Politik Was von der Idee des kostenlosen Interrail-Tickets übrig blieb
Seit gestern Mittag, zwölf Uhr, ist es soweit: Alle 18-Jährigen der 28 EU-Mitgliedstaaten können sich online und noch bis zum 26. Juni für ein kostenloses Interrail-Ticket bewerben. Interrail? Das war in den 70er, 80er und 90er Jahren unter Jugendlichen der große Renner. In den Sommermonaten prägten sie mit ihren orangenen Rucksäcken das Bild auf europäischen Bahnhöfen. Doch spätestens mit dem Aufkommen der Billigflieger (die gegenüber der Bahn steuerlich begünstigt sind!) nahm die Abenteuerlust der Jugendlichen ab. Der Weg war ihnen nicht mehr das Ziel; das Rollköfferchen ersetzte den Rucksack. Schade, fanden ein paar Europabegeisterte. Vor vier Jahren begannen sie daher, die Idee eines kostenlosen Interrail-Tickets für alle 18-jährigen EU-Bürger zu entwickeln. Durchaus in politischer Absicht: Angesichts einer um sich greifenden Europamüdigkeit wollten sie Jugendliche wieder für die Idee eines geeinten Kontinents begeistern.
Abgespeckt mit bürokratischen Hürden
Abgeordnete des Europaparlaments griffen den Vorstoß auf – und die EU-Kommission bastelte schließlich an einem Plan. Allerdings rechneten die Brüsseler Beamten zunächst erst einmal nach. Sie kamen auf die Zahl 2,3 Milliarden. So viele Euro würde es jedes Jahr kosten, allen Jugendlichen zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken. Das war das Aus. Ganz beerdigt wurde das Interrail-Projekt indes nicht. Es wurde nur gehörig abgespeckt. Jetzt stehen Travel-Pässe für 15.000 Bewerber zur Verfügung. Und natürlich wurden noch schnell ein paar bürokratische Hürden aufgestellt. So müssen auf der Internet-Plattform „europa.eu/youth/discovereu“ Quizfragen zum Europäischen Kulturerbe-Jahr 2018 beantwortet werden. Außerdem werden alle Teilnehmer verpflichtet, als „Botschafter“ von ihren Erlebnissen zu berichten. Via Facebook, Twitter oder Instagram. All dies sind amerikanische Internet-Giganten – womit sich in einer Zeit, in der ein US-Präsident einen Handelskrieg anzettelt und in Europas Süden bald jeder Zweite zwischen 18 und 30 Jahren keine Arbeit bekommt, die Frage stellt: Wäre das Geld für kostenloses Interrail nicht besser in Jobprogrammen für benachteiligte Jugendlichen angelegt? Damit diese in Europa Arbeit bekommen und sich später einmal selbst Zugtickets leisten können.