Ex-Chef der Klimaweisen warnt RHEINPFALZ Plus Artikel „Sonst haben wir einen Trümmerhaufen“

Bundesumweltminister Carsten Schneider hat 2000 zusätzliche Windräder für Süddeutschland angekündigt.
Bundesumweltminister Carsten Schneider hat 2000 zusätzliche Windräder für Süddeutschland angekündigt.

Hans-Martin Henning kritisiert im Interview mit der RHEINPFALZ das Klimaschutzprogramm von Umweltminister Carsten Schneider (SPD). Welche drei Punkte die Politik angehen muss.

Herr Henning, erreicht Deutschland mit dem neuen Klimaschutzprogramm der Bundesregierung seine Klimaschutzziele?
Bis 2030 ist die errechnete Lücke nicht so groß. Im Programm gibt es auch relativ wenige Maßnahmen, die bis dahin eine merkliche Wirkung entfalten. Dazu gehören ein Fernwärmepaket, durch das mehr als ohnehin schon in Erneuerbare für Fernwärme investiert werden soll, und ein Zubau von 12 Gigawatt Leistung durch Windkraftanlagen an Land.

Umweltminister Schneider sprach von 2000 Windrädern, die vor allem in Süddeutschland neu ausgeschrieben werden sollen …
Im Erneuerbare-Energien-Gesetz steht, dass Deutschland 2030 eine Leistung von 115 Gigawatt durch Windkraft an Land installiert haben soll. Mit den bisherigen Ausschreibungen erreichen wir das nie. Im besten Jahr hatten wir einen Nettozuwachs von 5,4 Gigawatt. Um das Ziel zu erreichen, müssten ab sofort mehr als 9 Gigawatt Leistung pro Jahr hinzukommen. Es ist also notwendig, sich um Windenergie zu kümmern. Gerade die Mittelgebirge im Süden haben Potenzial für eine vernünftige Auslastung. Wir werden trotzdem eine erkleckliche Menge Strom – vor allem im Winter – aus dem windreicheren Norden in den Süden transportieren müssen.

Die größten Sorgenkinder beim Klimaschutz sind Gebäude und Verkehr. Wie ambitioniert sind die Pläne hier?
Die einzige Maßnahme, die bei Gebäuden bis 2030 eine gewisse Wirkung entfaltet, ist die Strompreisreduktion einschließlich der reduzierten Umlagen für Wärmepumpen. Dies soll knapp 4 Megatonnen CO 2 einsparen – eine sehr überschaubare Menge. Problematisch dabei ist zudem, dass die Bundesregierung das Gebäudeenergiegesetz der Vorgängerregierung abgeschwächt hat, wodurch zusätzliche Emissionen entstehen werden. Die Wiederzulassung des Einbaus von Gas- und Ölkesseln birgt zugleich das Risiko, dass Menschen falsche Investitionsentscheidungen treffen, die sie später teuer zu stehen kommen.

Ist das Reduktionsziel von 65 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 1990 realistisch?
Es könnte gerade so reichen.

Was ist mit den 80 Prozent bis 2040 und der Klimaneutralität bis 2045?
Im Expertenrat haben wir die Abweichung für diese Ziele vergangenes Jahr als signifikant angesehen. Dafür enthält das Programm nun etliche Maßnahmen. An erster Stelle steht die Energiewirtschaft: So sollen etwa Gaskraftwerke künftig mit klimaneutralen Brennstoffen betrieben werden, unter anderem mit grünem Wasserstoff. Ich bin skeptisch, weil ich nicht sehe, woher die Menge an grünem Wasserstoff kommen soll. Zudem ist er etwa vier bis fünf Mal so teuer wie Erdgas oder Wasserstoff, der nicht klimaneutral produziert wird.

Auch CCS, also das Abscheiden und Speichern von CO 2 , ist als Option genannt – unter anderem bei der Müllverbrennung. Dafür braucht man aber eine CO 2 -Infrastruktur, durch die der Stoff zu Speichern transportiert wird – hier gibt es noch wenig konkrete Planung. Für die Zeit nach 2030 bleibt das Programm also an vielen Stellen zu vage. Und das wirkt sich auch auf den Industriesektor aus.

