Betrachtung Unterwegs in Coronazeiten zwischen der Pfalz und Hamburg : Eine Reise zum Ende des Abstands
Auf Welt(en)reise zwischen zwei Bundesländern, der Hauptbahnhof in Mannheim ist eine leere Hülle. Die umhergeistern, wirken wie versprengt. Ein Obdachloser sitzt auf einem Massagesessel in der Halle. Und schaut. Allein steht eine Frau an Gleis zwei. Einsam? Der ICE nach Hamburg hat fünf Minuten Verspätung, sagt die Anzeige auf dem Tableau in der Bahnhofshalle.
Ich nehme ihn nicht. Stattdessen und gegen alle Gewohnheit einen Mietwagen. Einfache Fahrt. Die Panik des Überfüllung gewohnten Bahn-Vielfahrers im Kopf und im Herzen. Auf der Autobahn dann das Gefühl, auf einem Highway durch die Wüste von Nevada zu gleiten. Die einsame Berg- und Talfahrt zwischen Kassel und Hannover, die normalerweise stockend verläuft. Die Bedrückung, als Delinquent unterwegs zu sein. Die Parkplätze vor den Raststätten wüstes Land. Die Tankstellen sehen aus wie von Edward Hopper gemalt. Verwaist. Die Strecke nach Schleswig-Holstein ist für Touristen gesperrt.
Nicht mal Regen
Ankunft in Hamburg nach nicht einmal fünf Stunden, statt nach sieben, acht, zehn wie sonst üblich. Als ich das Auto abgebe, stehen Männer in Gruppen vor der in einen Container auf dem Vorplatz umgezogenen Bahnhofsmission. Die Sonne scheint. Nicht einmal Regen. An der Ampel machen Menschen im Pulk halt.
Jeder eigene Schritt dann gleicht einem Balletttanz, der einer Choreographie des Abstands folgt. Irrläufer, die sie stören. Ich, aus der meist ländlichen Pfalz, in der man nun Abstand hält, bin entwöhnt. So viele andere Leben – die einem zu nah gehen. Jetzt den Bus nehmen? Ein Taxi? Laufen? Der Blick auf die Alster, an der ein Massen-Auslauf im Gang ist. Auf dem Fußweg sind zwei Spuren als Abstandshalter markiert, die ungefähr die Wirksamkeit entfalten wie die gelben Linien, die auf dem Bahnhofsgleis die Raucherzone abgrenzen.
Hamburg ist auf Platz drei
Die Großstadt, ein Angriff, so fühlt sich das jetzt an. Die Gedanken referieren die Statistik, die Hamburg auf Platz drei der deutschen Städte mit den meisten Covid-19-Fällen auf 100.000 Einwohner führt.
Der Abstands-Nazi in einem und das Gefühl einschreiten zu müssen, wenn Leute beieinander stehen. Die Gewissheit, dass die Ludwigshafener Ordnungshüter durchdrehen würden hier. Die fremde Welt, 600 Kilometer von der Pfalz entfernt. Am nächsten Tag stehe ich mit Kind in der langen Warteschlange vor einem der vielen Eisläden. Alle haben sie geöffnet, offenbar sind sie im Norden systemrelevant. Wofür man in Kandel und Germersheim bestraft wird, ist hier Usus. Zwei Mitwartende sind uns auf die Pelle gerückt. Jemand hetzt auf dem Fahrrad vorbei, in Armlänge, schwitzend. Vorne eine Clique, sich nah und gut gelaunt, als gäbe es kein Morgen.
Dringender Appell
Aus dem Keller bei Buchhandel Heymann werden durch die Luke Buchpakete gereicht – an einer Art Enterhaken. Im Bowl-Imbiss geht Quinoa an Avocado über die Theke. Vor dem Lokal am Eck mit dem großen Draußenareal sitzen Leute hinter Absperrbändern unbehelligt beim Bier. In einem Hauseingang lehnt eine Zeitung unabgeholt an der Tür. Auf der Titelseite des „Hamburger Abendblattes“ fordert ein Professor des Universitätsklinikums Eppendorf, den Lock-down so schnell wie möglich zu beenden. Er sei zu belastend für die Menschen. Auf einem mitgebrachten RHEINPFALZ-Titel prangt der dringende Appell aller 16 Landräte und Oberbürgermeister: „Haltet durch, bleibt zu Hause!“.