Nach Wahlen in Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Rechte Männer, linke Frauen: Warum die Geschlechter auseinanderdriften

Wen man wählt, hängt von vielen Dingen ab. Zunehmend auch vom Geschlecht.
Wen man wählt, hängt von vielen Dingen ab. Zunehmend auch vom Geschlecht.

Bei Wahlen entscheiden Männer und Frauen zunehmend unterschiedlich. Vor allem innerhalb der jungen Generationen. Das könnte die Gesellschaft langfristig verändern.

Frauen wählen links – und Männer rechts? Noch bis in die 1970er Jahre war das Gegenteil der Fall: Frauen wählten konservativer. Mit wachsender Bildung, Erwerbstätigkeit und abnehmender Religiosität glich sich das Wahlverhalten an – bis sich das Bild in den vergangenen Jahren umkehrte.

Besonders bei den unter 25-Jährigen ist die Spaltung heute extrem: Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten 35 Prozent der jungen Frauen für die Linke, aber nur 16 Prozent der jungen Männer, zeigen Wahlanalysen. Umgekehrt wählten 27 Prozent der jungen Männer die AfD – bei den jungen Frauen waren es nur 15 Prozent.

Statusverlust und Unsicherheit

Die Ursachen für die politische Spaltung seien nicht abschließend geklärt, sagt Djordje Milosav. Er hat das Wahlverhalten bei den Europawahlen erforscht. Eine Theorie ist, dass sich einige junge Männer durch den gesellschaftlichen Aufstieg von Frauen herausgefordert fühlen: Frauen überholen sie in der Bildung, streben nach gut bezahlten Jobs, fordern Gleichberechtigung. „Das kann bei jungen Männern Ängste auslösen – etwa vor Statusverlust“, so Milosav.

Diese Angst wird verstärkt durch die wirtschaftliche Situation. Der Soziologe Ansgar Hudde, der sich die Bundestagswahl genauer angeschaut hat, sagt: „Die Arbeitsmarktzahlen in Deutschland sind nicht furchtbar – aber jede Verschlechterung trifft die Jungen und Berufseinsteiger immer am härtesten. Und sie blicken besorgter in die Zukunft.“ Das macht es schwerer, traditionelle Rollen wie die des Versorgers zu erfüllen, erklärt Milosav. Wenn junge Männer sich ökonomisch abgehängt fühlen, könnten manche von ihnen deshalb empfänglicher für autoritäre Botschaften sein.

Dating wird politischer

Eine Rolle spielen auch persönliche Erfahrungen. „Einige Studien deuten darauf hin, dass junge Männer nach romantischer Zurückweisung negativere Einstellungen gegenüber Frauen entwickeln“, sagt Milosav. Bewegungen wie „#MeToo“ haben junge Frauen politisiert – bei jungen Männern lösen sie teils Verunsicherung und Abwehr aus. Solche Ängste werden von rechtspopulistischen Parteien aufgegriffen.

Gleichzeitig wird Dating immer politischer: Themen wie die Haltung zur AfD oder Feminismus werden zu Beziehungskriterien. „Man sieht eine Politisierung der Gesellschaft insgesamt – und das wirkt sich auch auf das Dating aus“, beobachtet Hudde.

Männlichkeits-Influencer

Diese Dynamiken führen manche jungen Männer in die Arme von „Manfluencern“. Das sind Aktivisten in den sozialen Netzwerken, die traditionelle Männlichkeitsbilder propagieren und Gleichstellung als Bedrohung darstellen. Milosav verweist auf Studien aus Schweden, die zeigen: Wer solchen Influencern folgt, neigt eher zu frauenfeindlichen Einstellungen. „Wenn junge Männer das Gefühl haben, ihre traditionelle Männlichkeit wird infrage gestellt, dann könnten sie mit Misstrauen gegenüber Frauen reagieren und offener für rechtspopulistische Ideen sein.“

