Fragen und Antworten
Post-Covid: Wenn die Symptome nach Corona nicht enden wollen
Was ist das Post-Covid-Syndrom?
Es gibt Momente, da kommt sie nicht mehr alleine aus der Dusche, erzählt eine Betroffene der RHEINPFALZ. Eine Wasserflasche öffnen klappt manchmal – manchmal nicht. Die Diagnose: Post-Covid. Der Begriff beschreibt Folgeerscheinungen einer Infektion mit dem Corona-Virus, die länger als zwölf Wochen andauern. Davor spricht man von Long-Covid. Für die Betroffene bedeutet das: Sie kann sich kaum konzentrieren, hat ein verringertes Lungenvolumen, ist stark erschöpft und nicht arbeitsfähig.
Was sind die Symptome?
Die Ausprägung der Symptome und das Beschwerdebild sind unterschiedlich und können sich mit der Zeit verändern. Viele klagen über eine langanhaltende Erschöpfung, eingeschränkte Belastbarkeit, Atemnot und Kurzatmigkeit, kognitive Einschränkungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Auch psychische Probleme wie Depressionen können auftreten. Eine besonders schwere Ausprägung ist das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS), das auch als Folge anderer Erkrankungen auftreten kann. Schätzungsweise waren daran schon vor der Pandemie 300.000 Menschen in Europa erkrankt – mittlerweile vermuten Forscher, dass sich die Anzahl verdoppelt hat.
Wie erklärt sich die Krankheit?
Post-Covid ist kein einheitliches Krankheitsbild. Deshalb verstehen Forscher laut Robert-Koch-Institut (RKI) die Ursachen und Mechanismen bislang nur unzureichend. Man gehe davon aus, dass die Erkrankung von individuellen gesundheitlichen Vorbelastungen beeinflusst ist. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) könnte die Vielfalt der Beschwerden damit zusammenhängen, wie das Virus in den Körper gelangt: über sogenannte ACE2-Rezeptoren, die in vielen Organen sitzen.
Wie häufig kommt das Post-Covid-Syndrom vor?
Schätzungsweise leiden mindestens 6,5 Prozent der Patienten nach einer Coronaerkrankung an Post-Covid-Symptomen. Frauen und Mädchen sind laut dem Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (ZI) häufiger betroffen – vor allem Frauen im Alter zwischen 40 und 60. Die Mehrheit hat eine Vorerkrankung.
Gibt es eine Behandlung?
Die Behandlung von Long-Covid und Post-Covid verläuft bisher symptomorientiert. Die Behandlung wird individuell abgestimmt – je nach Beschwerden der Patienten. Ein spezifisches Medikament gibt es nicht. Eine Expertengruppe, aufgestellt vom BMG, erarbeitet derzeit Empfehlungen zu Medikamenten, die eigentlich für andere Anwendungsgebiete zugelassen wurden – für den sogenannten Off-Label-Use.
Diagnose: Wie gut kennen sich Hausärzte mit der Erkrankung aus?
Die erste Anlaufstelle für Patienten sind die Hausärzte. Laut Thomas Maibaum, Präsidiumsmitglied der Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), setzen die meisten Hausärzte die Leitlinien und die empfohlenen diagnostischen Schritte um – auch wenn das im Praxisalltag organisatorisch anspruchsvoll sei. Eine sichere Diagnose könne es nicht geben, da Post-Covid nicht mit Laborwerten nachgewiesen werden kann. Vielmehr basiere sie auf Anamnese, Ausschlussdiagnostik und Fragebögen. Maibaum betont: Hausärzte seien keine Spezialambulanzen, aber Experten für den Alltag mit chronischer Erkrankung. Sie seien mit den Symptomen vertraut und könnten auch sozialmedizinisch begleiten – etwa bei Anträgen für Reha, Pflegegrad oder Erwerbsminderungsrente.
Was, wenn Post-Covid-Patienten ihren Alltag nicht mehr bewältigen können?
Beim jeweiligen Landesamt für Soziales kann ein Grad der Behinderung (GdB) beantragt werden. Welchen GdB Post-Covid-Patienten erhalten, ist nicht festgelegt. Bei der Betroffenen, die mit der Redaktion gesprochen hat, wurde ein GdB von 50 festgestellt. Damit erhalten schwerbehinderte Menschen bestimmte Nachteilsausgleiche. Bei der Pflegekasse können Betroffene zusätzlich einen Pflegegrad beantragen. Ein Gutachter schätzt die Pflegebedürftigkeit ein und kann individuell feststellen, welche Leistungen notwendig sind.
Wer hilft, wenn man wegen Post-Covid nicht mehr arbeiten kann?
Nach meist 78 Wochen bekommen Arbeitnehmer kein Krankengeld mehr. Ist die Erkrankung berufsbedingt – etwa im Gesundheitswesen – unterstützt die gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Ihr Leitsatz: „Reha vor Rente“. Die DGUV zahlt Behandlungen, Rehabilitation und Verletztengeld. Ab einer dauerhaften Minderung der Erwerbsfähigkeit zahlt sie eine Rente. Ist die Infektion nicht berufsbedingt, kommt die Rentenversicherung infrage. Sie finanziert Rehabilitation oder zahlt gegebenenfalls eine Erwerbsminderungsrente. 2024 erhielten rund 3.700 Menschen mit Post-Covid-Diagnose eine solche Rente. Voraussetzung ist, dass genug Pflichtbeiträge gezahlt wurden.
Wie laufen diese Prozesse für Betroffene wirklich ab?
„Man muss beim Gutachten glaubhaft darstellen, dass man pflegebedürftig ist“, erzählt die Betroffene im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Ihr Mann habe beim Besuch der Gutachterin zum Beispiel erzählt, dass er seiner Frau oft beim Aufstehen von der Toilette helfen müsse. Viele Anträge würden aber abgelehnt, weiß sie von anderen Betroffenen. Maibaum kennt diese Diskrepanz: Es gehe auf beiden Seiten um viel Geld und die Perspektiven seien sehr unterschiedlich. Oft hilft es, Widerspruch einzulegen – einige Fälle gehen aber bis vor das Sozialgericht. Noch ein Problem: die Wartezeiten. Laut Maibaum warten Patienten zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten auf eine Reha – länger noch, wenn es um spezielle Long-Covid-Ambulanzen geht. Auch zwischen dem Rentenantrag und der Auszahlung liegen häufig Monate. Das ist vor allem dann ein Problem, wenn kein Krankengeld mehr gezahlt wird.
Wie viel investiert die Politik in die Forschung?
Das BMG will die Forschung zu Post-Covid und ME/CFS bis 2028 mit insgesamt knapp 120 Millionen Euro fördern. Bewilligt sind davon bisher 73 Millionen. Laut Karl Lauterbach (SPD), Vorsitzender des Bundestags-Forschungsausschusses, investiert die Regierung zu wenig im Bereich ME/CFS. „Die Summen, die bisher im Haushalt stehen, sind völlig inakzeptabel“, sagte er Mitte Juli gegenüber dem „Spiegel“. Die Koalition streite darum, ob sie für die Forschung 10 oder 15 Millionen Euro aufwende, so Lauterbach. Er halte eine Milliarde Euro für nötig.