Atomunfall von Tschernobyl
Vor 40 Jahren: Radioaktive Wolken über Europa
Nach der Explosion in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine breiteten sich radioaktive Wolken zuerst über Skandinavien, dann über Mittel- und Osteuropa aus. Erst Tage später gab die Sowjetführung den Unfall zu. Die Regierungen in Bonn und Ost-Berlin reagierten ganz unterschiedlich darauf.
Im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark bei Stockholm gingen am 28. April 1986 gegen 7 Uhr die Warnlämpchen an. Auf dem Gelände wurde erhöhte Radioaktivität gemessen, das Kraftwerk teilweise geräumt. Doch dann häuften sich die Meldungen, dass im Umfeld aller AKWs im Land die Messgeräte ausschlugen und es wurde klar, dass die Radioaktivität aus den Wolken kam. Mit Hilfe der Luftströmungen kamen Experten schnell dem Verursacher auf die Spur: das Atomkraftwerk Tschernobyl, 130 Kilometer nördlich von Kiew, damals noch in der Sowjetunion gelegen.
Dort war schon zwei Tage zuvor eine Katastrophe passiert. Reaktorblock 4 war erst drei Jahre zuvor ans Netz gegangen, also relativ neu. Nun sollte getestet werden, wie nach einem Stromausfall die Zeit überbrückt werden kann, bis die Notstromaggregate anspringen. Denn selbst im abgeschalteten Zustand brauchen AKWs eine ununterbrochene Stromversorgung für Kühlung, Betrieb der Anlage und Kontrollinstrumente.
Grafit entzündet sich
Doch der Test ging schief und mündete wegen technischer Defekte kombiniert mit menschlichem Versagen in eine Katastrophe. Eine unkontrollierbare Kettenreaktion führte zu einer Explosion, die das Dach des Reaktorbehälters anhob und zum Teil zerstörte. Weil es bei diesem sowjetischen Bautyp im Gegensatz zu westlichen AKWs keine Schutzhülle gab, lag somit der Reaktorkern frei. Zudem wurde hier Grafit genutzt, um die Geschwindigkeit von Neutronen bei der Kernspaltungsreaktion zu reduzieren. Nach der Explosion erhitzen sich die etwa 250 Tonnen Grafit im Reaktor stark. Sie kamen mit Sauerstoff in Kontakt und begannen zu brennen, beziehungsweise zu glühen.
Das alles passierte ganz früh am Morgen des 26. April, genau gesagt um 1.23 Uhr. Nach der Explosion geriet das Feuer im Reaktor außer Kontrolle, konnte erst mal nicht gelöscht werden. Die Verbrennungsgase stiegen ungehindert in die Luft, und mit ihnen die radioaktiven Teilchen aus dem Reaktor. Die damals vorherrschenden Winde bliesen die radioaktiven Stoffe in einer ersten Wolke über Polen Richtung Skandinavien. Eine zweite zog über die Tschechoslowakei und Österreich nach Deutschland, wo vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen (damals DDR) betroffen waren. Eine dritte Wolke erreichte die Türkei, Griechenland, Rumänien und Bulgarien.
Es dauerte zehn Tage, bis der Reaktor keine radioaktiven Gase mehr in die Atmosphäre spuckte. 5000 Tonnen Blei, Sand, Lehm und Bor wurden von Hubschrauberpiloten unter Lebensgefahr über der qualmenden Ruine abgeworfen. Beschäftigte des Atomkraftwerks, Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Soldaten wurden für Aufräumarbeiten auf dem Gelände eingesetzt – ohne dass ihnen bewusst war, in welcher Gefahr sie sich befanden. Man schickte die meist sehr jungen Männer mit Bleischürzen beispielsweise auf das Dach des Reaktors, um die Trümmer in den brodelnden Schlund zu werfen. Maximal 45 Sekunden sollten sie da oben jeweils bleiben. Doch diese Zeit wurde nicht selten um das Mehrfache überschritten. Nicht wenige dieser Liquidatoren starben qualvoll an Strahlenschäden.
