Ökologie RHEINPFALZ Plus Artikel Sorge um Wasserqualität in Pfälzer Flüssen

Die Moosalbe, die sich hier durch die Karlstalschlucht bei Trippstadt im Pfälzerwald schlängelt, ist in mäßigem Zustand.
Die Moosalbe, die sich hier durch die Karlstalschlucht bei Trippstadt im Pfälzerwald schlängelt, ist in mäßigem Zustand.

Bis 2027 müssen Gewässer überall in der EU in gutem ökologischen Zustand sein. Davon ist Deutschland weit entfernt. Über die Gründe und mögliche Konsequenzen.

Wie steht es um die Oberflächengewässer in Deutschland?
Laut dem Wasseratlas 2025, den die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und der Umweltverband BUND jüngst veröffentlicht haben, sind 52,7 Prozent aller Flüsse, Bäche und Seen in einem unbefriedigenden oder gar schlechten Zustand. EU-weit belegt Deutschland damit den drittletzten Platz der 20 Staaten, für die Daten vorlagen. Allein Kroatien (53,2 Prozent) und Luxemburg (58,5 Prozent) schneiden schlechter ab – wobei es Zweifel gibt an dieser Rangliste. „Die an die Kommission aus den EU-Mitgliedstaaten gemeldeten Daten sind nur teilweise vergleichbar“, so ein Sprecher von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) auf Anfrage.

Worauf basiert die Einteilung des Wassers in gut oder schlecht?
Grundlage bildet die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) der EU aus dem Jahr 2000. Sie gab ursprünglich vor, dass die Staaten alle ihre Oberflächengewässer bis 2015 in einen guten ökologischen Zustand bringen müssen. Die Frist wurde zwei Mal verschoben und endet aktuell 2027. Verantwortlich für die Umsetzung sind in Deutschland vor allem die Bundesländer.

Wie wird der ökologische Zustand der Gewässer bewertet?
Unterschiedliche Parameter spielen hierfür eine Rolle – etwa der biologische und der chemische Zustand des Wassers, Schadstoffe und der Fischbestand. Anhand dieser Kriterien teilt die WRRL die Gewässer in fünf Kategorien ein – von sehr gut bis schlecht.

An dieser Stelle finden Sie Statistiken von 23degrees.

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Wie geht es den Flüssen und Seen in Rheinland-Pfalz?
Im Bundesvergleich recht gut. Von den rund 350 Gewässern sind lediglich 32,3 Prozent in einem unbefriedigenden (22,3 Prozent) oder schlechten (10 Prozent) Zustand. Fast jedes zweite (45 Prozent) hat eine mäßige Wasserqualität. In gutem Zustand sind 22,3 Prozent, 0,3 Prozent (nur ein Fluss, die Rauruwer im Naturpark Saar-Hunsrück) in einem sehr guten. Landesumweltministerin Katrin Eder (Grüne) äußert sich erfreut über den Befund. „Das zeigt, wie intensiv hier an sauberem Wasser gearbeitet wird“, sagt sie. „Die Gewässer als Lebensraum zu schützen, gehört zu unseren wichtigsten Prioritäten.“

Werden Bund und Land die EU-Vorgaben bis 2027 schaffen?
„Es ist nicht möglich, alle Gewässer in Rheinland-Pfalz bis 2027 in einen guten Zustand zu bringen“, erklärt eine Sprecherin Eders auf Anfrage. Gleiches gelte für ganz Deutschland, bestätigt der Sprecher von Bundesumweltministerin Lemke der RHEINPFALZ. „Die Zielerreichung 2027 ist nicht realistisch, auch wenn alle Anstrengungen unternommen werden, diesem Ziel so nah wie möglich zu kommen.“ Die EU-Mitgliedstaaten werden mit der EU-Kommission über eine Verschiebung der Frist sprechen müssen, so Lemkes Sprecher.

