Politik Marxist Castillo zieht in Perus Präsidentenpalast

Castillo gewinnt Wahl in Peru
Pedro Castillo (M) feiert in Lima, nachdem die peruanischen Wahlbehörden ihn zum Präsidenten erklärt haben.

Aus dem Nichts hat sich der Linkskandidat vom Land ins Zentrum der Macht katapultiert. Mit Hut und Poncho setzte sich der Außenseiter gegen Präsidententochter Fujimori durch.

Lima (dpa) - Der Linke Pedro Castillo hat sich als Vertreter der ländlichen Bevölkerung von Peru gegen die politische Elite des südamerikanischen Landes als künftiger Präsident durchgesetzt.

Jahrhundertelang spielte das ländliche Peru in den Kreisen der Hauptstadt Lima keine Rolle. Indigene und Bauern hatten im Regierungsviertel wenig zu melden. Nun ist mit dem 51-Jährigen Castillo einer von ihnen ins Zentrum der Macht vorgestoßen - mit nur 44 000 Stimmen vor der Rechtspopulistin Keiko Fujimori. „Wir machen Peru gerechter, menschlicher und geeinter“, versprach Castillo nach seiner Proklamation am Montagabend (Ortszeit).

„Heute, Schwestern und Brüder, beginnt eine neue Etappe in unserer Geschichte.“ Das Wahlgericht erklärte den Bewerber der marxistisch-leninistischen Partei Perú Libre sechs Wochen nach der Stichwahl zum neuen Präsidenten. Der Sieg des Dorfschullehrers gilt eine schallende Ohrfeige für die etablierten Kräfte. Als absoluter Außenseiter setzte sich Castillo in der ersten Wahlrunde gegen ein breites Bewerberfeld und in der Stichwahl schließlich gegen die bestens vernetzte Tochter von Ex-Präsident Alberto Fujimori durch.

Eigentlich war Castillo eine Notlösung. Er wurde nur zum Spitzenkandidaten von Perú Libre, weil Parteichef Vladimir Cerrón aufgrund einer Verurteilung wegen Korruption nicht antreten durfte.

Castillo stammt aus einer bäuerlichen Familie aus der Provinz Chota im Norden des Landes und hatte 2017 einen Lehrerstreik angeführt. Die Regierung warf ihm damals Verbindungen zu Sympathisanten der linken Rebellengruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) vor. In seiner Jugend soll er allerdings auch einer bäuerlichen Selbstverteidigung zum Schutz gegen die Rebellen angehört haben. Im Landesinneren sind noch Splittergruppen der Guerillaorganisation aktiv.

Castillo vertrete Menschen fernab der urbanen Zentren, sagte der Politologe Gonzalo Bande der Zeitung „El Comercio“. Gerade Bauern und Indigene konnten von dem beachtlichen Wirtschaftswachstum Perus der vergangenen Jahre kaum profitieren und leben in bitterer Armut. Bei ihnen verfing sein Slogan: „Keine Armen mehr in einem reichen Land“. Castillo ritt auf einem Pferd im Wahlkampf in Dörfern und trug immer wieder die traditionelle Kleidung mit breitkrempigem Hut und Poncho.

Über seine politischen Überzeugungen und sein Regierungsteam ist wenig bekannt. Er kündigte an, im Falle eines Wahlsiegs einen sozialistischen Staat aufzubauen, die Medien zu kontrollieren und das Verfassungsgericht abzuschaffen. Die Börsen brachen nach den ersten Hinweisen auf den Sieg des Linkskandidaten ein. Beobachter befürchten nach Castillos Triumph eine Kapitalflucht ausländischer Investoren. Bislang galt Peru in der Region als ausgesprochen marktliberal.

Der Unternehmerverband (Confiep) bot dem künftigen Präsidenten eine Zusammenarbeit an. „Es besteht kein Zweifel, dass die Entwicklung der abgelegenen Regionen in den kommenden fünf Jahren Priorität genießen sollte“, sagte Confiep-Präsident Oscar Caipo. Auch die konservativen Präsidenten von Kolumbien und Ecuador gratulierten Castillo zum Sieg.

Wie tief gespalten Peru ist, zeigt das knappe Wahlergebnis. Castillo kam auf 50,12 Prozent der Stimmen, wie das Wahlgericht am Montag mitteilte. Seine Gegnerin Fujimori erhielt demnach 49,87 Prozent. In den vergangenen Wochen hatte das Gericht zahlreiche Beschwerden und Einsprüche vor allem des Fujimori-Lagers zu bearbeiten. Deshalb verzögerte sich die Proklamation des Siegers rund eineinhalb Monate.

Castillo versprach nun ein gerechteres Land ohne Diskriminierung. „Das ist eine Regierung, die niemanden zurücklässt.“ Seine Rivalin zweifelte Castillos Sieg zwar an, respektierte aber das Ergebnis. „Das verlangt das Recht und die Verfassung, die zu verteidigen ich geschworen habe“, sagte Fujimori.

Castillo dürfte auch davon profitiert haben, dass viele Peruaner eine tiefe Abneigung gegen Ex-Präsident Fujimori hegen, von dessen Politik sich Tochter Keiko nie ernsthaft distanzierte. Der frühere Machthaber verbüßt wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen eine 25-jährige Haftstrafe. In seiner Amtszeit (1990-2000) ließ Fujimori Sicherheitskräfte rigoros gegen linke und angeblich subversive Kräfte vorgehen, das Parlament wurde entmachtet. Zudem wurden Zehntausende indigene Frauen zwangssterilisiert.

Doch auch wenn Castillo und Fujimori für Gegensätze auf der politischen Skala stehen, liegen sie bei einigen Ansichten nicht weit auseinander. Auch Castillo vertritt ein konservatives Familienbild, ist gegen gleichgeschlechtliche Ehen und Abtreibung. Wie seine neoliberale Kontrahentin setzt er auf die Ausbeutung von Bodenschätzen und misst dem Schutz von Umwelt und Menschenrechten keine große Bedeutung zu.

Die Herausforderungen für den neuen Präsidenten sind enorm: Peru leidet besonders stark unter der Corona-Pandemie. Es gehört zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsquote weltweit, zudem brach die Wirtschaft um 12,9 Prozent ein. Das vergangene Jahr war zudem von einem erbitterten Konflikt der Regierung mit dem Kongress geprägt.

Zwar stellt Castillos Perú Libre die stärkste Partei in Parlament, hat aber keine eigene Mehrheit. Der Kongress verfügt in Peru über weitreichende Rechte, die Parlamentarier vertrieben seit 2018 drei Präsidenten aus dem Amt. Sollte es Castillo nicht gelingen, große Teile der zersplitterten Parteienlandschaft einzubinden, dürfte die nächste Machtprobe nicht lange auf sich warten lassen.

© dpa-infocom, dpa:210720-99-443106/7

x