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Donnerstag, 11. Oktober 2018 Drucken

Beruf & Bildung

«Ich kann alles erzählen»

Projekt hilft Menschen raus aus Hartz-IV

Projekt "Perspektiven für Familien"

Ulrike Nitsche, Diplom-Sozialpädagogin vom Jugendamt in Nürnberg, und Familien-Manager Bernd Braun unterstützen in dem Projekt "Perspektiven für Familien" Menschen, die von langer Arbeitslosigkeit betroffen sind. Foto: Daniel Karmann

Ihre Kunden nennen sie schon einmal «Schutzengel»: Mitarbeiter in einem Nürnberger Jobcenter helfen dabei, Menschen mit Problemen wieder in Arbeit zu bringen. Das verlangt beiden Seiten viel ab.

Nürnberg (dpa) - Es ist manchmal ein Teufelskreis. Kinder von Hartz-IV-Empfängern werden eher zu Leistungsbeziehern als Kinder aus anderen Familien. Das zeigen nicht nur Erfahrungen, sondern auch Studien.

Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit

In Nürnberg haben sich dafür Stadt und Jobcenter in einem speziellen Projekt vor Jahren zusammen getan, um die vererbte Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es heißt «Perspektiven für Familie» und macht mittlerweile auch in Sachsen und Nordrhein-Westfalen Schule.

Fallmanager Bernd Braun und Sozialpädagogin Ulrike Nitsche kümmern sich in einem von drei Tandems zusammen um rund 40 Fälle. Sie schauen, wie man Familien unterstützen kann, damit sie wieder zurück in die Arbeitswelt finden. Die Probleme seien vielfältig, erzählen beide. «Das fängt schon bei einer fehlenden oder nicht passenden Kinderbetreuung an, Schwierigkeiten in der Schule, Schulden, Wohnungsproblemen», sagt Nitsche: «Wir haben viele Alleinerziehende, die teilnehmen, viele Familien mit Migrationshintergrund - da sind dann auch sprachliche Probleme dabei», erzählt Braun.

Arbeit im Tandem

Was die Tandems in Nürnberg dem entgegensetzen, ist ein Bündel von Förderungen. Qualifikationen für Erwachsene sind dabei, aber auch Nachhilfe für Jungen und Mädchen. 41 Kinder hätten die Schulhilfe seit Beginn des Projekts schon in Anspruch genommen. «Wir versuchen ein passgenaues Angebot zu zimmern, damit die Noten besser werden und sie weiter kommen», sagt Nitsche. Mit besserer Schulbildung und einem besseren Abschluss seien die Chancen später auch besser, einen Beruf zu erlernen. Integration sei das Hauptziel: «Nicht nur in Arbeit, sondern auch in die Gesellschaft, um einen Stand im Leben zu haben.»

Die Eltern seien zum Teil extrem weit weg vom Arbeitsmarkt, manche seien 20 Jahre lang arbeitslos. Laut Definition der Bundesagentur für Arbeit (BA) zählt man zu den Langzeitarbeitslosen, wenn man ein Jahr oder länger ohne Job ist. Viele rutschen dann in die Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV). Aktuell zählt die BA mehr als vier Millionen Hartz-IV-Empfänger. Mit geförderten Jobs sollen sie ab 2019 mehr Teilhabechancen bekommen. Der Gesetzentwurf dazu wurde am 11. Oktober erstmals im Bundestag beraten.

Viele Alleinerziehende

«Depressionen und fehlendes Selbstwertgefühl spielen eine wichtige Rolle», sagt Nitsche. Das erfahre man oft mit der Zeit in der Betreuung. Geeignete Familien werden vom Jobcenter oder vom Jugendamt an das Projekt verwiesen. Etwas Eigeninitiative sei auch gefragt, erklärt Braun.

Neben den regelmäßigen Treffen im Jobcenter gebe es auch Hausbesuche. «Die Leute sind da gelöster, man bekommt einen besseren Einblick in die Familie - die Wohnung sagt ja auch etwas über den Menschen aus», sagt Nitsche. 119 Familien werden gerade begleitet, 88 Alleinerziehende sind darunter - vor allem Frauen.

Hilfe von «Schutzengeln»

Eine von ihnen ist M. Thalia. Die 38-Jährige, die ihren echten Namen nicht veröffentlich sehen will, kommt vor fast 20 Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Sie hangelt sich nach ihrem Hauptschulabschluss von Job zu Job. Mit ihrer Tochter teilt sie eine Einzimmerwohnung. Die Sechsjährige muss gefördert werden und besucht seit kurzem eine Inklusionsklasse. Das Jugendamt bringt vor knapp zwei Jahren Tandem-Mitarbeiter und Thalia zusammen. Sie wird von Sozialpädagogin Ruth Hainz und einem Fallmanager in einem der Tandems betreut. Die Alleinerziehende spricht von ihren beiden «Schutzengeln».

Hilfe bekommt sie in finanziellen Dingen, bei der Suche nach einem geeigneten Hort für ihre Tochter, nach einer passenden Schule und nach einer beruflichen Perspektive für sich. Sie möchte sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und will eine Qualifikation als Sozialbetreuerin in dem Bereich machen. Im November geht es los.

Individuelle Lösungen finden

«Mit einem eigenen Einkommen verbessern sich auch die Chancen auf eine neue Wohnung», sagt Hainz. Als Thalia in das Tandem kommt, steckt sie in einer Qualifizierung zur Steuerfachangestellten. Mit Blick auf das Lernpensum und ihre verfügbare Zeit eine ungeeignete Maßnahme, wie sich später herausstellen sollte.

In vielen Gesprächen suchen Tandem und Thalia nach einer anderen Lösung und kommen schließlich auf die Flüchtlingsarbeit. Je nach Lage sehen sie sich etwa alle vier Wochen. Bei den Treffen geht es nicht nur um Behördengänge. «Ich kann alles erzählen - auch wenn ich private Probleme habe und Tipps brauche», sagt Thalia. All das gehe bei anderen Beratern nicht. Sie fühlt sich auf einem guten Weg.

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