Wie das?
Die Industrie soll ihre Emissionen vor allem durch verstärkten Einsatz von Strom, Wasserstoff und CCS senken. Bei Energie und Industrie rechnet die Bundesregierung mit den größten Einsparungen – für die Zeit von 2031 bis 2040 rund 240 Megatonnen CO 2 im Sektor Industrie und knapp 264 Megatonnen CO 2 bei der Energiewirtschaft. Hier habe ich große Fragezeichen, denn all das hängt wesentlich von der verfügbaren Infrastruktur ab, zu der das Programm wenig sagt. Problematisch ist zudem, dass Energie und Industrie die Klimaschutzvorgaben übererfüllen sollen, um die Sorgenkinder Gebäude und Verkehr zu kompensieren.

Wie ambitioniert sind denn die Pläne für Gebäude?
Im Gebäudesektor gibt es nur zwei Maßnahmen, denen eine merkliche zusätzliche Wirkung zugeschrieben wird: einerseits die Absenkung des Strompreises unter anderem für Wärmepumpen, wodurch 22 Megatonnen CO 2 zwischen 2031 und 2040 eingespart werden sollen. Die zweite Maßnahme wirkt überraschend. Denn laut dem Programm sollen Förderprogramme für Neubauten so angepasst werden, dass energetisch sinnvoller gebaut wird. Das steht im Widerspruch zu den sonstigen Aktivitäten der Bundesregierung, Anforderungen für den Neubau zur Ankurbelung des Wohnungsbaus eher zu reduzieren. Was gar nicht enthalten ist, ist eine Maßnahme zur energetischen Sanierung des Gebäudebestands. Dabei zeigen etliche Studien, dass die rund 20 Prozent der energetisch schlechtesten Gebäude für 50 Prozent der Emissionen im Gebäudesektor verantwortlich sind.

Und was ist beim Verkehr geplant?
Den größten Effekt soll eine Maßnahme bringen, die wir nach EU-Recht ohnehin umsetzen müssen. Die Renewable Energy Directive III gibt die Treibhausgasquote konventioneller Kraftstoffe vor, wodurch bis 2030 eine Minderungswirkung um 15,4 Megatonnen CO 2 erwartet wird und bis 2040 sollen laut Klimaschutzprogramm damit rund zusätzliche 40 Megatonnen CO 2 eingespart werden. Wie das genau erreicht werden soll, bleibt aber unklar. Man braucht dafür Biomasse und Green Fuels – beides knappe Ressourcen, die an vielen Stellen benötigt werden. Und man braucht davon umso mehr, wenn zugleich das Verbrennerverbot aufgeweicht wird.

Die zweite Maßnahme, die bis 2040 in Summe rund 13 Megatonnen CO 2 einsparen soll, ist die neue Förderung von E-Mobilität für private Haushalte. Die soziale Staffelung dabei begrüße ich, denn man muss keinen vermögenden Haushalt fördern, damit sich dieser ein E-Auto kauft. Alle anderen Maßnahmen für den Verkehr haben eine noch geringere Wirkung.

Der Expertenrat für Klimafragen, dessen Vorsitzender Sie fünf Jahre waren, sieht das 2040-Ziel so kaum erreichbar. Sie auch?
Ja, mir fehlt an vielen Stellen die Konkretheit. Das ist mein maßgeblichster Kritikpunkt. Bei der Infrastruktur – bei den Netzen für Strom, Wasserstoff und CO 2 – braucht es viel Steuerung, Planung und Geld. Hier müssen in den nächsten Jahren immense Investitionen getätigt werden.

Welche Rolle spielt Wasserstoff dabei, das Land klimaneutral aufzustellen?
Die Elektrifizierung in Verbindung mit Erneuerbaren ist der Kernbaustein, um von fossilen Energien wegzukommen – in der Industrie, bei Gebäuden, im Verkehr. Wo wir Strom direkt nutzen können, ist dies sinnvoll. Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle für diejenigen Bereiche, in denen die direkte Stromnutzung langfristig nicht möglich ist – etwa für einige energieintensive Industrien, auch für den Betrieb von variablen Kraftwerken, die wir beispielsweise bei kalten Dunkelflauten benötigen. Hier spielt Wasserstoff eine wichtige Rolle als Energiespeicher, der in den großen Gaskavernen in Norddeutschland gespeichert werden kann. Da würden wir mit Wärme- und Batteriespeichern nicht hinterherkommen.

