Politik Vergöttert und verteufelt

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz.
Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz.

Keine Philosophie hat je derart in die Weltgeschichte eingegriffen wie die von Karl Marx. Ein Weltreich wie die Sowjetunion – heute noch China – berief sich auf ihn und strebte ein kommunistisches Reich der Freiheit an.

Karl Marx

hat mit seiner umstürzenden Theorie und Praxis das Denken des Deutschen Idealismus weitergeführt. „Alle Menschen werden Brüder“, heißt es in Schillers Ode „An die Freude“, deren Vertonung durch Beethoven als Instrumentalfassung bekanntlich zur Hymne der Europäischen Union erklärt wurde. Den Anstoß, sich von seinen idealistischen Vorgängern abzusetzen, gab Marx die Erkenntnis, dass die bürgerliche Gesellschaft den eigenen Voraussetzungen nach nicht imstande ist, ihre Ideale von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu verwirklichen. Die himmelweite Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde in dem ständig von sozialen Unruhen und Revolutionen erschütterten Europa des 19. Jahrhunderts immer deutlicher. An den Zielen der Aufklärung, wie er sie in der Philosophie Hegels vorfand, hielt Marx fest; er suchte nur nach einer verlässlicheren Grundlage für die Bewegung der Geschichte als den Geist und fand sie in den Lebensprozessen der Menschen, insbesondere in ihrer Ökonomie. Eine knappe Fassung dieser Erkenntnis spricht der berühmte Satz aus: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Hegel hatte in der Französischen Revolution mit ihrer Proklamation einer Vernunftherrschaft den ungeheuren Vorgang erkannt, dass sich die Menschheit von den Füßen auf den Kopf gestellt habe. Marx dagegen erhob den Anspruch, ihr wieder Boden unter den Füßen zu verschaffen. Schon der Gymnasiast in Trier lässt einen individuellen Freiheitsdurst erkennen, will ihn aber innerhalb einer Gemeinschaft verankern. „Würde kann nur der Stand gewähren, in welchem wir nicht als knechtische Werkzeuge erscheinen, sondern wo wir in unserem Kreise selbstständig schaffen“, schreibt er in seinem Abituraufsatz. Freiheit des Einzelnen erscheint auch dem reifen Marx nicht unabhängig von einer befreiten Gesellschaft möglich. Das im Revolutionsjahr 1848 erschienene „Kommunistische Manifest“ strebt daher eine Vereinigung an, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Zur individuellen Emanzipation gehörte für den jungen Marx auch der Bruch mit der eigenen Herkunft. Das dritte Kind eines zum Protestantismus übergetretenen jüdischen Rechtsanwalts entstammte einer langen Reihe von Rabbinern und Schriftgelehrten. Deren Spross indes brach mit dem Glauben der Väter und verabscheute kaum etwas so wie Religion. In ihren Illusionen sah er eines der Haupthindernisse, um zu einer selbstbestimmten Lebensführung zu kommen. In einem frühen Aufsatz, „Zur Judenfrage“ betitelt, der überaus geeignet ist, antisemitische Vorurteile zu bestätigen, setzt er Judentum geradezu mit kapitalistischer Geldwirtschaft gleich und kommt zu dem Schluss: „Der Gott der Juden“, nämlich das Geld, „hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden.“ Erst die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft werde daher die wahre Judenemanzipation ermöglichen, nämlich dann, wenn auch der Jude Mensch unter Menschen geworden sein werde. „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden“, endet der Aufsatz, „ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ Um diese Gesellschaft allgemeiner Emanzipation zu schaffen, scheut Marx allerdings auch vor Gewalt nicht zurück. Sein kategorischer Imperativ schließt – anders als der Kants – Mord und Totschlag nicht aus und ist eher geeignet, Ressentiments zu schüren als sie zu dämpfen. Er fordert, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. Marx` Denken verstrickt sich so in das Dilemma, aus dem noch keine Revolution, die sich auf ihn berief, herausgefunden hat: dass Gewaltanwendung nicht zu Gewaltlosigkeit führt, dass mit dem Schlachtruf „Krieg dem Kriege“ nicht Frieden einkehrt. Die Gewalt, die in seinem Namen in den sogenannten kommunistischen Zwangsstaaten ausgeübt wurde und immer noch wird, hat Marx` intellektuellem Ansehen gewaltig geschadet und auch seine an sich erstrebenswerten Ziele in Misskredit gebracht. Auf der einen Seite wird er vergöttert und mit riesigen, Ehrfurcht gebietenden Statuen geehrt, wie sie Herrschern in frühen, voraufklärerischen Epochen der Menschheitsgeschichte errichtet wurden. Auf der