Gesundheit
Kinderorthopäde: „Jedes Kind hat seinen individuellen Rhythmus“
Haben Kinder heute häufiger orthopädische Probleme als früher?
Den Eindruck habe ich nicht. Ich glaube aber, dass Kinder heute öfter dem Arzt vorgestellt werden. Da gibt es mittlerweile ein anderes Bewusstsein als früher. Eltern sind sich oft nicht sicher, was noch normal und was auffällig ist.
Macht es sich bemerkbar, dass sich viele Kinder zu wenig bewegen?
Ja. Wenn ein Kind den ganzen Tag nur am Rechner oder am Handy sitzt, kommen Rückenschmerzen oder andere Probleme schon mal vor. Aber es ist nicht so ausgeprägt, wie man erwarten würde. Das liegt daran, dass das kindliche Skelett noch unheimlich viel kompensieren kann. Das funktioniert beim Erwachsenen nicht mehr. Bewegungsarmut in der Kindheit rächt sich meist erst im Erwachsenenalter. Deshalb ist es wichtig, schon früh die Grundlagen für Koordination und Muskelkraft zu legen. Man kann nämlich durchaus beobachten, dass die Ungeschicklichkeit von Kindern deutlich zunimmt und es an Koordination fehlt.
Gibt es orthopädische Probleme, die von Eltern oder Kinderärzten oft zu spät ernst genommen werden?
Nein, eigentlich kaum mehr. Kinderärzte haben heute meist eine hohe Sensibilität für orthopädische Probleme. Und Eltern sind oft eher übervorsichtig geworden. Das ist aber auch in Ordnung. Ein großer Teil unserer Aufgabe als Kinderorthopäden besteht darin, zu untersuchen, ob Kinder altersgerecht entwickelt sind und ob ein Befund sozusagen normal ist.
Ein klassisches Thema sind O-Beine. Stimmt es, dass alle Babys mit O-Beinen zur Welt kommen?
Nicht alle, aber viele Babys haben tendenziell eher O-Beine. Grundsätzlich sollte das ab dem Alter von zwei Jahren, selten auch später, verschwunden sein. Wenn sich die Fehlstellung danach gar nicht verändert oder sogar verschlimmert, sollte man das schon mal ärztlich abklären lassen. Früher hatten manche Kinder infolge hochgradigen Vitamin-D-Mangels verformte Beine. Das gibt es heute so gut wie nicht mehr. Aber es gibt andere Erkrankungen, die zu O-Beinen führen können, etwa die Stoffwechselkrankheit Phosphatdiabetes.
Wie schädlich sind Babywippen, Lauflernhilfen und Hilfsmittel dieser Art?
Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich haben wir in der Kinderorthopädie das Problem, dass wir für viele Fragen und Therapien keine richtige Evidenz haben. Viele Empfehlungen, die Ärzte früher gegeben haben, haben keine wissenschaftliche Grundlage. Auch dazu, ob Lauflernwagen schaden, gibt es keine guten Untersuchungen. Ich gehe davon aus, dass es kein Problem ist. Wenn ein Kind sich aufrichtet und irgendwo festhält, ist das nichts anderes. Allerdings ergibt es keinen Sinn, etwas besonders früh unterstützen zu wollen. Jedes Kind hat seinen individuellen Rhythmus, bei dem Gene und Charakter eine Rolle spielen.
Sie sehen das also recht entspannt?
Ja. In der Vergangenheit haben wir die Dinge oft zu unentspannt gesehen. Das hat sich zum Beispiel bei der Hüfterkrankung Morbus Perthes gezeigt. Sie kann zu Schmerzen und Hinken führen, heilt aber bei vielen Kindern mehr oder weniger komplett aus. Noch vor 30, 40 Jahren wurden betroffene Kinder jahrelang in Entlastungsapparate gesteckt, was sie furchtbar traumatisiert und stigmatisiert hat. Den Verlauf der Krankheit hat das aber vermutlich kaum positiv beeinflusst. Deswegen ist bei solchen Hilfsmitteln Vorsicht geboten. Nicht alles, was vordergründig zu helfen scheint, ist wirklich die richtige Behandlung.
