Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Steinmeier in Israel: Ein Kibbuz soll wieder leben

Einen Olivenbaum als Symbol des Wachstums und der Hoffnung pflanzten am Mittwoch die Präsidentenpaare Elke Büdenbender und Frank
Einen Olivenbaum als Symbol des Wachstums und der Hoffnung pflanzten am Mittwoch die Präsidentenpaare Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier sowie Izchak und Michal Herzog zusammen mit Gal Cohen, dem Generalsekretär des Kibbuz (von links).

Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas-Terroristen das Kibbuz Be’eri. Die Mehrzahl der Bewohner will zurückkehren. Wie Deutschland beim Wiederaufbau hilft.

Ein Spielplatz mit tollem Spielgerät. Blühende Bäume spenden Schatten. Doch im Kibbuz Be’eri gibt es keine Kinder mehr, die hier spielen könnten. Hier hat die Hamas am 7. Oktober 2023 132 Menschen brutal ermordet und 32 in den Gazastreifen verschleppt. Sechs werden noch vermisst, laut Armee sind sie alle tot.

Sharon Cohen hatte sich am Tag des Überfalls mit Ehemann und vier Kindern im Schutzraum verschanzt. Ihr Mann hielt die Tür von innen zu, über 13 Stunden. Die Terroristen wüteten im Haus, zerstörten es völlig, aber die Familie überlebte. Vier der Verwandten Sharons wurden ermordet.

Die 45-Jährige hat sich entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. In Be’eri, am Ort, wo das Unvorstellbare geschah. Dort wird das Haus der Familie gerade wieder aufgebaut. Etwa 1000 Menschen lebten vor dem Überfall in der Siedlung unweit der Grenze zum Gazastreifen. Viele Friedensaktivisten waren darunter. Im Kibbuz und auf den Feldern arbeiteten Palästinenser aus dem Gazastreifen. Einige von ihnen sollen der Hamas am 7. Oktober den Weg gewiesen haben.

„Ob das gegenseitige Vertrauen jemals wiederkommt, das weiß ich nicht. Das liegt noch weit in der Zukunft“, sagt Sharon. Wichtig sei zuerst einmal, dass die verbliebenen Geiseln nach Israel zurück kämen, lebendig oder tot. Ansonsten sei kein Neuanfang möglich. Und diesen Neuanfang wollten sie wagen. Ihre Schwester, die in Kanada lebt, habe ihnen angeboten, sie aufzunehmen, erzählt die 45-Jährige. Aber ihre vier Kinder, 18, 16, elf und sieben Jahre alt, wollten nichts anderes, als nach Be’eri zurückzukehren.

Kritik an Israels Regierung

Zurückkehren will auch Yuval Haran. Sein Großvater flüchtete in den 30er-Jahren aus Nazi-Deutschland, die Familie besitzt daher neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Drei von Yuvals Familienmitgliedern wurden bei dem Überfall getötet, sieben verschleppt. Inzwischen sind alle wieder zu Hause und Yuval ist dankbar. Auch der deutschen Regierung und der Deutschen Botschaft in Israel, die sich, wie er sagt, für sie eingesetzt hätten. Was die Regierung in Israel für die Freilassung der Geiseln tut, ist in seinen Augen nicht genug. „Und was die Welt tut, ist auch nicht genug“, fügt der 39-Jährige hinzu. Auch Sharon hat offenbar Zweifel an den Anstrengungen der Regierung Netanjahu, die Geiseln frei zu bekommen. „Ich möchte glauben, dass sie sich wirklich bemühen, aber ich kann es nicht“, sagt sie. Das verschärfte Vorgehen im Gazastreifen, dass Premier Benjamin Netanjahu gerade angekündigt hat, macht ihr Sorge. „Nur Verhandeln kann den Geiseln helfen, Gewalt hilft nicht“.

Schon kurz nach dem Hamas-Überfall, im November 2023, war der Bundespräsident zum ersten Mal mit seinem israelischen Kollegen Izchak Herzog in Be'eri. Geschockt von der unmenschlichen Gewalt, die hier verübt wurde, sagte Frank-Walter Steinmeier zu, dass die Bundesrepublik das Kibbuz unterstützen würde, das völlig zerstörte Kultur- und Gemeinschaftszentrum wieder aufzubauen. Sieben Millionen Euro hat Deutschland dazugegeben.

