Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Windpocken: Impfdurchbruch keine Seltenheit

Circa 20.000 Windpockenerkrankungen werden dem Robert-Koch-Institut zufolge pro Jahr gemeldet.
Circa 20.000 Windpockenerkrankungen werden dem Robert-Koch-Institut zufolge pro Jahr gemeldet.

Nicht alle Kinder, die gegen Windpocken geimpft wurden, sind vollständig immun. Sogenannte Durchbruchsinfektionen sind vorwiegend bei kleineren Kindern zu beobachten.

Das Kind wirkt nicht krank, hat aber ein paar merkwürdige Bläschen am Körper. „Was kann das bloß sein?“, fragt sich die Mutter. Als ihr die Kinderärztin sagt, dass es sich um Windpocken handelt, ist sie erstaunt – schließlich ist der Vierjährige komplett geimpft. Wie kann man sich das erklären? „Das ist nichts Ungewöhnliches“, sagt die Virologin Daniela Huzly, die im Konsiliarlabor für Varicella-Zoster-Virus am Uniklinikum Freiburg arbeitet. „Solche Durchbruchsinfektionen kommen vor allem bei kleineren Kindern vor, die einer sehr hohen Virusmenge ausgesetzt sind“, erläutert die Ärztin. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn sie mit einem infizierten Kind spielen oder bei ihrem Großvater, der Gürtelrose hat, auf dem Schoß sitzen.

„Man geht davon aus, dass die zelluläre Immunität bei diesen Kindern nicht hundertprozentig aufgebaut war“, berichtet die Virologin. „Sie haben in der Regel aber einen leichteren Verlauf mit viel weniger Pusteln, die auch viel schneller abheilen. Man merkt also, dass sie geimpft sind“, so Huzly. Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind 95 Prozent aller Menschen, die zweimal gegen Windpocken (Varizellen) geimpft wurden, gegen die Krankheit immun.

Anzahl der Fälle stark zurückgegangen

In diesem Jahr gingen im Konsiliarlabor bereits einige Anfragen wegen Impfdurchbrüchen ein. „Uns ist aufgefallen, dass wir zu diesem Thema oft angerufen wurden. Aber das ist nur eine Wahrnehmung. Eine Statistik gibt es leider nicht“, sagt Huzly. Insgesamt ist die Anzahl der Windpocken-Fälle in Deutschland stark zurückgegangen, seitdem die Impfung 2004 offiziell empfohlen wird: Waren es laut RKI um 2000 noch schätzungsweise 700.000 Fälle pro Jahr, liegt die Anzahl der gemeldeten Fälle nun bei jährlich ungefähr 20.000. Allerdings dürfte es auch viele nicht erfasste Fälle geben.

Klar ist jedenfalls, dass das Varicella-Zoster-Virus weiter zirkuliert, und zwar nicht nur unter Kindern: Auch Erwachsene, die an Gürtelrose (Herpes zoster) erkrankt sind, können den Erreger übertragen. Beide Krankheiten werden durch dasselbe Virus ausgelöst, doch handelt es sich bei der Gürtelrose um keine Neuinfektion. Wer sich erstmals mit dem Erreger infiziert, bekommt Windpocken. Danach schlummern die Viren lebenslang in den Nervenzellen.

Windpocken sind extrem ansteckend

Gürtelrose tritt dann auf, wenn der Erreger – oft infolge einer Immunschwäche – wieder aktiv wird. Sie ist ansteckend, wenn man in Kontakt mit der Bläschenflüssigkeit kommt – doch ist die Infektiosität laut RKI weit geringer als bei Windpocken, die vor allem durch virushaltige Tröpfchen in der Luft übertragen werden. „Die Krankheit ist extrem ansteckend. Die Viren fliegen wirklich durch die Luft, daher auch der Name Windpocken“, sagt Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Nach Angaben des RKI stecken sich mehr als 90 Prozent aller ungeschützten Kontaktpersonen an.

Lässt der Impfschutz im Lauf der Zeit nach, wie das bei vielen anderen Impfungen der Fall ist? Darauf gibt es laut Daniela Huzly keine Hinweise. „Impfdurchbrüche beobachtet man allenfalls bei kleinen Kindern, später nicht mehr“, erläutert sie. Wie gut der Impfschutz aber noch nach Jahrzehnten ist, lässt sich derzeit nicht sicher abschätzen, da die Impfung erst seit gut 20 Jahren empfohlen wird. Kinderarzt Rodeck sagt: „Nach allem, was wir wissen, kann man aber davon ausgehen, dass der Impfschutz lebenslang anhält.“ Es gibt also keine Anzeichen dafür, dass die Impfung – wie etwa bei Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten – aufgefrischt werden müsste.

Ab 60 Jahren gegen Gürtelrose impfen lassen

Allerdings kann es sein, dass sowohl das Impfvirus, also das gezielt für Impfstoffe gezüchtete Virus, als auch das sogenannte Wildvirus, also die „natürliche“, in der Bevölkerung zirkulierende Form eines Virus, wieder aktiv werden und Gürtelrose verursachen. Laut RKI verläuft die Krankheit dann aber milder als üblich. Könnte es sich bei Bläschen, die ein gegen Windpocken geimpftes Kind entwickelt, auch um Gürtelrose handeln? Prinzipiell ja, meint Huzly. „Aber das Erscheinungsbild ist ein anderes“, sagt sie. So verteilen sich die Bläschen bei Windpocken über den ganzen Körper, bei Gürtelrose sind sie dagegen auf ein Areal beschränkt. Anders als Windpocken, eine typische Kinderkrankheit, kommt Herpes zoster bei Kindern außerdem selten vor. „Gürtelrose ist eine Erkrankung, die üblicherweise im Alter auftritt“, erklärt Rodeck. Daher wird allen Menschen ab 60 Jahren eine entsprechende Impfung empfohlen.

Grundsätzlich sollten Eltern wachsam sein, wenn sie verdächtige Pusteln an ihrem Kind entdecken und beim Anruf in der Arztpraxis gleich auf die Hauterscheinungen hinweisen. Dann können möglicherweise ansteckende Kinder von anderen separiert werden. Für Laien lässt sich oft schwer erkennen, ob ein Ausschlag bedenklich ist. „Es kann auch etwas ganz anderes als das Varicella-Zoster-Virus dahinterstecken“, sagt Huzly.

Schwere Lungenentzündung bei Erwachsenen möglich

Bei Kindern sind Varizellen meistens harmlos. Zum Beispiel heißt es auf dem Nationalen Gesundheitsportal gesund.bund.de: „Die Windpocken sind zwar unangenehm, haben aber bei ansonsten gesunden Kindern selten ernste Folgen.“ Die häufigste Komplikation ist laut RKI eine bakterielle Superinfektion. Das heißt, dass Staphylokokken oder Streptokokken die lädierte Haut befallen.

Ansonsten kann das Virus vor allem bei Erwachsenen zu einer schweren Lungenentzündung führen. Davon ist nach RKI-Angaben fast jeder fünfte Erwachsene, der Windpocken durchmacht, betroffen. Andere Komplikationen sind selten. „Je älter man ist, desto schwerer verlaufen Windpocken“, berichtet Rodeck. Gefährlich ist eine Ansteckung in der Schwangerschaft: In den ersten sechs Monaten führt eine Infektion beim Kind in seltenen Fällen zu Fehlbildungen, Hirn- oder Augenschäden. Steckt sich eine Frau um den Geburtstermin an, kann ein Baby lebensgefährlich erkranken. Daher sollten sich Frauen mit Kinderwunsch, die noch keine Windpocken hatten, impfen lassen.

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