Neuer Ton und Stil
Söder plötzlich ganz seriös: Was ist da los?
Äußerlichkeiten sollten in der Politik nicht überbewertet werden, aber in diesem Fall lohnt sich doch eine genauere Betrachtung. Manch einer wird sich in diesen Tagen beim Anblick von Markus Söder nämlich gedacht haben: Was ist denn da los? Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef tritt neuerdings glattrasiert und mit Krawatte auf, weg sind der markante „Henriquatre“-Bart und die Trachtenjacke. Vorige Woche trug er dazu passend im Landtag in München eine staatstragende Regierungserklärung vor. Der 59-Jährige sagte selbstkritisch, er werde noch stärker darauf achten, „dass Ton und Stil der Lage unserer Demokratie angemessen sind“.
Es ist nicht die erste Häutung des Markus Söder, der sich beispielsweise vom Baumumarmer und Bienenfreund zum scharfzüngigen Grünen-Gegner wandelte und während der Corona-Pandemie nahtlos vom „Team Vorsicht“ ins „Team Freiheit“ wechselte. Ob man ihm gutes Gespür für Stimmungen in der Bevölkerung attestiert oder vorwirft, sein politisches Fähnchen in den Wind zu halten, bleibt jedem selbst überlassen.
Zuletzt jedenfalls hatte Söders erwiesene Volksnähe zu sehr ins Populistische ausgeschlagen. Es scheint ihm selbst aufgegangen zu sein, dass seine Zuspitzungen zwar verlässlich bayerische Bierzelte zum Kochen bringen, das eh schon angespannte politische Klima aber gleichzeitig unnötig anheizen.
Zelebrierte Fleischeslust
Daneben glitt seine Kommunikation in den sozialen Medien ins Dadaistische ab, Stichwort „Söder isst“. Ob Bratwurst, Döner oder Pizza: Mit unterschiedlichsten kulinarischen Genüssen ließ er sich abbilden. Nun muss Politik nicht immer verbissen präsentiert werden. Die zelebrierte Fleischeslust zusammen mit dem saloppen Auftreten ließ den auf seinen bundespolitischen Einfluss bedachten Machtmenschen indes zunehmend unseriös erscheinen.
Schluss damit! Söder hat richtig erkannt: Kriege und Krisen verunsichern die Welt, Deutschlands Wirtschaft schwächelt nachhaltig, die schwarz-rote Koalition in Berlin ächzt unter dem Reformdruck, die AfD ist im Aufwind; da wirkt ein Polit-Hallodri aus der Zeit gefallen, zumal die Beliebtheit des Ministerpräsidenten und seiner CSU in Bayern gerade ausbaufähig ist. Der inhaltliche Kurswechsel, mit der neuen Optik betont, ist also nachvollziehbar – und angebracht. Denn wie sagte einst Angela Merkel: „Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst.“
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