Politik Präsidentenwahl in Frankreich: Die Chancen von Marine Le Pen
Reportage: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen darf in der lothringischen Kleinstadt Hayange bei der französischen Präsidentschaftswahl auf mehr als 50 Prozent der Stimmen hoffen. Dort regiert bereits ein Parteifreund als Bürgermeister. Und zwar erfolgreich.
„Hayange ist praktisch tot.“ Françoise sagt das. Bitterkeit klingt aus ihren Worten, aber auch Erleichterung. Als ob vom bevorstehenden Ableben eines Schwerkranken die Rede wäre, dessen Tod auch Erlösung verheißt. Doch die pensionierte Büroangestellte spricht von ihrer Stadt, von Hayange, dem 16.000 Einwohner zählenden Ort im Norden Lothringens. Françoise selbst scheint von dem Niedergang ausgenommen. Die 77-Jährige ist voller Leben. Für den Gang in die Konditorei am Kirchplatz hat sie Lidschatten und Lippenstift aufgetragen. Mit ihrer Freundin Anita steht sie vor dem Kuchentresen. Draußen sind die Zeichen des Verfalls offenkundig. Die Pizzeria Mezza Luna hat pleite gemacht. Ein neuer Pächter wird gesucht. Die Fassade des Veranstaltungssaals Molitor ist mit Rußschlieren übersät. In der zum Saal hinaufführenden Freitreppe hat sich Grünspan eingenistet. Eine Immobilienagentur bietet Wohnungen zum Schleuderpreis feil: ein Dreizimmerappartement für 66.000 Euro, ein Zweizimmerappartement für 40.000. Am Horizont ragen rostbraune Ungetüme in die Höhe. Die scheinbar planlos aufgetürmten Tanks, Rohre, Stangen und Gitter sind Überbleibsel der Stahlproduktion, die es hier einst gab. Die vom Abzug des Stahlgiganten Arcelor Mittal Ende 2011 und dem Erlöschen der letzten Hochöfen schwer getroffene Stadt hat landesweit Schlagzeilen gemacht. Hayange ist eine von rund einem Dutzend französischer Gemeinden, die bei den Kommunalwahlen 2014 in die Hand des rechtspopulistischen Front National (FN) gefallen sind. Anders als von Sozialisten und Konservativen prophezeit, haben die Bewohner des Ortes ihr Votum auch nicht bereut. Sie haben entschlossen nachgelegt: Mit 37 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister gewählt, hat Fabien Engelmann bei den Départements-Wahlen 2015 in Hayange mehr als 50 Prozent erzielt. Weshalb Engelmanns Parteifreundin, die FN-Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, nun hoffen darf, es in Hayange ebenfalls auf die absolute Mehrheit zu bringen. Landesweit werden ihr in der ersten Wahlrunde 26 Prozent, in der zweiten 42 prophezeit. Dabei haben Engelmann und der Front National der seit den 1970er Jahren immer wieder von der Krise der Stahlwirtschaft gebeutelten Stadt kein Wachstum, keinen Wohlstand gebracht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 17 Prozent. Die Hälfte der Bewohner verfügt über so wenig Einkommen, dass sie keine Steuern bezahlen muss. Eine letzte Insel wirtschaftlichen Lebens gibt es noch. Am Ortsausgang ist sie zu finden. Der Schienenhersteller British Steel beschäftigt dort 500 Mitarbeiter. Wer bei British Steel kein Auskommen findet, versucht sich nicht selten im Ausland. Rund 40 Prozent der Bewohner Hayanges verdienen ihren Lebensunterhalt im 30 Kilometer entfernten Luxemburg, arbeiten bei Banken, Versicherungen, im Dienstleistungsgewerbe oder in der Bauwirtschaft. „Man bekommt diese Pendler die Woche über kaum zu Gesicht“, hat Jonathan Champion am Vortag erzählt, der Sprecher des Bürgermeisters. „Sie stehen in aller Herrgottsfrühe auf, kehren erst am späten Abend zurück.“ Engelmann hat allerdings auch keine Beschäftigungswende versprochen. Und das Wenige, was er versprochen hat, das hat er eingelöst: Sauberkeit, Sicherheit, Bürgernähe. Jean-Luc, der seit Jahrzehnten in Diensten des Stadtreinigungsamtes steht, zeigt sich hochzufrieden. „So sauber war es hier noch nie“, sagt er. Auf dem Kirchplatz lägen nicht einmal mehr Kieselsteinchen herum. „Engelmann ist glaubwürdig, er ist einer von uns, er hält zu uns.