Ausland RHEINPFALZ Plus Artikel Verbotene Likes: Indonesien stellt Kindern und Jugendlichen Social Media ab

Das Social-Media-Verbot gilt für rund 70 Millionen Heranwachsende in Indonesien.
Das Social-Media-Verbot gilt für rund 70 Millionen Heranwachsende in Indonesien.

Seit dem Wochenende gilt in Indonesien ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige – und trifft damit eines der größten digitalen Länder der Welt.

Es ist ein Experiment von historischem Ausmaß: Seit dem 28. März dürfen rund 70 Millionen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Indonesien keine Konten mehr auf sozialen Medien betreiben. TikTok, Instagram, Facebook, YouTube, X, Threads, Bigo Live und Roblox stehen auf der Liste der gesperrten „hochriskanten“ Plattformen. Kommunikationsministerin Meutya Hafid, die die Verordnung unterzeichnet hat, bezeichnet Indonesien damit als „erstes nicht-westliches Land, das den Zugang von Kindern zu digitalen Räumen nach Alter verzögert“.

Die Begründung klingt dringend: Pornografie, Cybermobbing, Online-Betrug und vor allem Sucht – das sind laut Hafid die Bedrohungen, denen indonesische Kinder täglich ausgesetzt sind. „Die Regierung greift ein, damit Eltern nicht länger allein gegen die Riesen der Algorithmen kämpfen müssen“, so Hafid. Indonesien folgt damit dem Vorgehen Australiens, das am 10. Dezember 2025 als erstes Land der Welt ein entsprechendes Gesetz in Kraft gesetzt hat. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen lobte das australische Modell diese Woche bei einem Besuch in Canberra ausdrücklich: „Mehrere unserer EU-Mitgliedstaaten beabsichtigen, diesem Beispiel zu folgen.“

Technische Umsetzung weitgehend offen

Doch der indonesische Fall ist von einer anderen Dimension. Mit 287 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Bevölkerung zehnmal so groß wie in Australien. Mehr als 120 Millionen Indonesier haben Facebook-Konten – die drittgrößte nationale Nutzerbasis weltweit. TikTok und Instagram verzeichnen jeweils über 110 Millionen Nutzer im Land, die Mehrheit davon junge Frauen. Für sie sind soziale Medien laut Nuri Veronika, Dozentin für Politik und internationale Beziehungen an der australischen Monash University, „mehr als nur eine digitale Plattform – sie sind ein Rettungsanker, der ihnen hilft, die Herausforderungen des Erwachsenenlebens zu meistern“.

Wie das Verbot technisch durchgesetzt werden soll, ist bislang weitgehend offen. Selbst Bildungsminister Abdul Mu’ti räumte gegenüber lokalen Medien ein, dass „die Herausforderung in der technischen Umsetzung liegt, insbesondere darin sicherzustellen, dass Kinder keine falschen Personalangaben machen“. In Australien haben Jugendliche das Verbot bereits mit gefälschten Geburtsdaten, Schminke vor Gesichtserkennungssystemen oder VPNs umgangen.

Kritik von Meta und Amnesty

Die großen Plattformen reagieren verhalten. X hat sein Mindestalter bereits auf 16 Jahre angehoben. TikTok erklärte, man stehe „im Dialog mit dem Ministerium, um die Bestimmungen besser zu verstehen“. Meta warnte zuletzt, Regierungen sollten „darauf achten, Jugendliche nicht auf weniger sichere, unkontrollierte Seiten zu drängen“.

Kritik kommt auch von Amnesty International: „Dieses pauschale Verbot sozialer Medien wird zig Millionen junger Menschen in Indonesien wichtiger Kanäle berauben, um mit anderen zu kommunizieren, Informationen zu erhalten, Kreativität zu entwickeln und sich auszudrücken“, sagte Usman Hamid, Geschäftsführer von Amnesty International Indonesien.

Besonders eindrücklich zeigt sich das Dilemma am Fall von Charissa Putri Chandra Kirana. Die 14-Jährige hat 800.000 Instagram-Follower, kritisiert dort Regierungsprogramme und verdient damit rund 35 Millionen Rupiah – umgerechnet knapp 1800 Euro – pro Monat, mit dem sie Schulgebühren und die Krankheitskosten ihrer alleinerziehenden Mutter mitfinanziert, wie ABC berichtet. „Wie konnte die Regierung das tun?“, fragte sie sichtlich bewegt. „Kinder erben nicht immer den Erfolg ihrer Eltern; manche von uns müssen ganz unten anfangen.“

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