Rheinland-Pfalz
„Miss Mut“ trotzt trübem Wetter und trüber Stimmung
Umfragen sehen die FDP noch deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde für den Wiedereinzug in den Landtag. Nach zehn Jahren in Regierungsverantwortung. Das weiß die Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin Daniela Schmitt, aber es trübt ihre Laune an diesem nassen Februar-Samstag in Kindenheim (Kreis Bad Dürkheim) nicht. Sie scherzt sogar, dass schlechtes Wetter das geringste Problem der FDP sei.
Die 53-Jährige wird als „Miss Mut statt Missmut“ plakatiert. Beides strahlt sie aus, den Mut und die Miss. Die Wirtschaftsministerin hat das Weinköniginnen-Gen. Sie lacht viel, und ihr weicher rheinhessischer Dialekt schwingt sanft dahin wie die „Hiwwel“, die weite Hügellandschaft ihrer Heimat rings um Alzey, wenn sie „Mir sin geländegängisch“ sagt. Soll heißen: Die FDP wird’s schon schaffen. Das Weinglas schwenken, schnuppern, kosten, das hat sie perfekt drauf. Volkstümlich, fröhlich, nett. Wenn der Claim nicht schon von der SPD besetzt wäre, könnte man es „nah bei de Leut“ nennen. Ihre Fotografen hat sie dabei stets genau im Blick.
Bilder und Botschaften fürs Netz
Denn dieser Wahlkampftermin wirkt nicht nach außen. Zumindest nicht direkt. Die wenigen, die gekommen sind, gehören alle zur FDP-Familie. Götz Rittner, Unternehmer aus Altleiningen und Direktkandidat im Wahlkreis Bad Dürkheim, Staatssekretärin Petra Dick-Walter aus Bad Dürkheim, die stellvertretende Regierungssprecherin und Vorsitzende des FDP-Landeshauptausschusses, Christa Schlösser aus Quirnheim, sowie Jana Gräf, Direktkandidatin im Westerwald und Vorsitzende der Liberalen Frauen im Land.
Schmitt ist zum Rebschnitt gekommen. Symbolisch zumindest, denn mehr als zwei Reben kommen nicht dran. Anstelle des sonst üblichen Blazers, gerne in leuchtender Farbe, bei Bedarf aber auch in Volksbankdirektorium-Dunkel, passend zum alten Beruf, trägt sie Jeans, Steppjacke, Schal und Sportschuhe. Hier werden Bilder produziert, die wenig später auf ihrem Instagram-Account mit dem Slogan „Trauben statt Tabellen!“ auftauchen. Winzer sollten ihre Zeit im Weinberg verbringen können, nicht mit Bürokratie, lautet die Botschaft.
In Brüderles Spuren
Sie lässt sich gern von Thilo Holstein, dem Inhaber des Weinguts Oekonomierat Holstein, eine Rebschere in die Hand drücken und macht sich daran, unter seiner Anleitung die vorjährigen Triebe der Adelfränkisch-Reben zu stutzen. Die robuste alte Sorte hatte zwar die Reblaus überlebt, war aber trotzdem 150 Jahre lang verschwunden, erzählt der Winzer. Wegen ihres für die Pfalz irreführenden Namens hätte er seinen Wein anders nennen sollen, aber das Ministerium habe geholfen, was Schmitt sehr gerne bestätigt.
Einen kurzen O-Ton zur Lage des Weinbaus, mitsamt Appell an die Verbraucher, mehr heimischen Wein zu trinken, spricht sie frei in die Kamera. Der ist in gut 30 Sekunden im Kasten. Einen Seitenhieb auf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gibt’s noch, weil der auf einem Empfang ausländische Weine ausschenken ließ. „Das wäre Rainer Brüderle nie passiert“, sagt Schmitt über den einstigen Landes- und Bundeswirtschaftsminister der Liberalen. Sie hofft, dass die Kunden nicht mehr bei sechs von zehn Flaschen nach fremden Weinen greifen, sondern „ein bisschen Nationalstolz“ entwickeln. Die Verbraucher hätten es in der Hand, außer der Kirche auch den Winzer im Dorf zu lassen, Bäcker und Metzger auch – und den Laden in der Innenstadt.
Eine Runde mit dem Traktor
Holstein schildert, wie er seine Kosten gedrückt habe. „Das Problem sind die Betriebe, die es haben laufen lassen“, sagt Schmitt. Ihr Ministerium begleite die Winzer beim Erschließen neuer Absatzmärkte. Ein Fototermin mit dem Familienhund steht auch noch an, aber richtig Spaß hat Schmitt, als sie eine Runde mit dem Weinbergstraktor drehen darf. Den Filmclip gibt’s auf Instagram.