Woran hapert es?
Im sogenannten Bewirtschaftungsplan hat das Land Maßnahmen aufgeführt, wie die Wasserqualität aller Gewässer verbessert werden soll. Ein Faktor für den Verzug ist laut Eders Sprecherin Zeit. Gewässer brauchten zum Teil viele Jahre, um sich zu erholen. Aktuell stagniere die Umsetzung von Maßnahmen, weil Einfaches umgesetzt sei. Für das weitere Vorgehen fehle Personal in der Verwaltung und in den Ingenieurbüros und Fachbetrieben, die solche Maßnahmen planten und umsetzten. Als Beispiel nennt Eders Sprecherin die Mosel, die größtenteils in einem schlechten Zustand ist. Mehr als drei Jahre seien Stellen zur Verbesserung ihrer Wasserqualität unbesetzt geblieben.

Zudem sei es schwer, an Flächen zum Schutz der Gewässer zu kommen, erklärt die Sprecherin. Hier geht es um Platz, damit sich die Gewässer entwickeln können, und es geht um Gewässerrandstreifen, die nicht genutzt werden und dadurch etwa keine Stoffe aus der Landwirtschaft ins Wasser gelangen. Es fehle an Anreizen für die Eigentümer und Pächter solcher Flächen – die Bereitschaft, Flächen abzugeben, sei gering.

Was droht Deutschland bei einem Verstoß gegen die EU-Regeln?
Die EU-Kommission kann beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) ein Vertragsverletzungsverfahren anstrengen. Im härtesten Fall droht Deutschland dann ein einmaliger Betrag von fast 18,2 Millionen Euro als Strafzahlung sowie ein tägliches Zwangsgeld von bis zu 1,167 Millionen Euro – und zwar so lange, bis es seiner Verpflichtung nachkommt.

Wo ist die Wasserqualität in der Pfalz besonders schlecht?
Vor allem die Gewässer in der Rheinebene sind betroffen. „Markant ist die kritische Zustandsentwicklung vieler Bäche, die im guten ökologischen Zustand vom Pfälzerwald kommend über den Haardtrand in die intensiv genutzte Ebene eintreten“, erklärt Eders Sprecherin. „Dort entwickeln sich innerhalb kurzer Fließstrecken oft unbefriedigende bis schlechte Gewässerzustände.“

Was beeinträchtigt die Qualität?
Es gibt mehrere Störfaktoren – ungewünschte Stoffe aus Siedlungen etwa und aus der Landwirtschaft. Laut dem Umweltministerium in Mainz spielt auch eine Rolle, wie stark die Flussläufe verändert sind. Eine RHEINPFALZ-Analyse der Daten zeigt: Lediglich 3,6 Prozent der Gewässer in gutem ökologischen Zustand im Land sind hochgradig verändert. Bei jenen mit unbefriedigender Wasserökologie sind es 43 Prozent und bei jenen in schlechtem Zustand sogar 60 Prozent.

Laut Umweltbundesamt ist die Überdüngung der Gewässer mit Phosphor eines der größten Probleme. Der Nährstoff regt das Wachstum von Algen und Wasserpflanzen an. Sterben diese ab, werden sie von Mikroorganismen zersetzt, die viel Sauerstoff verbrauchen, der dann Fischen und anderen Organismen fehlt. „Umso höher die Nährstoffbelastung im Gewässer ist, desto niedriger die statistische Wahrscheinlichkeit, dass der gute ökologische Zustand erreicht wird“, erklärt Eders Sprecherin.

Heinz Schlapkohl aus Weisenheim am Sand im Kreis Bad Dürkheim nennt zwei Hauptverursacher: die Landwirtschaft und kommunale Kläranlagen. Sein Engagement für den Wasserschutz, darunter 39 Jahre als Vorsitzender des Landesarbeitskreises Wasser beim BUND, hat ihm 2024 das Bundesverdienstkreuz beschert.

Welche Rolle spielt Landwirtschaft?
Bauern nutzen Nährstoffe wie Phosphor zum Düngen. Gerade bei Wein und Gemüse sei dies notwendig, sagt Schlapkohl. Damit die Stoffe nicht ins Wasser gelangen, plädiert er für Gewässerentwicklungskorridore, die mehr Raum einnehmen als Randstreifen. „Einträge aus der Landwirtschaft werden so abgepuffert“, sagt er. „Man versucht, die Bauern über freiwillige Maßnahmen dazu zu bringen, Flächen abzugeben.“ Das funktioniere aber zu wenig – trotz Geld aus verschiedenen Förderprogrammen. „Ich plädiere daher sehr für Flurbereinigungsverfahren“, sagt er.

