Bundeswehr
Wo aus jungen Männern Soldaten werden sollen
Bis 2011 musste theoretisch jeder taugliche volljährige Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst leisten – oder einen Zivildienst. Zuständig für Musterung, Eignungsprüfung und Einberufung von Wehrpflichtigen waren die Kreiswehrersatzämter.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs reduzierte Deutschland seine Truppe, die im Kalten Krieg bis zu 450.000 Köpfe zählte, immer weiter. Die Landesverteidigung rückte in den Hintergrund, Leitbild wurde eine schlanke Berufsarmee mit Fokus auf internationale Einsätze. Unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) setzte die Bundesregierung die Wehrpflicht schließlich aus. Die zuletzt 52 Kreiswehrersatzämter wurden aufgelöst. 15 Karrierezentren übernahmen Aufgaben der Personalgewinnung und -beratung.
Nachdem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine die Illusion von einem dauerhaften Frieden in Europa platzen ließ und gleichzeitig immer mehr Fragezeichen hinter dem militärischen Schutz durch die USA auftauchten, beschloss die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine Reform. Der neue Wehrdienst basiert zunächst auf Freiwilligkeit, im Bedarfsfall, etwa bei einer akuten Bedrohung von außen, kann der Bundestag eine Verpflichtung zur Wehrdienstleistung beschließen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will so die Anzahl der Soldatinnen und Soldaten von aktuell rund 186.000 auf künftig 260.000 steigern.
200.000 Fragebogen
Kern des Verfahrens ist die vollständige Erfassung möglicher Wehrdienstleistender. Gut 200.000 junge Männer und Frauen haben seit Mitte Januar einen Fragebogen von der Bundeswehr bekommen, in dem es um die Bereitschaft zum Wehrdienst geht. Junge Männer müssen ihn verpflichtend ausfüllen, junge Frauen können dies freiwillig tun. Eine Wehrdienstverweigerung ist weiter möglich. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums haben knapp drei Viertel der angeschriebenen jungen Männer den Fragebogen ausgefüllt, eine nicht näher benannte Anzahl habe bereits den Dienst in einer Kaserne angetreten.
Ab 2027 soll jeder junge Mann – beginnend mit dem Jahrgang 2008 – verpflichtend gemustert werden. Erfolgen soll das künftig in einem von 24 über das Bundesgebiet verteilten Musterungszentren. In 16 Fällen werden die Zentren an bereits bestehenden Standorten der Bundeswehr eingerichtet, liegen aber außerhalb der dortigen Truppen-Liegenschaften. Der besseren Erreichbarkeit wegen wurden externe Objekte angemietet. Dies betrifft demnach die Städte Bonn, Dresden, Hamburg, Kassel, Kiel, Koblenz, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Nürnberg, Oldenburg, Potsdam, Saarlouis, Schwerin, Ulm und Wiesbaden. Darüber hinaus werden acht weitere Musterungszentren in Bielefeld, Braunschweig, Dortmund, Jena, Kempten, Offenburg, Regensburg und Würzburg entstehen. „Diese Städte werden künftig neue Standorte der Bundeswehr sein“, heißt es. Für die einzelnen Musterungszentren werden jeweils rund 50 zivile Dienstposten bereitgestellt.
In den Musterungszentren wird dem Ministerium zufolge die grundsätzliche Eignung der Kandidaten geprüft. Jedes Musterungszentrum wird einem der bestehenden 15 Karrierecenter der Bundeswehr zugeordnet, in denen Beratung und Betreuung für die Bewerbenden stattfinden – zusätzlich auch die umfassendere medizinische, körperliche, kognitive, und psychische Eignungsprüfung für eine militärische oder zivile Laufbahn. Das erste Zentrum soll voraussichtlich noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen.