Gesundheit
Medizinische Behandlungen: Warum weniger manchmal mehr ist
Damit Patienten eine angemessene Behandlung bekommen, veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin regelmäßig evidenzbasierte Empfehlungen unter dem Stichwort „Klug Entscheiden“. Dabei handelt es sich um Maßnahmen zu Diagnose oder Therapie, die zu häufig oder zu selten angewandt werden. Für Laien sind die Empfehlungen schwer verständlich. Dabei haben manche im Alltag eine große Bedeutung. Ein Experte erklärt vier dieser Empfehlungen im Detail:
Krampfadern nicht leichtfertig operieren
Knotig-erweiterte Blutgefäße an den Beinen sind nicht bloß ein kosmetisches Problem. Schwellungen und Hautprobleme können die Folgen sein. Darüber hinaus ist das Risiko für Venenentzündungen und Thrombosen erhöht. „Betroffene machen sich oft große Sorgen. Manche fürchten sogar, infolge von Durchblutungsstörungen ein Bein zu verlieren“, sagt Sebastian Schellong, Internist und Vorsitzender der Konsensus-Kommission „Klug Entscheiden“. „Deshalb sind viele bereit, sich an den Krampfadern operieren zu lassen“, erläutert er. Nötig ist ein Eingriff aber nur bei einer chronischen Venenschwäche. Man erkennt sie an einer starken Neigung zu geschwollenen Beinen und Hautveränderungen.
„Wenn das nicht der Fall ist, sind die Krampfadern harmlos“, betont er. Dann reichen Bewegung, das gelegentliche Hochlegen der Beine und bei Bedarf Kompressionsstrümpfe, um das Venensystem zu entlasten. „Hier müssen Ärzte in ihrer Beratung ganz klar sein. Das ist meiner Beobachtung nach nicht immer der Fall“, sagt Schellong. Die kürzlich aktualisierte „Klug Entscheiden“-Empfehlung stellt heraus, dass ein Eingriff bei Krampfadern, die keine Beschwerden bereiten, aus medizinischer Sicht meist unnötig ist.
Zöliakie-Test vor Beginn einer Gluten-Diät
Etwa ein Prozent der Bundesbürger leidet an der Autoimmunerkrankung Zöliakie, die auf einer Unverträglichkeit von Gluten beruht. Die Betroffenen müssen Weizen und andere Getreidesorten, die das Klebereiweiß enthalten, strikt meiden. Da Gluten auch mit einigen anderen Krankheiten in Verbindung gebracht wird, beginnen viele Menschen auf eigene Faust, ihre Ernährung umzustellen. Davon raten Experten ab. „Wir empfehlen, zuerst laborchemisch testen zu lassen, ob eine Gluten-Sensitivität besteht“, sagt Sebastian Schellong. Hat jemand bereits mit einer Gluten-Diät begonnen, ist es schwer, die Krankheit nachzuweisen.
Gerade bei Verdacht auf das Reizdarm-Syndrom ist es wichtig, eine Zöliakie auszuschließen. Da beide Krankheiten ähnliche Beschwerden verursachen, kann man sie leicht miteinander verwechseln. „Es geht auch darum, dass Patienten genauer wissen, was mit ihnen los ist“, erklärt der Internist. Sobald die Diagnose Zöliakie feststeht, ist eine Gluten-Diät zwingend. In diesem Fall kann man sich zum Beispiel eine Ernährungsberatung verschreiben lassen, für deren Kosten in der Regel größtenteils die Krankenkassen aufkommen. Vor diesem Hintergrund rät die „Klug Entscheiden“-Kommission zu einer zusätzlichen Untersuchung – es handelt sich also um eine Positiv-Empfehlung.
Keine Antibiotika bei Erkältungen
Schnupfen und andere Atemwegsinfekte werden meist durch Viren verursacht. Antibiotika können nur etwas gegen Bakterien ausrichten und wirken in solchen Fällen nicht. Im Gegenteil: Sie können Nebenwirkungen haben und Resistenzen fördern. Antibiotika töten nur empfindliche Bakterien ab, widerstandsfähige überleben dagegen und breiten sich aus. Das führt dazu, dass die Medikamente immer wirkungsloser werden. Daher sollten sie nur eingesetzt werden, wenn es unbedingt nötig ist.
Unkomplizierte akute Atemwegserkrankungen – also die klassische Erkältung – gehören laut „Klug Entscheiden“ nicht dazu. „Patienten bitten ihren Arzt oft gezielt um ein Antibiotikum. Leider geben Ärzte diesem Wunsch oft zu leicht nach“, berichtet Sebastian Schellong. „Zu viele Antibiotika werden in harmlosen Situationen verschrieben“, so der Mediziner. Allerdings sollten Ärztinnen und Ärzte Patienten, die mit einer Erkältung in die Praxis kommen, ernst nehmen und gründlich untersuchen. „Man muss sicherstellen, dass es sich wirklich nur um einen banalen Infekt handelt und keine Nasennebenhöhlenentzündung oder Lungenentzündung dahintersteckt“, erklärt Schellong. In diesen Fällen kann es sein, dass Antibiotika verordnet werden müssen. Auch bei bakteriellen Folgeerkrankungen können die Medikamente sinnvoll sein. Deshalb sollten sich Patientinnen und Patienten laut Schellong erneut in der Praxis melden, wenn es ihnen nach etwa einer Woche immer noch schlecht geht.
Bei Rückenschmerzen Kernspin oft überflüssig
Ein heftiger Schmerz schießt durch den Rücken, jede Bewegung ist voller Pein: In einer solchen Situation erwarten Patientinnen und Patienten, dass ein Arzt schnell die Ursache findet und beseitigt. „Sie verlangen oft heftigst danach, mit der Kernspintomografie untersucht zu werden“, sagt Sebastian Schellong. Dazu wird man in eine Röhre geschoben, in der Magnetfelder Bilder ermöglichen. „Obwohl wir in Deutschland ein dramatisches Überangebot an Kernspin-Geräten haben, ist es schwer, einen Termin zu bekommen“, berichtet Schellong. Schon das zeige, dass die teure Untersuchung zu oft verschrieben werde.
Sinnvoll sind Kernspin (auch Magnetresonanztomografie genannt), Röntgenaufnahme und Computertomografie nur bei Anzeichen einer ernsten Erkrankung: etwa Gefühlsstörungen in den Beinen, Lähmungen, starken Schmerzen in der Nacht und Fieber. Ansonsten sind bildgebende Verfahren bei unspezifischen Rückenschmerzen laut „Klug Entscheiden“ in den ersten sechs Wochen überflüssig. Von dieser Einsparung profitieren Patienten: Oft werden auf Bildern nämlich Veränderungen entdeckt, die gar nicht Ursache der Schmerzen sind. Das kann Ängste auslösen und unnötige Behandlungen nach sich ziehen, die eher schaden als nutzen.