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Donnerstag, 13. Dezember 2018 Drucken

Ausflüge & Reisen

Mulhouse erfindet sich neu

Von Susanne Tschirner

Knallbunt und alt: Fachwerk im Ecomusée.

Knallbunt und alt: Fachwerk im Ecomusée. (Foto: Tschirner/frei)

Auch bunt: Fachwerk.

Auch bunt: Fachwerk. (Foto: Tschirner/frei)

Bugatti – was sonst? Automobilmuseum.

Bugatti – was sonst? Automobilmuseum. (Foto: Tschirner/frei)

Der Typ, der schwitzt: Schweißdissi.

Der Typ, der schwitzt: Schweißdissi. (Foto: Tschirner/frei)

Umgekippt: nachgestellter Unfall im Eisenbahnmuseum.

Umgekippt: nachgestellter Unfall im Eisenbahnmuseum. (Foto: Tschirner/frei)

Strukturwandel im Südelsass: Ausgediente Industrie wird zu Museumskultur.

Der Typ schwitzt. Auf Elsässisch heißt er Schweißdissi und ist, in Bronze gegossen, das Symbol der Arbeiterstadt Mulhouse im Südelsass. Hubert Fischer, ehrenamtlicher Fremdenführer, erzählt: Als die Statue 1906 auf dem Hauptplatz Place de la Réunion aufgestellt wurde, wollten weder die Stadtoberen im Rathaus noch die Pfarrer im Temple St. Etienne auf ihre ziemlich nackte Hinterseite gucken. So wurde der Fünf-Meter-Mann vom Hauptplatz in einen verschämten Winkel im Parc du Tivoli umgesiedelt. Mit einem ehrenamtlichen Greeter – so nennen sich die Fremdenführer – lernt man Geschichte und Geheimnisse der ehemaligen Industriestadt kennen. Seien es Graffiti auf Briefkästen, schräge Straßennamen, alte Zunftzeichen oder die parkumgebenen Villen der Industriebarone Seite an Seite mit Wohnblocks der 1970er mit bröckelndem Putz. Mulhouse ist ein Potpourri der Baustile, das lange darunter litt, nicht so pittoresk zu sein wie die Nachbarstädte Straßburg und Colmar. Dafür entdecken wir mit Hubert ein beachtliches urbanes Projekt der Nachkriegszeit, das Bâtiment Annulaire an der Avenue Clémenceau. Seine großzügige Ringform nimmt Mulhouses Symbol auf: Das Mühlrad steht dafür, dass hier hart geschafft wurde.

Kreativ und kosmopolitisch wie eine Großstadt

Das Riesenareal der Fonderie verkörpert den Aufbruch von der Industrie- zur Kulturstadt. Wo im 19. Jahrhundert an die 10.000 Schweißdissis in der Gießerei schufteten, ziehen heute IT-Firmen und Studenten ein, peppen Street-Art-Künstler kahle Flächen auf. Auf den Grundmauern einer alten Gießerei, französisch Fonderie, entstand aus Glas und Beton das spektakuläre Universitätsgebäude für die wirtschaftswissenschaftliche und juristische Fakultät, nicht grundlos „Kathedrale“ genannt. „Lass uns mal in den 2. Stock in die Kunsthalle fahren“, schlägt Hubert vor. Und wir haben Glück. Obwohl eigentlich nur von Mittwoch bis Sonntag geöffnet ist, können wir die Ausstellung mit einer Schulkasse zusammen in Augenschein nehmen. Ateliers, zeitgenössische Kunst, Veranstaltungen für alle: Hier fühlt sich Mulhouse so kreativ und kosmopolitisch an wie eine Großstadt. Und jeder Großstadt würdig ist auch das Nomad nebenan: Fabrikoptik in einem hohen Saal mit Backsteinwänden und offener Küche, auf der Speisekarte Smoothie Detox und She’s Cake in schönstem Franglais, an den Tischen bärtige Hipster und junge Frauen mit Kinderwagen.

Im Stoffdruckmuseum wird Mulhouses Textilindustrie gefeiert. Die Stoffe, im 18. Jahrhundert mit Holzmodeln und im 19. meist mit Kupferplatten gedruckt, brillieren mit Blumen und Landschaften. Glanzlicht ist das Mogul-Tischtuch aus dem 17. Jahrhundert, das man ganz genau anschauen sollte: Die Elefanten sind aus Miniaturaffen zusammengesetzt. Couturiers wie Hermès und Jean Paul Gaultier bedienen sich nicht nur am unerschöpflichen Mustervorrat der Archive, sondern designen in Zusammenarbeit mit dem Museum auch die Wechselausstellungen.

