichen SARS-CoV-2-Viren und auf Influenzaviren, die Grippe auslösen, untersucht.
Fünf Kläranlagen in Rheinland-Pfalz beteiligt
Bevor es allerdings dazu kommt, durchläuft das Abwasser zunächst eine Rechenanlage, die groben Schmutz wie Hygieneartikel oder Textilien zurückhält. Direkt danach folgt der Sand- und Fettfang: Hier setzen sich Sand und Kies am Boden ab, während leichte Stoffe wie Fette und Öle nach oben steigen. „Bevor es mit der Vorklärung weitergeht – bei der das Abwasser langsam durch große Becken fließt, sodass sich organische Stoffe am Boden absetzen oder an der Oberfläche sammeln – werden die notwendigen Proben entnommen“, erklärt Schäfer. Diese werden anschließend in einem externen Labor auf ihre Virenlast untersucht.
Das Verfahren wird zurzeit in fünf Kläranlagen in Rheinland-Pfalz angewendet – in Kaiserslautern, Trier, Worms, Koblenz und Mainz, berichtet Schäfer. Sie sind Teil des Projekts „Abwassermonitoring für die epidemiologische Lagebewertung“ – kurz: „Amelag“. Seit Ende 2022 wird das Projekt vom Robert Koch-Institut (RKI) und dem Umweltbundesamt (UBA) gemeinsam mit den Bundesländern umgesetzt.
Im ersten Projektabschnitt von 2023 bis 2024 wurden deutschlandweit in 170 Kläranlagen Proben entnommen – 16 davon in Rheinland-Pfalz, darunter auch in Pirmasens und Neustadt. Die fünf weiterhin teilnehmenden Standorte wurden laut UBA ausgewählt, weil sie bereits Erfahrung mit dem Prozess hatten und über die nötige Infrastruktur verfügen. Mit bundesweit inzwischen 50 Kläranlagen wird der Gesundheitszustand von jeweils mindestens 15 Prozent der Bevölkerung in jedem Bundesland erfasst.
Corona-Virenlast im Abwärtstrend
Das RKI wertet die Daten der verschiedenen Labore dann aus und veröffentlicht sie regelmäßig auf seiner Internetseite. So könne jeder den Verlauf der Viruslast in den jeweiligen Städten nachverfolgen, sagt Schäfer. „Wir können beispielsweise erkennen, wie die Viruslast der Grippeviren ab Mitte November im vergangenen Jahr immer weiter angestiegen ist.“ Die Daten des RKI zeigen für Kaiserslautern demnach einen starken Anstieg, der nach den Feiertagen wieder etwas abgeflacht ist. Zum Vergleich: In Mainz steigen die Zahlen noch immer weiter an. Die Entwicklung der Virenlast bei Grippe und RSV ähnele dem des vergangenen Winters, heißt es vom UBA weiter. Lediglich die Corona-Virenlast befinde sich derzeit im Abwärtstrend. „Diese Daten sind momentan um einiges verlässlicher als etwa die Ergebnisse von Corona-Schnelltests, da sich momentan ja nur noch wenige Menschen testen lassen“, meint Schäfer.
Laut UBA sind die Ergebnisse eine wichtige Ergänzung zur Einschätzung der aktuellen epidemiologischen Lage. Sie könnten zu einem besseren Verständnis der Verbreitung von Infektionskrankheiten beitragen, wodurch beispielsweise Teststrategien angepasst werden können. Auf diese Weise liefere das Verfahren auch der Politik wichtige Grundlagen für die Vorbereitung auf weitere mögliche Pandemien.