Berlin Pfälzer SPD-Abgeordneter kontert Merz in Krankschreibungs-Debatte
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat mit seinen Aussagen zu den Krankentagen in Deutschland eine breite Debatte losgetreten. Seine Behauptung: Der Krankenstand in deutschen Unternehmen und im öffentlichen Sektor ist zu hoch. „Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschreibung durch telefonische Krankschreibungen“, sagte Merz.
Vor allem auf Arbeitnehmerseite sorgt diese Behauptung für massiven Widerspruch. „Ich verstehe nicht, warum der Kanzler erneut die alte Arbeitgeber-Erzählung von ,faulen’ und ,verweichlichten’ Beschäftigten aufgreift“, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IGBCE, der RHEINPFALZ. Tatsächlich seien die Überstunden auf Rekordniveau (zur Hälfte unbezahlt), während die Arbeitsverdichtung gesundheitsgefährdende Ausmaße annehme.
„Wer unter diesen Bedingungen das Bild vom ,Arbeitnehmer auf der Couch’ zeichnet, demotiviert die Menschen und handelt respektlos“, so Vassiliadis. „Deutschland braucht weniger Schuldzuweisungen – und mehr Lösungen für Fachkräftemangel, Bürokratie, Investitionen und bessere Arbeitsbedingungen.“
Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) findet sich in den Aussagen des Kanzlers wieder. „Auch viele Unternehmen in unserer Branche beobachten in ihren deutschen Werken höhere Krankenstände als in ausländischen Standorten mit zum Teil identischen Arbeitsbedingungen“, sagt Hauptgeschäftsführer Mathias Schöttke der RHEINPFALZ. Die Schwelle für eine Krankschreibung sei durch die telefonische Option deutlich gesenkt worden. „Damit sind Fehlanreize entstanden, die wir vermeiden sollten. Der weit überwiegende Teil unserer Beschäftigten ist mit großem Einsatz bei der Arbeit – auch in ihrem Sinne müssen wir Missbrauchsmöglichkeiten reduzieren.“
Innerhalb der Koalition sind die Aussagen des Kanzlers ebenfalls umstritten. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigt im „Tagesspiegel“ an, die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand zu stellen. Die „niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung“ könne „missbräuchlich ausgenutzt werden“.
SPD-Gesundheitsexperte Matthias Mieves (Wahlkreis Kaiserslautern) hält nichts von der Debatte. „Friedrich Merz stellt mit seinen Aussagen fleißige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter Generalverdacht und argumentiert dabei mehr mit Bauchgefühl als mit Fakten“, sagt er. Die telefonische Krankschreibung ist für Mieves ein „kluges Instrument des Bürokratieabbaus im Gesundheitssystem“. Dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim zufolge sei der Anstieg der Krankmeldungen vor allem auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückzuführen, erklärt Miewes. Auch er verweist auf viele unbezahlte Überstunden. „Statt Arbeitnehmer schlechtzureden, sollte sich Merz lieber darum kümmern, dass Leistung fair anerkannt wird – und seine Wirtschaftsministerin endlich ins Arbeiten kommt.“