Kommen wir zu den Füßen. Ist es gut, wenn Kinder so viel wie möglich barfuß laufen?
Ja, das kann man grundsätzlich sagen. Es gibt eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Barfußlaufen und einem geringeren Vorkommen von Knick-Plattfüßen nahelegt. Man sollte aber darauf achten, dass der Untergrund dafür geeignet ist und keine Verletzungsgefahr besteht. Barfußlaufen auf Erde und Gras stimuliert die Muskulatur und fördert die Propriozeption, also die Tiefensensibilität. Das ist wichtig für das Körpergefühl.
Haben Sie einen Tipp für Kinderschuhe?
Das ist ein schwieriges Thema, weil es wenige wissenschaftliche Grundlagen dafür gibt, was gute Kinderschuhe ausmacht. Wahrscheinlich spielt der Schuh, wenn er nicht total daneben ist, auch keine wahnsinnig große Rolle. Wenn Kinder anfangen zu laufen, haben sie erst mal einen richtig ausgeprägten Knick-Plattfuß, weil sich Muskulatur und Bänder, die den Fuß später stabilisieren, erst noch entwickeln müssen. Deshalb sollte der Schuh dem Fuß immer eine Rückmeldung über den Untergrund geben, damit die Fußmuskulatur gefordert wird.
Wann sollte man Knick-Plattfüße behandeln?
Es gibt sehr ausgeprägte, seltene Formen des Knick-Plattfußes, die behandelt werden müssen. Beim Talus Verticalis, dem angeborenen Plattfuß, zum Beispiel sind eine Gipstherapie oder sogar Operationen nötig. Bei den meisten Kindern ist es aber so, dass sich der Plattfuß bis zum siebten Lebensjahr zurückentwickelt. Ist das nicht der Fall oder ein Befund sehr ausgeprägt, ist es sinnvoll, das Kind beim Kinderorthopäden vorzustellen. Ob eine Behandlung ratsam ist, kommt auf den Einzelfall an.
Viele Grundschulkinder quälen sich mit stark beladenen Ranzen. Wie sehr leidet der Rücken?
Schwer zu sagen. Mittlerweile gibt es Studien, die den Zusammenhang zwischen schweren Schulranzen und Rückenschmerzen weitgehend ausschließen konnten. Wahrscheinlich kann sich das kindliche Skelett auch hier relativ gut anpassen. Der gesunde Menschenverstand besagt allerdings, dass man eine sich entwickelnde und wachsende Wirbelsäule nicht zu stark belasten sollte. Was hier als Grenze gilt, ist sehr individuell. Bei sportlichen und muskulösen Kindern ist die Situation anders als bei sehr zierlichen und schlanken. Insofern kann man hier kaum eine pauschale Aussage machen.
Meist raten Orthopäden zu mehr Bewegung. Welche Sportarten empfehlen Sie?
Fast alle Sportarten sind für Kinder geeignet, wenn man sie in einem vernünftigem Rahmen, also ohne starken Leistungsdruck, betreibt. Entscheidend ist, dass der Sport den Kindern Spaß macht. Dann machen sie ihn auch weiter und haben später als Erwachsene körperlich ganz andere Voraussetzungen. Wenn man schon im Kindesalter den Grundstein zu einer sportlichen Aktivität legt, zahlt sich das im Erwachsenenalter aus.
ZUR PERSON
Professor Dr. med. Sébastien Hagmann arbeitet als Kinderorthopäde und Fußchirurg am Deutschen Gelenkzentrum in Heidelberg. Er hat vor Kurzem einen Eltern-Ratgeber veröffentlicht, der auf seinen Erfahrungen basiert: „Aus der Praxis eines Kinderorthopäden: Was Eltern rund um die körperliche Entwicklung ihres Kindes wissen sollten.“ Trias Verlag, Stuttgart. 144 Seiten, 24 Euro.