Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Keto: „Fett-Diät“ als Therapie

Butter, Spiegelei, Käse, Avocado, Speck – Lebensmittel, die bei anderen Diäten auf der roten Liste stehen, sind bei einer Keto-E
Butter, Spiegelei, Käse, Avocado, Speck – Lebensmittel, die bei anderen Diäten auf der roten Liste stehen, sind bei einer Keto-Ernährung erlaubt. Dafür werden herkömmliche Nudeln, Brot und Reis wegen ihres hohen Kohlenhydrat-Gehalts gestrichen.

Ketogene Kost liegt als Abnehmmethode im Trend. Die Ernährungsform gilt zudem als Hoffnungsträger bei zahlreichen Krankheiten. Dabei sind die Langzeitrisiken unklar.

Von Angela Stoll

Ein knackiger Apfel am Morgen oder eine saftig-süße Melone bei Hitze: Es gibt Momente, in denen Theresa (Name von der Redaktion geändert) von solch verbotenen Genüssen träumt. „Insgesamt komme ich mit ketogener Ernährung aber gut zurecht“, berichtet die 41-jährige Lehrerin, die mit Ende 20 die Diagnose Epilepsie bekommen hat. Sie isst gerne Eier, Salat, Nüsse und Fleisch aus guter Haltung, probiert neue Rezepte aus und backt gelegentlich sogar Kuchen. „Mit Keto-Spezialprodukten, die man online bestellen kann, ist das heute kein Problem mehr“, erklärt sie.

Radikale Form von Low Carb: Sahne und Speck sind erlaubt

Ketogene Ernährung setzt auf extrem wenige Kohlenhydrate und viel Fett. Sahne, Käse, Speck – Lebensmittel, die bei anderen Diäten auf der roten Liste stehen, sind erlaubt. Dafür werden herkömmliche Nudeln, Brot und Reis wegen ihres hohen Kohlenhydrat-Gehalts gestrichen. Diese radikale Form von Low Carb liegt als Abnehmmethode im Trend. Ursprünglich ist ketogene Ernährung eine Therapieform zur Behandlung von Epilepsie. Einer Cochrane-Analyse (Übersichtsarbeit) zufolge kann sie die Anfallshäufigkeit grundsätzlich verringern und bei Kindern sogar dazu beitragen, dass Anfälle ganz ausbleiben.

Da die Keto-Diät aber mit viel Aufwand und Risiken verbunden ist, empfehlen Ärzte sie meist nur dann, wenn Medikamente nicht helfen – so wie es bei Theresa der Fall war. Sie hat damit eine gewisse Besserung erreicht. „Immerhin sind die kleinen Anfälle seltener geworden“, sagt sie.

In den vergangenen zehn Jahren ist ketogene Ernährung immer stärker in den Fokus der Forschung gerückt. „In diesem Zeitraum ist die Anzahl der Studien zu dem Thema deutlich gestiegen“, berichtet Tobias Fischer, Professor für Angewandte Ernährungswissenschaften an der FH Münster. Die Liste potenzieller Anwendungsgebiete reicht von Alzheimer über Krebs bis zu Zystennieren. „Allerdings ist die Qualität der Studien oft eingeschränkt – unter anderem, weil häufig Kontrollgruppen fehlen oder die angewendeten Ernährungsformen stark unterschiedlich sind“, erläutert der Forscher. Ein Team um Fischer analysierte kürzlich anhand von 36 Studien die Verträglichkeit der ketogenen Diät. Mehr als 43 Prozent der Teilnehmer berichteten über Nebenwirkungen, die meisten davon waren aber mild. Schwere Komplikationen traten nur sehr selten auf. Dennoch bleibt laut Fischer ein Punkt ungeklärt: „Wir können noch nicht sagen, welche Langzeitrisiken eine ketogene Ernährung wirklich hat.“

Fett und Kohlenhydrate im Verhältnis 4:1 oder 3:1

Bei der klassischen ketogenen Diät setzt sich der Speiseplan so zusammen, dass das Verhältnis von Fett zu Nicht-Fett (Kohlenhydrate und Eiweiß) 4:1 oder 3:1 beträgt. Darüber hinaus gibt es andere, weniger strenge ketogene Ernährungstherapien – vor allem die „modifizierte Atkins-Diät“, die etwa 20 Gramm Kohlenhydrate pro Tag erlaubt. Sie baut auf dem Programm des US-Kardiologen Robert Atkins auf, das vor allem auf Gewichtsabnahme zielt.

