Marschflugkörper
Waffe Taurus: Was die Bunkerbrecher aus Deutschland können
Erst auf den letzten Metern gibt der Taurus seine Deckung auf. Ist er zuvor über Hunderte Kilometer nur knapp über der Erdoberfläche geflogen, steigt er nun steil in die Höhe, um dann senkrecht mit hoher Bewegungsenergie auf sein Ziel zu stürzen und die Bunkerdecke zu zerschlagen. Wenn es ein Bunker wäre: In einem Bundeswehrvideo trifft der Taurus einen Container, es ist nur eine Übung. Gleichwohl versichern die Streitkräfte, dass der Taurus im Ernstfall auch einen echten Bunker zerstören würde. Dabei sprenge zunächst eine Hohlladung ein Loch in die Decke. Dann durchschlage der mit Sprengstoff gefüllte, 400 Kilogramm schwere „Penetrator“ aus Spezialstahl die Zwischendecken, bis die Ladung im gewünschten Stockwerk explodiere.
Das täte sie künftig in russischen Bunkern, wenn es nach der Ukraine ginge. Kiew wünscht sich seit Monaten – ohne Erfolg – die Marschflugkörper, die von der Taurus Systems GmbH hergestellt wurden. Das ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Deutschland-Tochter des Rüstungskonzerns MBDA und von Saab Dynamics (Schweden). Die deutsche Luftwaffe hat einst 600 Taurus angeschafft, von denen nach Angaben von deutschen Verteidigungspolitikern lediglich 150 einsatzbereit sind. Weitere könnten aber demnach wieder funktionsfähig gemacht werden.
Weniger Risiko für Kampfpiloten
Gedacht sind die Taurus für eine Situation, wie sie derzeit in der Ukraine herrscht. Ist die gegnerische Flugabwehr stark, ist es sehr riskant für Kampfbomber, ihre Ladung ins Ziel zu bringen. Zwar werden auch die Taurus von Kampfflugzeugen abgeworfen, aber in weiter Entfernung. Die Reichweite der Marschflugkörper beträgt bis zu 500 Kilometer. Bis sie einschlagen, sind die Piloten womöglich schon wieder sicher gelandet.
Sein Ziel steuert der Taurus mit einem kleinen Jetantrieb autark an. Die Route wurde zuvor programmiert. Mit Sensoren, GPS-Daten und Höhenradar prüft das System, dass es auf Kurs ist. Sollte der Taurus dennoch vom Weg abkommen, kann er laut Bundeswehr kontrolliert zum Absturz gebracht werden. Das mit fünf Metern Länge recht kleine Geschoss kann nur schwer entdeckt und bekämpft werden, denn es unterfliegt in weniger als 50 Metern Höhe feindliches Radar. Aufgrund des Stückpreises (knapp eine Million Euro) und der überschaubaren Anzahl in den Depots sind die Marschflugkörper für sogenannte Hochwertziele gedacht, also etwa Kommandoposten oder Munitionsdepots.
Wartet Scholz auf die USA?
Die Ukraine verfügt bereits über westliche Marschflugkörper, so haben die Briten Geschosse vom Typ Storm Shadow zur Verfügung gestellt, die Franzosen liefern welche vom Typ Scalp. Diese funktionieren ähnlich wie die Taurus.
Für deren Lieferung setzen sich Verteidigungspolitiker aus verschiedenen Parteien im Bundestag ein. Die Bundesregierung lehnt eine Lieferung allerdings ab, ohne konkrete Begründung. Spekuliert wird, dass Berlin befürchtet, die Ukraine könnte damit Ziele in Russland angreifen.
Die Politikanalystin Jessica Berlin schrieb indes am Mittwoch beim Onlinedienst X (ehemals Twitter), deutsche Quellen hätten inoffiziell bestätigt, dass Kanzler Olaf Scholz Kiew erst dann Taurus zur Verfügung stellen werde, wenn die USA ihre ATACMS-Raketen liefern würden. Doch das lehnt US-Präsident Joe Biden bisher ab.
Sollten die Ukrainer Taurus erhalten, gibt es noch eine technische Hürde. Die Bundeswehr verschießt die Marschflugkörper von Tornado-Kampfflugzeugen. Diese werden aber nicht geliefert. Die Ukrainer müssten also ihre Flugzeuge „taurus-tauglich“ machen. Das gleiche Problem stellte sich ihnen bei den britischen Storm Shadow – und sie haben es gelöst.
Meinung: Keine Eskalationsgefahr