“ Paul sagt das. Auf einer Bank am Kirchbrunnen sitzt er, blinzelt in die Frühlingssonne. Stets erreichbar sei der Bürgermeister, fährt Paul fort. Jeden Mittwoch halte er in einem anderen Ortsteil Sprechstunde ab. Für alte Menschen habe er einen Gratis-Bustransport eingerichtet, für in Luxemburg tätige Eltern eine bereits morgens um 6 Uhr öffnende Kinderkrippe. Engelmann könne man vertrauen. Paul zählt zu den 2012 ausgeschiedenen und abgefundenen Stahlarbeitern des Ortes. Mitte fünfzig dürfte er sein. Wie die meisten Bürger der von den Medien als rechtspopulistische Hochburg in Verruf gebrachten Stadt begegnet er Journalisten mit Misstrauen, mag seinen Nachnamen nicht preisgeben. Den Sozialisten und Staatschef François Hollande vertraut Paul auch nicht. Er hat ihnen das Vertrauen entzogen, nachdem Hollande im Präsidentschaftswahlkampf 2012 „den Arbeiterführer gegeben hat und mit einem Megafon in der Hand den Erhalt der Stahlproduktion versprochen hat“. Wie viele seiner Kumpels war Paul ein Linker gewesen. Bis er sich dann eben von den Genossen im Stich gelassen, ja verraten fühlte. Bis er beschloss, die Seiten zu wechseln. Bis er rechts außen eine neue politische Heimat fand. Als die Rede auf den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon kommt, der seiner Familie mit Hilfe von Scheinarbeitsverträgen unverdienten Lohn zugeschanzt haben soll, steigt Paul die Zornesröte ins Gesicht. „Ich bekomme nach jahrzehntelanger Maloche 600 Euro Frührente, Fillons Frau und Kinder bekommen eine Million Euro fürs Nichtstun, die sind doch alle ein verdorbenes Pack.“ Zu Engelmanns Feldzug für Sauberkeit, Sicherheit und Bürgernähe tritt ein weiterer. Gegen die Fremden richtet er sich. Auch er stößt auf Zustimmung. Der 37-Jährige pflegt diese Politik geschickt zu verpacken. In einer seiner Bürgersprechstunden verkündet er: „Ich ertrage es nicht, dass eine alte Frau hier ihre Medizin nicht bezahlen kann, während wir in unserer Stadt Flüchtlinge gratis unterbringen und verpflegen“, sagt der Bürgermeister. Das verstoße gegen sein Gerechtigkeitsempfinden. Um 60 Albaner geht es, die Frankreichs Regierung trotz Engelmanns Veto in einem ehemaligen Hotel der Stadt einquartiert hat, sowie um 80 Sudanesen. Engelmanns Abneigung gegen die Fremden geht so weit, dass er, der Vegetarier, der Fan der Tierschützerin und Filmlegende Brigitte Bardot, in Hayange alljährlich das Fest des Schweins ausrichtet. Im September findet es statt. Dann wird jede Menge Muslimen verbotenes Schweinefleisch gegrillt und nebenher verdeutlicht, wer in Hayange Herr im Haus und wer bestenfalls geduldet ist. Die Frage, ob Le Pens Pläne, Frankreich aus der EU zu führen und an den Grenzen wieder Schlagbäume anzubringen, im Sinne einer Stadt seien, deren Bewohner ihr Auskommen zu rund 40 Prozent in Luxemburg suchen müssen, scheint Engelmann auch nicht zu ertragen. Ungehalten wirkt er. Überhaupt kein Problem sei das, versichert er dann. Man werde an den Pendler-Autos Mikrochips anbringen, die an der Grenze freie Durchfahrt erlaubten. Das Böse kommt von draußen – wir müssen uns zur Wehr setzen, lautet das Motto des Bürgermeisters. Sein Sprecher Champion erläutert es am Beispiel der erloschenen Hochöfen. Auf die Geldgier eines Sozialdumping betreibenden Multis sei das Desaster zurückzuführen, der in Billiglohnländern produzieren lasse, sagt Champion. Hinzu komme die Freihandelspolitik der EU. Und ja – die Immigranten kämen ebenfalls von draußen. Die Worte des Bürgermeisters finden in der Bevölkerung vielfachen Widerhall. Der Bistrobesitzer Sylvain erzählt von der Witwe eines im Algerienkrieg kämpfenden Franzosen, die mit 400 Euro im Monat auskommen müsse, während der Staat für einen Flüchtling monatlich 600 Euro ausgebe. Er selbst habe fast ein halbes Jahr auf einen Termin beim Augenarzt warten müssen, während die Fremden sofort zum Zuge kämen. In der Konditorei am Kirchplatz, wo Françoise und Anita mittlerweile beim Kaffee sitzen, glaubt man ebenfalls den Bürgermeister zu hören. „Dass Leute, die hier nicht hergehören, unsere Misere noch vertiefen, halte ich einfach nicht aus“, sagt Anita. „Ich habe zeitlebens gearbeitet und bekomme im Alter weniger als die Ausländer, die nicht arbeiten.“ Jene Bewohner, die bei den Départements-Wahlen nicht für Engelmann gestimmt haben? Sie halten sich bedeckt. Offen gegen den Lokalmatador aufzubegehren, empfiehlt sich nicht. Die politisch linksstehende, Flüchtlinge unterstützende Hilfsorganisation Secours Populaire bekam das zu spüren. Engelmann hat den in einer Wellblechgarage tätigen Helfern die Kündigung geschickt und den Strom gekappt. Eine Mitarbeiterin der nebenan Armenspeisung betreibenden Organisation Resto du Coeur erzählt, die Kollegen verrichteten ihre Arbeit im Dunkeln, in dicke Mäntel gehüllt. Engelmann weiß die Mehrheit seiner Mitbürger auf seiner Seite. Die Minderheit weiß, dass mit ihm nicht zu spaßen ist.