Am besten untersucht ist die Wirkung der ketogenen Ernährung bei Epilepsie. Schon in den 1920er-Jahren behandelte man an der Mayo-Klinik in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota Kinder damit. Vorausgegangen war die Erkenntnis, dass Fasten die Krankheit positiv beeinflussen kann. Der Arzt Russell Wilder entwickelte daraufhin eine Ernährungsform, die denselben Effekt auf den Stoffwechsel erzielte. Tatsächlich kommt es bei einer sehr kohlenhydratarmen Ernährung wie beim Fasten zur Ketose: Weil der Körper kaum Zucker erhält, gewinnt er Energie aus Fettsäuren, die in der Leber zu Ketonen umgewandelt werden und als eine Art Ersatztreibstoff dienen.

Klare Effekte bei seltenen Stoffwechselkrankheiten

Klar erwiesen sind die Effekte vor allem bei seltenen Stoffwechselkrankheiten wie dem Glukosetransporter-1-Defekt. Dabei wird das Gehirn unzureichend mit Zucker versorgt, weil ein Transporter fehlt – epileptische Anfälle sind die Folge. Ketone aber können das Gehirn erreichen und als alternative Energiequelle dienen. „Deshalb ist eine ketogene Ernährung hier die Therapie der Wahl“, erklärt Felix Rosenow, Epilepsie-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Blutzucker steigt nur wenig – Insulinbedarf sinkt

Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Migräne und Hirntumoren könnte die Keto-Diät positive Effekte haben – noch ist die Datenlage aber begrenzt. Dagegen ist sie bei Typ-2-Diabetes zumindest als ergänzende Therapie anerkannt. „Bei starker Insulinresistenz und hohem Insulinbedarf ist eine ketogene Ernährung durchaus eine Option, um Zucker- und Insulinwerte zu senken“, sagt Thomas Skurk, Professor für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. „Nicht jeder spricht darauf an. Aber wenn es gut funktioniert, sind die Effekte mit denen eines guten Diabetes-Medikaments vergleichbar“, so der Experte.

Weil kaum Kohlenhydrate aufgenommen werden, steigt der Blutzucker nur wenig an, sodass der Insulinbedarf sinkt. „Um genügend Energie bereitzustellen, macht der Körper Fettreserven zugänglich und wandelt sie in Ketonkörper um“, sagt Skurk. Dadurch kommt es zu Fettabbau und Gewichtsverlust, was die Insulinsensitivität verbessert. „Das ist ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt“, so der Professor.

Da die Diät aber mit Risiken verbunden ist, sollten gerade Menschen mit Diabetes sie nicht auf eigene Faust durchführen: „Wenn der Blutzucker dadurch sehr schnell sinkt, kann es zu einer Hypoglykämie kommen“, erläutert Skurk. Eine solche Unterzuckerung ist gefährlich, da sie im Extremfall zu Bewusstlosigkeit und Unfällen führen kann.

Gefahr einer Fettstoffwechselstörung

Besonders kritisch ist die Anfangsphase der Ernährungsumstellung. Die Diät erfordert eine so radikale Neuausrichtung des Stoffwechsels, dass es in den ersten Tagen auch bei gesunden Menschen zur berüchtigten „Keto-Flu“ (Keto-Grippe) kommen kann. Sie äußert sich durch Kopfschmerzen, Müdigkeit, Verdauungsprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten.

Langfristig könnte die Ernährungsform ganz andere Gefahren mit sich bringen. So drohen Defizite bei der Vitamin- und Mineralstoffversorgung, da Lebensmittel wie Hülsenfrüchte und Getreide wegfallen. Und nicht nur das. „Sie ist so fett- und proteinreich, dass man sich geradezu in eine Fettstoffwechselstörung hinein essen kann“, warnt Skurk. In diese Richtung deutet eine neue experimentelle US-Studie mit Mäusen, die neun Monate lang ketogen zusammengesetztes Futter erhielten. Die Tiere blieben zwar schlank, bekamen aber große Stoffwechselprobleme.

Auch für die Nieren ist eine ketogene Ernährung nicht unproblematisch. „Hohe Ketonkörperwerte führen zu leicht saurem Urin. Das kann die Bildung von Nierensteinen begünstigen“, sagt Skurk. „Es ist also nicht zu empfehlen, sich langfristig ketogen zu ernähren“, erläutert er. Menschen mit Insulinresistenz, bei denen die Diät gut wirke, könnten auf weniger strenge Low-Carb-Diäten umsteigen, rät der Ernährungsmediziner. Im besten Fall bleiben sie dadurch in einer milden Ketose, ohne größere Risiken einzugehen.

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