Computerspiele RHEINPFALZ Plus Artikel Amiga-Germany-Fanmagazin: Wie aus Nostalgie ein Herzblut-Projekt wird

Auf 16 Ausgaben hat es das Fanmagazin bislang gebracht. Im Dezember 2025 erscheint die 17. Ausgabe.
Auf 16 Ausgaben hat es das Fanmagazin bislang gebracht. Im Dezember 2025 erscheint die 17. Ausgabe.

Als Mitgründer und Chefredakteur des Fan-Magazins Amiga-Germany hat sich der Günzburger Martin Becker einen 30 Jahre alten Traum erfüllt.

Seine erste „Freundin“ hatte Martin Becker vermutlich vor der ersten Freundin, sagt er. Die Freundin, das ist der liebevolle Kosename des Heimcomputers Amiga der Firma Commodore. Die Herkunft des Spitznamens liegt auf der Hand: Amiga ist Spanisch und bedeutet Freundin. Die Liebe Beckers zu diesem Gerät hat die Liebe zum ersten Schwarm lange überdauert. So sehr, dass er gemeinsam mit einem ganzen Team heute ein Fan-Magazin über den Amiga, seine Technik, seine Protagonisten und seine Spiele herausgibt. Und das 40 Jahre, nachdem das Gerät seinen Siegeszug (nicht nur) in deutschen Wohn-, Arbeits- und Kinderzimmern antrat.

Martin Becker ist Mitgründer und Chefredakteur des Amiga-Germany-Fanmagazins.
Martin Becker ist Mitgründer und Chefredakteur des Amiga-Germany-Fanmagazins.

In der Spielerlaufbahn von Martin Becker werden sich viele wiedererkennen, die Mitte der 70er- bis 80er-Jahre geboren wurden und Interesse an Telespielen, so der damals gängige Begriff, hatten. „Mit dem C64 fing alles an“, erzählt Becker, Jahrgang 1977, im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Doch nach dem Heimcomputer-Flaggschiff der US-amerikanischen Firma Commodore kam dann der Amiga, den er zuerst bei einem Kumpel ausprobierte. 700 Mark ließ sich Becker dann das Modell Amiga 500 kosten. „Das war eine ganz neue Qualität“, erinnert er sich an die Spezifikationen des als Multimediamaschine konzipierten Heimcomputers, der viele IT-Leute von heute damals dazu veranlasste, ihren beruflichen Weg mit Grafik, Musik oder Programmierung zu beschreiten. Am meisten Zeit verbrachte der damalige Teenager aber mit der gewaltigen Spielebibliothek, die wie bei so vielen seiner Altersgenossen vor allem als Raubkopie ihren Weg ins Diskettenlaufwerk fand.

Die Raubkopierer-Szene, aber vor allem der technische Fortschritt, sorgte dann Mitte der 90er-Jahre dafür, dass das Gerät langsam aber sicher in Rente zu gehen schien. Becker wandte sich anderen Spielemaschinen zu, etwa dem damals dominanten IBM-PC, aber auch Konsolen wie der ersten Playstation oder dem Nintendo 64. Der Amiga geriet bei ihm aber nicht in Vergessenheit und blieb viele Jahre „in schöner Erinnerung“, wie er sagt.

Paradies im Waffenladen-Lager

Becker wurde älter, beschäftigte sich mit anderen Dingen und aus einem Amiga-Shop in seiner Heimatstadt Günzburg in Bayern wurde ein Waffengeschäft. Als der Besitzer dann vor einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen sein Geschäft aufgeben musste, erhielt Becker einen Anruf. Weil er in Günzburg als Videospiel-Enthusiast bekannt war sollte er sich das Lager des Geschäftes mal anschauen. Was er darin fand, bezeichnet er heute als „Paradies“, denn der Laden sei noch voll gewesen mit alten Amiga-Geräten, Zubehör und Software, alles Überbleibsel aus Amiga-Vergangenheit des Geschäfts. „Ich hab das Lager leergemacht und alles mitgenommen. Ganze vier Fahrten musste mein VW Candy vollgeladen bewältigen“, erzählt er. Den Großteil davon habe er für den gesundheitlich angeschlagenen Eigentümer verkauft, vieles aber auch behalten und in ihm sei wieder das Amiga-Feuer entfacht geworden. Und in ihm wuchs der Drang, sich mit Gleichgesinnten über das Thema Amiga zu unterhalten.