Johannes Zehfuß hält dagegen. Der CDU-Landtagsabgeordnete aus Böhl-Iggelheim im Rhein-Pfalz-Kreis ist auch Vize-Präsident des Bauern- und Winzerverbands im Land und baut vorwiegend Kartoffeln an. Zehfuß verweist auf die Entwicklungen im Landbau. Die Analyse der Böden habe sich in den vergangenen 30 Jahren massiv verbessert. Grumbeerbauern wie er düngten nur nach Rezept. „Das strahlt auch auf andere Kulturen aus“, sagt er. Zudem sei dank Technik satellitengestützter Navigation (GPS) das Düngen sehr genau geworden. „Die Präzision ist gigantisch. Wir fahren auf den Zentimeter genau.“ Dennoch räumt er ein: „Es gibt keine emissionsfreie Landwirtschaft.“

Flächen zum Schutz der Gewässer ungenutzt zu lassen, nennt er einen Frevel – gerade in der Pfalz mit ihren guten Böden. „Wir leisten es uns, aufgrund von Ideologie Böden stillzulegen“, sagt er. „Das finde ich ethisch sehr bedenklich.“ Das Problem werde lediglich in andere Erdteile verschoben nach dem Prinzip: Aus den Augen, aus dem Sinn. Zudem sei die Landwirtschaft nicht so stark an den Einträgen beteiligt wie Kläranlagen.

Welche Rolle spielen Kläranlagen?
Eine große. Deren Phosphoreintrag zu reduzieren, sei ein Schwerpunkt der Landesregierung im Sinne der EU-Wasserrahmenrichtlinie, erklärt Eders Sprecherin. Laut Landesumweltamt entziehen 61 Prozent der Kläranlagen im Land dem Wasser bereits Phosphor. Kläranlagen trügen aber noch immer dazu bei, dass bei 80 Prozent der Gewässer erhöhte Konzentrationen gemessen würden. „Der Klimawandel mit zunehmenden Niedrigwasserzeiten und Hitzeperioden verschärft die Situation zusätzlich.“ Ein Beispiel: der Hainbach, der aus dem Pfälzerwald in die Rheinebene fließt. In heißen Sommern falle der Bach trocken, sagt Dirk Pramschiefer (SPD), der als Beigeordneter der Verbandsgemeinde Lingenfeld für die Kläranlage in Schwegenheim im Kreis Germersheim zuständig ist. „Alles, was dann da fließt, ist geklärtes Abwasser.“

Die sogenannte vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen soll helfen, unerwünschte Stoffe wie Medikamentenreste und Mikroplastik aus dem Wasser zu filtern. Und auch Phosphor. Jede zehnte der 660 Kläranlagen im Land soll perspektivisch so ausgebaut werden. Die Kosten hierfür beziffert Eders Sprecherin mit 600 bis 700 Millionen Euro. In Mainz ist die vierte Reinigungsstufe im Bau, für 15 weitere gebe es Studien, bei dreien gehe es bereits um eine Genehmigung – eine davon ist die in Schwegenheim im Kreis Germersheim.

Warum ausgerechnet diese? „Man hat sich einfach frühzeitig drum gekümmert“, nämlich seit 2019, sagt Pramschiefer. Ein erstes Gutachten habe die Verbandsgemeinde selbst finanziert, eine Machbarkeitsstudie danach hat das Land zu 70 Prozent bezahlt. Wie viel Geld das Land für den Bau zahlt, sei noch unklar, sagt er. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion als zuständige Landesbehörde habe zuletzt von einer Förderung von etwa 30 Prozent der Gesamtkosten gesprochen, die laut Pramschiefer bei etwa drei Millionen Euro liegen. Die Phosphatkonzentration im Abwasser sei sehr gering. Wenn die vierte Reinigungsstufe im besten Fall in zwei Jahren in Betrieb gehe, könne sie als Nebeneffekt aber auch diesen Stoff im Abwasser reduzieren, sagt er.

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