„Wir haben eine Vorstellung davon gehabt, mit welcher Brutalität die Hamas hier vorgegangen ist. Aber hier an diesem Ort zu sein, ist etwas vollständig Anderes“, sagte 2023 ein sichtlich betroffener Bundespräsident. Die Augenzeugenberichte hatten Spuren hinterlassen. Denn als Rettungskräfte, Militär und andere Sicherheitskräfte nach dem Hamas-Überfall auf dem Gelände des Nova-Festivals und in den betroffenen Kibbuz-Gemeinden eintrafen, bot sich ihnen ein Bild des Horrors. Schon sehr schnell wurde klar, dass die Überfallenen unsagbare Qualen hatten erleiden müssen.

Report zu sexueller Gewalt

Heute, rund eineinhalb Jahre später, liegen nicht nur die offiziellen Untersuchungsergebnisse vor, die Berichte von Überlebenden verdichten sich zu einem Schreckensszenario. Die Association of Rape Crisis Centers (Verband der Zentren für Opfer sexueller Gewalt) in Israel – eine Nichtregierungsorganisation, die sich aus Spenden und Stiftungsgeldern finanziert – hat nun den ersten Report zu den sexuellen Übergriffen während des Hamas-Überfalls herausgegeben.

Carmit Klar-Chalamish hat mit den überlebenden Opfern gesprochen, Material und Augenzeugenberichte gesammelt. Es habe gedauert, bis die Betroffenen über das Erlebte hätten reden können. Doch als die ersten Berichte an die israelische Öffentlichkeit gedrungen seien, habe dies das ganze Land geschockt, erzählt die Juristin, die in Jerusalem die Forschungsabteilung der Beratungszentren leitet. Einige der Opfer hätten Kontakt zu einem ihrer insgesamt neun Beratungszentren aufgenommen. „Das sind immer sehr heikle Gespräche, man muss sehr vorsichtig und sensibel sein“, sagt die 33-Jährige. Aber sie sei dankbar für jede und jeden, der oder die den Mut aufbringe, mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit zu gehen. „Wir müssen der Welt sagen, was da passiert ist und was den Menschen in Geiselhaft immer noch passiert. Diese Geschichten dürfen nicht in Vergessenheit geraten“.

Es sind Geschichten von unvorstellbarer Grausamkeit: Frauen, die mehrfach vergewaltigt und währenddessen mit dem Messer zerstückelt werden oder denen in den Kopf geschossen wird. Frauen und Männer, denen die Geschlechtsorgane bei lebendigem Leib herausgeschnitten werden. Seite um Seite kaum fassbare Gräueltaten, bezeugt von den wenigen Überlebenden und Zeugen des Massakers. Mehr als 30 Seiten blanker Horror, den man so schnell nicht vergisst. Auch Klar-Chalamish kann das nicht. Monatelang habe sie ganz fokussiert auf diesen Report, ihre „große Mission“ hin gearbeitet, aber jetzt, wo das Erzählte langsam einsickere, sei das Wissen kaum zu ertragen, berichtet die Juristin. Nur der Ausblick auf die Zeit danach, mit der Hoffnung, dieses gesellschaftliche Trauma irgendwann zu überwinden, habe sie aufrecht gehalten. „Vielleicht folgt ja etwas Gutes auf all diesen Horror“, schließt die 33-Jährige. „Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, friedlich zusammenzuleben. Dann, wenn die Guten auf beiden Seiten gewonnen haben.“

Zeichen der Hoffnung

Der Bundespräsident hat bei seinem aktuellen Besuch die Architektenpläne für das Kultur- und Gemeindezentrum mitgebracht, das bis Ende 2026 fertig sein soll. Zeitgleich laufen der Neubau und die Renovierung der Häuser im Kibbuz. Es ist also noch viel Arbeit zu leisten, bis Be’eri wieder lebt. Als Zeichen des Wachstums und der Hoffnung pflanzten die beiden Präsidenten samt Gattinnen am Mittwoch in Be’eri einen Olivenbaum. Ein weiteres Zeichen der Hoffnung ist die Tochter, die Yuval Haran vor vier Monaten bekommen hat und die einmal im Kibbuz Be’eri aufwachsen soll.

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