anderen Seite wird sein Denken, die bisher heftigste Herausforderung der kapitalistischen Ordnung, verteufelt, bekämpft, zumindest aber entschärft. An dem Missbrauch, zu dem sein Denken benutzt wurde, ist der Urheber nicht völlig unschuldig. Der marxistische Freigeist Theodor W. Adorno hat einmal bemerkt, die zynischen und sarkastischen Bemerkungen in Marx` Schriften wiesen bereits voraus auf den stalinistischen GuLag. Der Gerechtigkeit halber sei hinzugefügt, dass aus Marx’ Schilderungen der Lage der arbeitenden Klasse zu seiner Zeit auch Mitgefühl herauszuhören ist. Marx beansprucht, nicht irgendeine Interpretation der Welt, sondern die Interpretation schlechthin vorgelegt zu haben, die in einer revolutionären Praxis aufzuheben sei: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Die Streitigkeiten innerhalb der Arbeiterbewegung lassen einen durchsetzungsfähigen Mann erkennen. Ein Freund gab seinen Eindruck so wieder: „Er sprach nicht anders als in imperativen, keinen Widerstand duldenden Worten. Dieser Ton drückte die feste Überzeugung von seiner Mission aus, die Geister zu beherrschen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Vor mir stand die Verkörperung eines demokratischen Diktators.“ Der Anspruch, das Bewegungsgesetz der Geschichte entdeckt zu haben, ist ein Erbteil der Philosophie Hegels, der alle Freiheitsbestrebungen der Weltgeschichte in dem bürgerlichen Staat der Gegenwart kulminieren sah. Marx` Überzeugung, dem uralten Menschheitstraum einer befreiten Gesellschaft den Weg „von der Utopie zur Wissenschaft“ (Engels) gewiesen zu haben, mit der Aussicht, den Himmel auf die Erde zu holen, verschaffte ihm und den sich später auf ihn berufenden Führern eine quasireligiöse Verehrung. Mit seiner Aktualisierung tut sich die Gegenwart nach den Abermillionen Toten, die das sozialistische Experiment gekostet hat, schwer. Einer Aktualisierung zieht sie Historisierung und Musealisierung („Marx in seiner Zeit“) vor. Dabei böte sich gerade nach dem Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft die Chance, Marx unvoreingenommener zu lesen als noch während des Kalten Kriegs. So wird immer deutlicher, dass sich seit dem Wegfall der kommunistischen Bedrohung und einer ungehemmten „Globalisierung“ die Schere zwischen Arm und Reich national und international ständig weiter geöffnet hat, dass alle Probleme, vor die sich die europäischen Nationalstaaten des 19. Jahrhundert gestellt sahen, im Weltmaßstab wiederkehren: Überbevölkerung, Verelendung, Kinderarbeit, brutale Ausbeutung unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Insbesondere geht es Marx darum, zu zeigen, dass die kapitalistische Gesellschaft, die durch den Tauschprozess alles einem Profitmotiv unterwirft und selbst Menschen zu einer Ware macht, nicht diese alternativlose Gesellschaft „von Ewigkeit“ ist, als die sie sich ausgibt. Nach Marx` Überzeugung wird sie unweigerlich abgelöst werden von einer gerechten Gesellschaft, wenn nämlich die Proletarier die Produktionsmittel an sich bringen und eine klassenlose Gesellschaft schaffen. Wie wenig die kapitalistische Ideologie absolute Geltung beanspruchen kann, zeigt besonders schlagend eine Stelle aus Marx` kleiner Schrift „Lohnarbeit und Kapital“. Dort heißt es: „Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen wird er erst zum Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zu Kapital. Aus diesen Verhältnissen herausgerissen, ist sie so wenig Kapital wie Gold an und für sich Geld oder der Zucker der Zuckerpreis ist.“ Es ließe sich hinzufügen: Auch Marx ist Marx und nicht der Kitsch, zu dem er gerade gemacht wird, um Profit aus ihm zu schlagen. In Chemnitz, zu DDR-Zeiten in Karl-Marx-Stadt umbenannt, wird anlässlich des Jubiläums ein Bier angeboten, das seinen Namen trägt; in Trier nicht nur ein Rotwein, sondern auch Schmuck, Schokolade und andere Devotionalien, so ein gelbes Bade-Entchen mit grauem Rauschebart. Der schon so oft totgesagte, aber sehr zählebige Kapitalismus scheint in sein endgültig letztes Stadium eingetreten zu sein: in die Infantilphase. Doch Marx, dem auch schon einmal prophetische Gaben zugesprochen wurden, hat sich bereits zu Lebzeiten gegen solche Verhohnepipelung verwahrt, als habe er diese Entwicklung vorausgesehen. Von Trier übrigens, wo er Kindheit und Jugend verbrachte, hat er verächtlich gesprochen als „dem kleinsten, erbärmlichsten Nest voll von Klatsch und lächerlicher Lokalvergötterung“.

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