Ersetzt Wasserstoff die Batterie als Speichermedium?
Auf keinen Fall. Wir brauchen die Batterie als Kurzzeitspeicher, um Tag-Nacht-Zyklen und Wochenenden abzufedern. Da helfen uns stationäre und mobile Speicher. Zum bidirektionalen Laden, etwa mit E-Autos, steht auch etwas im Klimaschutzprogramm. Das ist auch dringend nötig. Wir brauchen intelligente Netze, sogenannte Smart Grids, dann können wir auf Verteilnetzebene viel kurzfristigen Ausgleich schaffen über Batteriespeicher und Maßnahmen der Laststeuerung.

Welche Bedeutung hat die Tiefengeothermie? Gerade der Rheingraben gilt ja als ideal, um die Technik zu nutzen.
Die Tiefengeothermie ist noch sehr unterbelichtet, dabei ist sie ein wichtiger erneuerbarer, unerschöpflicher Energieträger. Die Technik wird eine wesentliche Rolle für klimaneutrale Wärmenetze spielen, die heute überwiegend noch fossile Energien nutzen. Allerdings muss man erstmal viel Geld investieren, um herauszufinden, ob sich eine Erschließung überhaupt lohnt. Da gibt es inzwischen Bemühungen, diese Risiken abzufedern.

Ihr Fazit: Was muss die Politik ganz dringend angehen?
Ich sehe drei Kernpunkte: Die Bundesregierung muss sich weiter für den europäischen Emissionshandel ETS stark machen, denn der wird gerade in Frage gestellt. Das ist ein etabliertes Schlüsselinstrument. ETS 1 muss erhalten werden und ETS 2 muss kommen, wenn nun auch mit einem Jahr Verzögerung. Sonst haben wir einen Trümmerhaufen, wenn wir Kerninstrumente der Klimapolitik schwächen oder gar einstampfen. Zweitens muss sich die Politik um die Infrastruktur kümmern, insbesondere um die Netze. Und drittens braucht der Weg hin zur Klimaneutralität eine soziale Flankierung, um die gesamte Gesellschaft mitzunehmen. Gerade in den Bereichen Wohnen und Autofahren betrifft es direkt die Geldbeutel der Menschen. Und es wäre schön, wenn sich die Regierung nicht im Klein-Klein verliert, sondern sich bei Klimaschutzmaßnahmen auf die großen Linien konzentrieren würde.

Ist der Iran-Krieg ein Weckruf, unabhängiger von Fossilen zu werden?
Leider sind da die Halbwertszeiten kurz. Ich erinnere mich, dass sogar der damalige FDP-Finanzminister Christian Lindner 2022 nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine von erneuerbaren Energien als Freiheitsenergien sprach. Das war allerdings schnell vergessen. Trotzdem glaube ich an ein längerfristiges Umdenken, das dazu führt, Abhängigkeiten zu reduzieren. Allerdings werden andere Abhängigkeiten entstehen. Wasserstoff werden wir nicht nur in Deutschland oder Europa herstellen können. Und bei der Photovoltaik sind wir leider derzeit nahezu vollständig von China abhängig. Und selbst, wenn wir Batterien und PV verstärkt in Deutschland und Europa herstellen würden, bräuchten wir bestimmte Rohstoffe aus anderen Ländern. Autarkie kann und sollte also kein sinnvolles Ziel sein.

Zur Person

Hans-Martin Henning hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg geleitet und war Vorsitzender des unabhängigen Expertenrats für Klimafragen, der seit 2020 die Bundesregierung kontrolliert und berät. Der 66-jährige Physiker und Experte für Energietechnik, der seit Herbst 2025 im Ruhestand ist, ist Mitglied etlicher Gremien, unter anderem im Direktorium des Projekts „Energiesysteme der Zukunft (ESYS)“.

 Hans-Martin Henning
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