Solche Inhalte verbreiten sich besonders über soziale Medien. Digitale Plattformen wie TikTok und Instagram sind in der Politik zu Schlüsselwerkzeugen geworden. Besonders rechtspopulistische Parteien nutzen sie als Zugang zu jungen Wählern. „Die AfD ist auf diesen Plattformen deutlich präsenter als viele etablierte Parteien“, sagt Milosav. Ein Beispiel ist der Politiker Maximilian Krah. Durch Inszenierungen von Stärke oder durch Anti-Establishment-Rhetorik spricht er gezielt junge Männer an. Andererseits ist er aber auch nah an ihrer Lebenswirklichkeit: Nur als Patriot finde man eine Freundin, behauptet Krah.

Doch nicht nur die AfD nutzt soziale Netzwerke erfolgreich – auch die Linke erzielt dort hohe Reichweiten. Von allen Aufrufen, die politische Parteien auf TikTok generieren, entfällt fast die Hälfte auf AfD und Linke. Eine mögliche Erklärung ist die Authentizität der Beiträge, sagte Bernd Zywietz, Leiter des Bereichs Politischer Extremismus bei Jugendschutz.net, dem SWR. Die Videos anderer Parteien wirkten dagegen oft überproduziert. Auch die Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken an den politischen Rändern passe besser in die Logik der sozialen Netzwerke.

Globaler Trend

Der Trend ist nicht auf Deutschland beschränkt. In Ländern wie Spanien, Frankreich oder Polen war der Gender-Gap bei den Europawahlen besonders deutlich. Bei den Präsidentschaftswahlen in den USA stimmten 56 Prozent der jungen Männer für Donald Trump – aber nur 40 Prozent der jungen Frauen. Besonders drastisch ist die Spaltung in Südkorea: In der Altersgruppe von 18 bis 29 unterstützten 59 Prozent der Männer die konservative Partei. Bei den jungen Frauen war es nur ein Drittel.

„Was wir heute sehen, ist keine bloße Fortsetzung älterer Muster“, sagt Milosav. „Es gibt etwas Spezifisches an jungen Männern der heutigen Generation: Ihre Neigung, rechtspopulistische Parteien zu unterstützen, ist deutlich ausgeprägter als bei früheren Generationen im gleichen Alter.“ Und diese Spaltung verändert die Gesellschaft. Wenn junge Männer und Frauen sich ideologisch entfremden, dann leide das Miteinander, glaubt er. Das könne zu mehr Einsamkeit und belasteten Beziehungen führen, langfristig sogar die Geburten- und Scheidungsraten verändern.

Was können Parteien tun?

Auch die Parteienlandschaft verändert sich. „Parteien verlieren ihren gesamtgesellschaftlichen Anspruch und sprechen zunehmend geschlechtsspezifische Milieus an“, prognostiziert der Soziologe Hudde. Zwar schrumpft der Gender-Gap bei der AfD insgesamt – denn je länger eine extreme Partei existiert und je mehr sie gewählt wird, desto mehr wird sie auch normalisiert. Frauen lassen sich durch ein Stigma eher von der Wahl abhalten, wählen die AfD also erst verzögert. Das gilt aber nur für die über 35-Jährigen. Bei den Jüngeren hat sich der Unterschied zuletzt sogar noch vergrößert.

Dass Männer rechts und Frauen links wählen, ist kein Naturgesetz. Aber wie kann man der politischen Spaltung der Geschlechter entgegenwirken? Vielleicht, wenn man Themen in den Mittelpunkt stellt, bei denen es ähnliche Interessen gibt, vermutet der Soziologe Hudde. Allerdings: Die Linke habe genau das getan. Feministische Themen wie das Recht auf Abtreibung blieben im Wahlkampf eher im Hintergrund – trotzdem hatte die Partei mehr Wählerinnen. „Das Wahlverhalten ist letztendlich Ausdruck einer fragmentierten Gesellschaft. Geschlecht ist weiterhin ein großer Faktor und eine wichtige Kategorie an der Wahlurne.“

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