Meinung
Tschernobyl: Das Ende der Unschuld
Meine Generation war sehr jung, als es in Tschernobyl zum Super-GAU kam. Die Nachrichten im Fernsehen haben wir nicht verstanden, die Angst unserer Eltern war indes greifbar. Mit Freunden auf den Bolzplatz? Verboten. Pilzesammeln? Verboten. Frischen Spinat essen? Verboten (das einzig Gute aus damaliger Sicht). Fast 2000 Kilometer entfernt war Block 4 eines Kernkraftwerks explodiert, die Auswirkungen spürten wir in der Pfalz.
Nicht nur Kinder verloren damals einen Teil ihrer Unschuld, sondern auch viele Erwachsene. Bis auf eine kleine Gruppe, die von der Mehrheit als grüne Spinner angesehen wurden, hatte sich niemand um die Gefahren dieser Form der Energieerzeugung gesorgt. Tschernobyl hat Deutschland nachhaltig verändert. Ein ökologisches Gewissen wuchs in der Gesellschaft – mit einer solchen Wucht, dass kurz darauf das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit neu geschaffen wurde. Die Grünen wurden zu einer relevanten politischen Partei. Der Grundstein zum Ausstieg aus der Kernkraft war gelegt, auch wenn das letzte AKW erst 40 Jahre später vom Netz ging.
Heiße Sommer schwächen Kühlung
Wer heute trotzdem von einer neuen Ära deutscher Atomkraft fabuliert und sie gar als Antwort auf die Klimakrise preist, sollte etwas genauer hinschauen. Kernkraft ist weder sicher noch sauber, weder günstig noch flexibel. Im Einzelnen:
Die Atommeiler brauchen gigantische Mengen an Kühlwasser. Die zunehmend heißen Sommer machen diese Kühlung durch Flusswasser schwierig. So standen im August 2022 in Frankreich 32 der 56 Reaktoren still. Das lag nicht nur an enormer Hitze, wodurch Flüsse als Kühlsysteme ausfielen. Es lag auch daran, dass ein systematischer Baufehler bei den neuesten und leistungsstärksten Meilern entdeckt wurde. Der Strompreis sauste in die Höhe, der staatliche Energiekonzern EDF verzeichnete Milliardenverluste.
Bis heute gibt es weltweit kein einziges Endlager für den eine Million Jahre strahlenden radioaktiven Müll.
Sauber ist die Technologie sicher nicht. Durch den Abbau von Uran entstehen enorme Mengen radioaktiver Schlämme. Bis heute gibt es weltweit kein einziges Endlager für den eine Million Jahre strahlenden radioaktiven Müll. Und während wir gerade den Iran-Konflikt an den Tankstellen zu spüren bekommen, wollen wir uns durch Uran-Importe neue Abhängigkeiten schaffen?
Wer zudem die Gefahren der Technologie kleinreden möchte, sollte in die Ukraine schauen. Eine Drohne sorgte an der Schutzhülle des havarierten Reaktors in Tschernobyl für solche Schäden, dass sie laut Internationale Atomenergie-Organisation ihre Funktion verloren hat. Und das immer wieder unter Beschuss stehende Kraftwerk in Saporischschja läuft Gefahr, zur schmutzigen Bombe zu werden.
Kosten explodieren
Wer vom günstigen Atomstrom träumt, sollte das französische Kraftwerk Flamanville betrachten: 17 statt geplanter fünf Jahre Bauzeit, 13 statt drei Milliarden Euro Baukosten – der französische Rechnungshof spricht sogar von knapp 24 Milliarden Euro inklusive Finanzierungskosten und Zinsen.
Was es anstelle von Kernkraft braucht, sind vielmehr gut ausgebaute Netze, die durch Wind- und Sonnenenergie gespeist werden. Sie müssen so intelligent vernetzt und steuerbar sein, dass jeder Haushalt Teil der (Speicher-)Lösung ist und Deutschlands Stromversorgung von externen Krisen unabhängiger wird.