Da ist der Ärger in und mit der Partei glatt vergessen. Erst wird lanciert, dass Schmitt ihren Mann, einen Unternehmer, auf Wirtschaftsreisen mitgenommen hat und dass der einen Kredit der landeseigenen Förderbank bekommen hat. Nichts, was Konsequenzen hat, aber es ist weder dem Ruf förderlich, noch dem Klima in der Partei. In der Frage der Spitzenkandidatur fällt ihr Parteifreund Philipp Fernis, bis dato Fraktionsvorsitzender im Landtag, mit den Worten in den Rücken, dass er nicht für das „Team Schmitt“ zur Verfügung stünde. Als er als Nachfolger des überraschend verstorbenen großen Liberalen Herbert Mertin zum Justizminister gemacht wird, überlegt Fernis es sich anders. Kurz darauf muss Schmitt verdauen, dass sie bei der Wahl zur Landeschefin der Liberalen und Nachfolgerin des abhandengekommenen Volker Wissing sowie als Spitzenkandidatin keine berauschenden Ergebnisse einfährt und auch noch aus dem Bundesvorstand der Partei fliegt. Vielleicht ist das der Grund, warum sie im Grünstadter Land stark auf Frauenpower setzt, Selfie mit Parteifreundinnen inklusive.
Vorzeigeprojekt Turboflächen
Wenig später lässt sich die Ministerin bei Elektro Krück in Grünstadt von Ex-Chef Ernst Eymann und dessen Nachfolger Philipp Grässer durch Fachmarkt, Lager und Werkstatt führen. Sie kann sich dafür begeistern, dass hier mit mehr als 60 Mitarbeitern Elektromotoren neu gewickelt und anschließend im Ofen „gebacken“ werden „wie die Grumbeere im Backes“, wie Schmitt freudig vergleicht. Vor allem aber werden von diesem Betrieb sämtliche US-Liegenschaften im weiten Umkreis neu verkabelt. Ruckzuck hat Schmitt die dicken Arbeitshandschuhe in der Werkstatt an. Das gibt gute Bilder.
Die Ministerin freut sich aber auch, dass man vom Betrieb aus einen hervorragenden Blick auf eines ihrer Lieblingsprojekte hat: eine von 13 Turboflächen im Land, die schneller Gewerbegrundstücke für neue Unternehmensansiedlungen schaffen, als dies mit dem Landesentwicklungsprogramm möglich ist. Wie wichtig verfügbare Flächen seien, habe die Eli-Lilly-Ansiedlung in Alzey gezeigt, sagt Schmitt. Dort baut der amerikanische Pharma- und Biotechnologiekonzern für 2,3 Milliarden Euro ein Werk für Abnehmspritzen und schafft 1000 Arbeitsplätze.
Eine Spitze ohne Schärfe
Maßgeblich für Unternehmen sei eine gute Verkehrsanbindung, sagt die Wirtschafts- und Verkehrsministerin. Mit „Wir lassen uns nicht von Frau Eder in den Bus zwingen“ gibt es eine kleine Spitze gegen die Grünen-Umweltministerin und Partnerin in der Ampel-Regierung. Doch Schmitt entschärft sie gleich: Das habe sie schon am politischen Aschermittwoch gesagt, da dürfe man ein bisschen zuspitzen. Sie hofft ja noch, dass es für eine Weiterarbeit reicht.
Daniela Schmitt ist in diesen Tagen viel unterwegs. In den sozialen Medien sowieso, aber mit Fernis und FDP-Chef Christian Dürr beispielsweise auch in einer Autowerkstatt in Bad Kreuznach, in einer Bäckerei in Polch (Eifel), wo sie selbst Brezeln schlingt, im „42“ in Kaiserslautern, einem umgewandelten Kaufhaus, aber auch – erstmals, wie sie sagt – im Haustürwahlkampf in Nierstein oder Worms, oder wo immer die Kreisvorsitzenden es für gut halten. Es müssten keine Riesenveranstaltungen sein, ihr komme es auf die Begegnungen an. Sagt’s und steigt in den Dienstwagen für die Fahrt zu den nächsten Terminen in Lahnstein und Diez.
Zur Person
Daniela Schmitt (53) stammt aus Alzey, hat Bankkauffrau gelernt und Bankbetriebswirtschaft studiert. 2006 ist sie in die FDP eingetreten. Von 2016 bis 2021 war sie Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz. Seit Mai 2021 leitet sie es als Ministerin. Seit April 2025 ist sie Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz.