Fitness RHEINPFALZ Plus Artikel Reiten: Workout auf dem Pferderücken

Reiten sorgt nicht nur für einen fitten Körper, sondern macht durch das Zusammenspiel aus Pferd, Natur und Reiter auch glücklich
Reiten sorgt nicht nur für einen fitten Körper, sondern macht durch das Zusammenspiel aus Pferd, Natur und Reiter auch glücklich.

Reiten ist der Kindertraum schlechthin, aber auch als Erwachsener kann man sich diesen noch erfüllen. Von Sarah Termeer

Der Geruch im Pferdestall, er weckt Kindheitserinnerungen. Es riecht nach Heu, Pferdeäpfeln, Schweiß – von Tier und Mensch – und Leder. Es ist der schönste Duft für all jene, die am liebsten ihre gesamte Zeit im Reitstall verbringen. Mit Pferdeschwanz, dreckigem T-Shirt, Reiterhosen, die eng am Körper anliegen und im Sommer viel zu heiß sind, und Stiefeln, an denen der Pferdemist klebt. Insbesondere auf Kinder haben Pferde eine magische Anziehungskraft. Und das ist gut so: „Kinder lernen von und mit den Tieren“, sagt Thomas Ungruhe, Leiter der Abteilung Breitensport bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.

Reiten bedeutet nicht, auf das gesattelte Pferd zu steigen und loszutraben. Zum Reiten gehört auch, das Tier zu striegeln, ihm Sattel und Zaumzeug anzulegen und es zum Reitplatz zu führen. „Reiten bringt Kinder in Bewegung, fördert Balance und Feinmotorik“, sagt Ungruhe, der selbst Vater von drei Kindern ist. Schon Kindergartenkinder könnten Reitunterricht nehmen. Er ist der Meinung, dass die Kleinen im Stall viel für ihr späteres Leben lernen. „Man lernt, die Bedürfnisse der Tiere zu respektieren, und gewinnt Sicherheit im Umgang mit den Pferden. Das wiederum verleiht Kindern Selbstvertrauen“, sagt Ungruhe. Der Reitstall sei auch ein Ort für die Persönlichkeitsentwicklung. Empathie, Fairness und Respekt würden gefördert – gegenüber dem Tier und dem Menschen.

Aber auch als Erwachsener kann man mit dem Reiten beginnen – oder nach vielen Jahren wieder einsteigen. Ein Glück, wenn dann die Reitstiefel noch passen. Das liebste Kindheitshobby wird an einem Junitag beim „Reit- und Fahrverein 1929“ in Mainz-Hechtsheim wiederbelebt. Das Pferd Wotan ist ein polnisches Warmblut, 2006 geboren – und ziemlich groß. Die größte Sorge an diesem Tag ist, dass der Aufstieg aufs Ross misslingt – mit 17 Jahren war der Körper irgendwie noch ein bisschen gelenkiger.

Reitsport fördert die Konzentrationsfähigkeit

Doch zum Glück hat sich was getan in den Reitställen der Nation. „Wir steigen mittlerweile mit einer Aufstiegshilfe auf“, sagt Sonja Lenz, die als Reitlehrerin auf dem Hof arbeitet. Wenn ein Reitschüler zum ersten Mal aufs Pferd steigt oder nach einer langen Pause den Wiedereinstieg wagt, wird das Pferd zunächst an der Longe im Kreis geführt. Der Reiter kann sich ganz auf seinen Sitz und seine Beinarbeit konzentrieren, die Reitlehrerin führt das Tier.

Die Glückssträhne hält an: Reiten ist wie Schwimmen oder Radfahren. Einmal gelernt, bleiben die Bewegungsabläufe über viele Jahre im Gedächtnis und so kann in der ersten Reitstunde nach langer Zeit sogar Leichttraben und Galoppieren geübt werden. „Bewegungen, die bereits im Kindesalter erlernt und gefestigt wurden, sind im Gehirn abgespeichert. Mit ein bisschen Übung lässt sich in den meisten Fällen recht schnell wieder anknüpfen an bereits Gelerntes“, sagt Ungruhe.

Aber auch Erwachsene ohne Vorkenntnisse können mit dem Reiten anfangen. „Für einen Reitlehrer ist es natürlich ein Unterschied, ob der Reiter ein Wieder- oder ein Späteinsteiger ist. Grundsätzlich ist es aber nie zu spät, mit dem Reiten anzufangen“, sagt der Experte. Individuelle Faktoren wie Fitness, Lebensführung und Gesundheit spielen dabei natürlich eine Rolle. In jedem Fall ist der Sport gut für die Gesundheit: Der Umgang mit den Tieren löst eine innere Freude aus, entspannt, fördert die Konzentration und die Aufmerksamkeit. Die Glücksgefühle nach dem Sport sind jedenfalls nicht zu vernachlässigen – der Muskelkater allerdings auch nicht.

Der Körper wird in alle Richtungen bewegt

Der Reitsport ist sehr symmetrisch, beide Körperhälften werden gleichermaßen beansprucht und ohne Einseitigkeit trainiert. Der Körper wird dabei dreidimensional bewegt: nach vorne und hinten, unten und oben, links und rechts. Das wiederum stärkt die muskelkräftigenden Effekte für die Rücken- und Bauchmuskulatur, sogar bei der langsamsten Gangart, dem Schritt. Bei den drei gängigsten Gangarten – Schritt, Trab und Galopp – werden alle Muskelgruppen angesprochen und gleichzeitig das Gleichgewicht und das Bewegungsgefühl gefördert. Das alles zusammen führt zu einer verbesserten körperlichen Leistungsfähigkeit.

Nicht zu vergessen, die soziale Komponente des Sports: Ein Reiter ist selten alleine im Stall, Ausritte finden oft gemeinsam statt – der Reitsport ist ein geselliger Sport, bei dem das Miteinander groß geschrieben wird. Ebenso wichtig wie der Mensch ist das Tier bei diesem Sport. Und deswegen ist es ratsam, sich den Reitstall und die Tiere genau anzuschauen. „Ist das Pferd zugewandt, ist es neugierig und schaut den Menschen an, sind das gute Zeichen“, erklärt Ungruhe. Pferde sind Herdentiere und der Mensch ist dann ein Teil dieser Herde. Auch ein gutes Verhältnis zum Reitlehrer oder zur Reitlehrerin sei wichtig. Der Reiter sollte sich daher fragen: Stimmt zwischen dem Ausbilder und mir die Chemie?

Reitsport hat den Ruf, ein Elitesport und teuer zu sein, aber laut Ungruhe braucht man gar nicht viel, um mit dem Reiten anzufangen: einen Reithelm nach DIN-Norm, Reitschuhe mit einem Absatz, damit sie nicht durch den Steigbügel rutschen, Handschuhe und eine Reithose. Die Reithose kann auch gebraucht gekauft werden, von gebrauchten Helmen raten Experten allerdings ab – denn der Helm kann nach einem Sturz beschädigt sein, ohne dass der Schaden erkennbar ist.

Pferde sind keine Sportgeräte, sondern Partner

„Was eine Reitstunde kostet, kann pauschal nicht gesagt werden. Da gibt es große regionale Unterschiede“, sagt Ungruhe. Auch ist es ein Unterschied, ob eine Stunde 30, 45 oder 60 Minuten dauert. Die Preise fangen meistens bei 15 Euro an, Zehnerkarten sind oft günstiger und eine Einzelstunde natürlich teurer als das Training in der Gruppe.

Im Reitsport stehe das Wohl des Pferdes an oberster Stelle, betont der Experte. Seine Bedürfnisse setzten die Maßstäbe und Grenzen, an denen sich die Ausbildung von Pferden und Reitern ausrichtet. Das vertrauensvolle Zusammenspiel von Pferd, Mensch und Natur sei die Basis von verantwortungsvollem Pferdesport. „Das ist einzigartig in der gesamten Sportwelt“, sagt Ungruhe.

Wird der Reitsport derart verantwortungsbewusst ausgeführt, erleben Mensch und Tier ein Gefühl der Vertrautheit in einer besonderen Weise. Reiter und Pferd bilden eine Einheit. Wer einmal Reiten gelernt hat und diese positive Erfahrung gemacht hat, den prägt dies sein Leben lang. „So sehr das Pferd dem Menschen guttut, so wichtig ist für uns das Wohl des Pferdes. Pferde sind für uns immer Partner, keine Sportgeräte“, sagt Ungruhe.

Nur in einem Fall hat man am Pferdesport keine Freude, da kann der Reitlehrer noch so nett und das Pferd noch so lieb sein: „Wer Angst vor Pferden hat, sollte sich vielleicht eine andere Sportart suchen. Respekt vor den Tieren ist gut, Angst sollte man keine haben“, sagt Ungruhe.

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