Pfälzerwald Warum uns die Natur stärker macht
Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einem Felsen. Unter Ihnen ein schmaler Pfad, neben Ihnen nur der Wind, und über Ihnen das weite Blätterdach des Pfälzerwaldes. Es ist still. Kein Empfang, kein Netz, keine Hilfe in Sicht. Wer in solchen Momenten unterwegs ist, weiß: Der Pfälzerwald ist kein Hochgebirge. Aber er verlangt uns trotzdem etwas ab – und das ist gut so.
Der Philosoph Günter Seubold, passionierter Alpinist, sagt: Wer sich in den Bergen bewegt, lernt Selbstverantwortung. Er meint damit nicht nur das richtige Einschätzen von Wetterlagen, Routen oder der eigenen Kondition. Sondern eine tiefere Haltung. Wer draußen unterwegs ist, muss Entscheidungen treffen. „Eine Gesellschaft ist dann gut“, so Seubold, „wenn nicht jeder die Einstellung hat: Die anderen sollen gefälligst für mich etwas machen.“
Verantwortung beginnt in der Natur
Das mag unbequem klingen. Aber es ist ein Gedanke, der gerade heute viel Kraft hat. Denn wir leben in einer Zeit, in der Verantwortung oft ausgelagert wird. An den Staat. An Algorithmen. An andere. Die Natur dreht diesen Mechanismus um: Sie zwingt uns, wieder selbst zu handeln. Wer auf einem Waldpfad in der Pfalz die Orientierung verliert, wird nicht von Google Maps gerettet. Er muss schauen, wo er ist. Und weitergehen.
Natürlich ist der Pfälzerwald keine Bergwelt wie die Alpen. Aber er kann trotzdem ein Ort sein, an dem wir etwas lernen, das wir in Städten leicht vergessen: dass wir Teil einer größeren Ordnung sind – und dass unsere Handlungen zählen. Es gibt im Wald keine Ausrede, keine Schuldzuweisung. Nur den nächsten Schritt.
Dankbarkeit wächst mit jedem Schritt
Seubold betont auch den Wert der Gefahr. Für ihn gehört sie zum Erlebnis dazu – nicht aus Abenteuerlust, sondern weil sie etwas in uns auslöst: Dankbarkeit. Das klingt vielleicht pathetisch. Aber wer je bei Regen auf einem rutschigen Pfad gestanden hat, das Wasser im Nacken, die Knie weich – und es dann doch zurückgeschafft hat zur Hütte, zum Auto oder einfach nur ins Trockene –, der weiß: Da ist etwas dran.
Wenn mehr Menschen solche Erfahrungen machten, sagt Seubold, würde sich die Gesellschaft verändern. Vielleicht nicht sofort, nicht auf einen Schlag. Aber Schritt für Schritt. Wie bei einer Wanderung. Und wer weiß – vielleicht beginnt diese Veränderung ja schon beim nächsten Ausflug auf die Kalmit oder zum Teufelstisch.