Das teuerste Auto der Welt?

Es riecht nach Benzin, die alten Motoren knattern. Wir sind an der achtförmigen Rennstrecke im Außenbezirk des Automobilmuseums. Gerade röhrt ein knallgelber Bugatti vorbei, der Fahrer im Kostüm der Epoche winkt uns gutgelaunt zu. Der Clou hier: Für 100 Euro kann man sich selbst hinters Steuer setzen und sieben Runden in einem alten Ferrari oder anderen Oldtimern drehen. „Heilig’s Blechle“, möchte man in den Riesenhallen der Cité de l´Automobile, der Autostadt, ausrufen. 478 Blechschönheiten von den Anfängen des Autobaus Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Schumis Boliden funkeln um die Wette. Nirgendwo stehen so viele Bugattis wie hier in Mulhouse. Das teuerste Auto der Welt? Vielleicht der persönliche Wagen von Ettore Bugatti, ein Bugatti Royale, für den man wohl um die 60 Millionen hinblättern müsste. Der Großteil der Oldies stammt aus der Sammlung der Brüder Schlumpf, zwei Textilbaronen, die ab 1957 in dieser alten Textilfabrik ihre famosen Blechkarossen auszustellen begannen. Als etwa 20 Jahre später der Niedergang der Textilindustrie einsetzte und die Schlumpfs pleitegingen, besetzten streikende Arbeiter das Raritätenkabinett. 1981 kaufte es ein öffentliches Konsortium und öffnete das Museum, eins der bedeutendsten und größten der Welt, für Besucher. Was man übrigens vergeblich sucht: US-amerikanische Autos. Die Schlumpfs, in dieser Hinsicht überzeugte Europäer, fanden die Vehikel aus Übersee hässlich.

Was wurde neben Textilien noch in Mulhouse produziert? Stahl. Und alles, was man aus Stahl so macht. Zum Beispiel Eisenbahnen. Im Eisenbahnmuseum der Stadt, Europas größtem, sind sie in einem historischen Parcours versammelt: von der Buddicon No 33 „Saint Pierre“ von 1844 bis zum TGV. Alle Züge hier sind mal gerollt, in die Ferien, in den Krieg. Agatha Christie ist vielleicht in dem ausgestellten luxuriösen Pullmann-Waggon vor dem Pressehype zu ihrer Scheidung Richtung Istanbul geflüchtet. Stellen die Puppen an den weiß gedeckten Tischen des Speisewagens Hercule Poirot dar, den die Lady of Crime den Mord im Orient-Express ermitteln lässt? Polster gegen Holzklasse: Wesentlich unbequemer reisten einfache Menschen und ihr Vieh in der vierten Klasse, die es nur im preußischen Elsaß-Lothringen gab. Jedenfalls hatten sie ein Dach über dem Kopf – diesen Vorteil genießen auch Touristen, die in der kalten Jahreszeit Mulhouses Museen besonders zu schätzen wissen. Sie möchten die Beschriftungen auf Deutsch lesen? Laden Sie einfach die App SAM herunter. Sie funktioniert nicht nur hier, sondern in sämtlichen Museen des Südelsass.

Fachwerkhäuser

Auch die 78 Fachwerkhäuser im Ecomusée waren alle mal benutzt, bewohnt. Nur nicht hier, wo sie heute in einem lebendigen Freilichtmuseum beisammenstehen, sondern irgendwo im Elsass. Ein Fachwerkhaus war keine Immobilie, vielmehr konnte es Balken um Balken versetzt werden, wenn der Adlige dem Bauern das Grundstück aufkündigte. Guy Macci, eines der Gründungsmitglieder, führt uns durch das Dörfchen, das durch Scharen von Ehrenamtlichen betreut wird. Besucher werden von Treckern und Kutschen herumgefahren, Kinder dürfen Esel und Kaninchen streicheln, eine Köchin bietet elsässische Küchlein, ein Brennmeister Hochprozentiges aus seiner antiken Destille an. Angeblich symbolisieren gekreuzte Fachwerkbalken die Kinderanzahl der Bewohner. Guy winkt ab: In Straßburg gibt es ein Haus mit 100 Kreuzen.

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