Evakuierung kommt zu spät
Ähnlich schrecklich war das Schicksal der Menschen aus den umliegenden Dörfern und der direkt an das AKW angrenzenden 50.000-Einwohner-Stadt Prypjat, in der sehr viele junge Familien lebten. Nach der Explosion in Tschernobyl ließ der russische Geheimdienst KGB sämtliche Telefonleitungen nach Prypjat kappen und Straßensperren errichten. Niemand kam mehr heraus. Das Drängen der Stadtverwaltung, schnell zu evakuieren, wurde ignoriert. Der Krisenstab in Moskau – die Ukraine gehörte als Sowjetrepublik damals zur UdSSR – wollte nur eines: die Katastrophe geheimhalten. Das war natürlich nicht möglich und mit fast zwei Tagen Verzögerung wurde die Umgebung von Tschernobyl evakuiert. Zwei Tage, in denen ahnungslose Menschen – vor allem viele Kinder – einer immens hohen Strahlung ausgesetzt waren. Strahlenschäden, Krebstote und Neugeborene mit Fehlbildungen waren die Folge. Die Einwohner von Prypjat und Umgebung durften nur Dokumente, Geld und Kleidung für zwei bis drei Tage packen und wurden mit Hunderten von Bussen aus der Gefahrenzone gebracht. Entgegen aller Versprechen sahen sie ihre Heimat, und viele von ihnen ihre Nachbarn und Freunde nie wieder. Sie wurden über die gesamte Sowjetunion verteilt.
Unmittelbar nach dem Unfall wurden offiziell 31 Tote registriert, hauptsächlich Feuerwehrleute, die am akuten Strahlensyndrom starben. In der im heutigen Belarus gelegenen Region Gomel – die Grenze ist nur 15 Kilometer von Tschernobyl entfernt – ist die Anzahl der Neugeborenen mit körperlichen Anomalien immer noch signifikant erhöht. Auch das Sammeln von Pilzen war bis vor Kurzem noch untersagt. Im diktatorisch regierten Belarus wurde ein Zusammenhang mit der Atomkatastrophe offiziell jedoch nie untersucht.
Die genauen Opferzahlen sind bis heute unbekannt, die Schätzungen liegen zum Teil weit auseinander. Die ukrainische Journalistin Alla Jaroshinskaya geht aufgrund der von ihr ausgewerteten Protokolle der Kommunistischen Partei der Sowjetunion davon aus, dass allein in den ersten fünf Jahren nach dem Unglück zwischen 7000 und 10.000 Menschen an den Folgen von Verstrahlung starben.
In der Bundesrepublik war die Sorge nach Bekanntwerden des Unfalls groß. Hatten die Bürger zuvor noch den Bau neuer Atomkraftwerke befürwortet, kippte jetzt die Meinung. Die Katastrophenschutzmaßnahmen der Bundesländer waren ähnlich konfus wie zu Beginn der Corona-Pandemie. So sperrte Wiesbaden alle Kinderspielplätze, während auf der anderen Rheinseite in Mainz weiter gerutscht und geschaukelt werden durfte. In der DDR dagegen hielt die Regierung Kurs mit der Sowjetführung. Das hieß: erst leugnen, dann beschwichtigen und herunterspielen.
Drohne fällt auf Sarkophag
40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl herrscht Krieg in der Ukraine. Durch russischen Beschuss fiel am 9. März 2022 der Strom für die Technik aus, die die strahlenden Überbleibsel im Unglücksreaktor unter einer Betonhülle und die nebenan gelagerten abgebrannten Brennelemente unter Kontrolle hält. Am 14. Februar 2025 durchschlug eine russische Drohne Teile der äußeren und inneren Hülle des Sarkophags, der den immer noch strahlenden Reaktorblock umschließt. Auch wenn anschließend in der Umgebung keine erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, zeigt der Vorfall eines: Die Gefahr, die von Tschernobyl ausgeht, ist noch lange nicht gebannt.