Doch wo? Foren im Internet habe es zwar gegeben, dort ging es aber vor allem um technische Aspekte. „Ich hatte aber keine Lust, mich über Betriebssysteme zu unterhalten“, sagt der 48-Jährige, der als Arbeitstherapeut in der Forensik arbeitet. So gründete er gemeinsam mit Kumpel Andy Brenner eine Facebook-Gruppe, die sich vor allem um das Thema kümmerte, womit der Commodore-Computer immer am meisten in Verbindung gebracht wurde: Spiele. „Der Zulauf war gigantisch“, erinnert sich Becker an die Anfangszeit von „Amiga Germany“ im Januar 2021. Heute seien es über 11.000 Mitglieder, die die Gruppe bei Facebook hat. „Wir sind zwar nicht die größte Amiga-Seite, aber sicher die aktivste.“

Erstausgabe nach zehn Minuten vergriffen

Doch dabei sollte es nicht bleiben. Becker, dessen Berufswunsch einmal Videospielredakteur gewesen war, schrieb die ersten Artikel, die in der Community auch gut angekommen seien. Gemeinsam mit Brenner, der in der Werbebranche arbeitete, ersann er ein Amiga-Germany-Magazin auf Papier, mit einem Layout im Stil eines 90er-Jahre-Videospielmagazins. Anfangs waren es 250 Hefte mit 38 Seiten: „Mehr eine Broschüre“, urteilt er heute. Doch die beiden trafen damit wohl einen Nerv. Nach einer - wie er sagt „vollkommen übertriebenen“ - Ankündigung in sozialen Netzwerken waren die ersten 250 Hefte innerhalb der ersten fünf Minuten verkauft. Es wurde nachbestellt doch auch diese Charge war nach zehn Minuten vergriffen. So ging das noch zwei weitere mal, bis die Auflage ermittelt war, um ohne Risiko groß in Vorleistung zu gehen. Die beiden Macher hatten Blut geleckt, aber es sei auch Druck da gewesen; die Erwartungen waren groß. Das zweite Heft hatte bereits 47 Seiten und war ein ähnlicher Erfolg. Die Auflage, die Seitenzahl und der Preis wuchs im Laufe der Jahre, und heute bekommen Amiga-Fans – auf Wunsch auch im Abo – ein 60 Seiten starkes Heft im Din A5-Format zum Preis von fünf Euro.

Das Fanmagazin ist auch eine Hommage an die Video- und Computerspielzeitschriften der 90er-Jahre.
Das Fanmagazin ist auch eine Hommage an die Video- und Computerspielzeitschriften der 90er-Jahre.

Sechs bis sieben Leute arbeiten heute an dem Heft: „Das sind alles Leute aus dem Fach, alles Amiga-Experten und Leute, auf die ich mich verlassen kann“, ist Becker stolz auf seine Mannschaft. Journalisten seien keine darunter, schließlich handle es sich immer noch um ein Fanmagazin. „Aber wir haben eine Sache, die andere oft weniger haben: Herzblut. Es geht weniger um Profit, mehr um den Spaß an der Sache“, erzählt Becker. Es sei mittlerweile ein ernstgenommenes Magazin, mit viel prominenter Unterstützung, denn auch der ein oder anderen Gastbeitrag eines bekannten Namens aus der Spielepresse habe immer wieder den Weg in das Heft gefunden. Der Anspruch Beckers an sein Produkt sei hoch. „Recherche nehme ich absolut ernst. Da reicht kein Wikipedia“. Und deshalb scheue er sich nicht, zu Recherchezwecken auch Entwickler direkt zu kontaktieren, um ihnen Fragen zu über 30 Jahre alten Spielen zu stellen. Die stünden dann auch gern Rede und Antwort: „Für die ist es in gewisser Weise auch eine Ehre, dass wir uns für das interessieren, was sie vor 30 Jahren erschaffen haben.“ Einige Entwicklungsgeschichten seien im Amiga-Germany zum ersten Mal niedergeschrieben worden, genau wie Geschichten und Fakten, die zuvor unbekannt gewesen seien, erzählt Becker stolz.

Traum geht nach 30 Jahren in Erfüllung

Eigene Redaktionsräume gebe es nicht. „Wir kennen uns überwiegend nur online, erzählt Becker. „Mittlerweile trafen wir uns zwar auf der Gamescom und der Amiga 40, auf denen wir auch eigenen Messestände hatten. Der Redaktionsalltag ist aber online oder telefonisch. Es funktioniert bestens.“ Daran sehe man, wie gut seine Truppe sei, sagt der Chefredakteur. Kurz vor Weihnachten soll jetzt die 17. Ausgabe des vierteljährlich veröffentlichten Magazins erscheinen, mit dem sich für Becker ein Traum erfüllt hat: „Das ist das, was ich immer machen wollte und ich hätte nie geglaubt das es nach 30 Jahren tatsächlich passiert“.

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