Europa
Kontrollen zwischen Luxemburg und Deutschland: Selbst in Schengen ist die Grenze zurück
Lucien Gloden steht hinter der Theke seines Verkaufsraums und schaut sich seinen Reisepass an, der groß auf dem Bildschirm seines Computers zu sehen ist. Entgeistert wendet er sich dem Besucher zu. Für Kunden nimmt er sich immer gern Zeit, aber ausgerechnet jetzt hat er keine.
Luftlinie tausend Meter moselaufwärts stehen deutsche Grenzer am ersten Autobahnparkplatz an der A8, verengen den Verkehr auf eine Spur und winken Autos zur Kontrolle raus. Winzer Gloden besitzt Wingerte auf der saarländischen Seite der Mosel. Die verlangen jetzt im Spätsommer täglich nach ihm. Noch ist die kleinere Moselbrücke in der Nähe seines Hofs, die die Dörfer Schengen (Luxemburg) und Perl (Saarland) verbindet, frei befahrbar. Hier kontrolliert niemand. Aber wie lange noch?
Die ersten Laster verlassen schon die Autobahn
Schon verlassen die ersten großen Zugmaschinen kurz vor der Grenze die Autobahn und quälen sich durchs Dorf, um unkontrolliert nach Deutschland zu gelangen. Über kurz oder lang wird es also auch vor der kleineren Brücke zu Staus und Wartezeiten kommen. Da braucht es gar keine Kontrollen.
Gloden jedenfalls hat alle möglichen Ausweispapiere und Dokumente, die an der Grenze verlangt werden könnten, gescannt und will sie jetzt ausdrucken. In jedem seiner Traktoren und in den anderen Fahrzeugen soll bald ein Bündel Papiere griffbereit liegen, damit es auf dem Weg ins Saarland keine Scherereien gibt.
Steife Suppe, trübe Stimmung
In der „Route du Vin“ gibt es weitere Winzer. In einer Garage sitzen rund zehn Männer auf Bierbänken an Biertischen und löffeln eine steife Suppe aus Plastiktellern. Als der Reporter einen guten Appetit wünscht, reagiert keiner. Auf „Bonjour“ antwortet nur einer. Die Männer helfen bei der Lese und kommen weder aus Luxemburg noch aus Deutschland. Man kann sich ausmalen, wie schwierig es werden könnte, die Männer in den nächsten Tagen täglich in die Weinberge am anderen Ufer zu schaffen.
Und das ausgerechnet in Schengen. Im Juni 1985 unterzeichneten die Regierungschefs der kerneuropäischen Länder hier auf einem Schiff auf der Mosel das Schengener Abkommen, das nach und nach alle Zollschranken in Europa fallen ließ. Schengen steht seither für unsichtbare Grenzen und freies Reisen in Europa.
Das Gebäude des Europazentrums in Schengen hat geschlossen. Es wird grundlegend renoviert, damit es im Juni nächsten Jahres zum Jubiläum „40 Jahre Schengener Abkommen“ in neuem Glanz erstrahlt. Zimmermänner aus Trier errichten gerade eine Holzständerwand. Die Männer sind entsetzt, dass es jetzt wieder Grenzkontrollen gibt. Die Handwerker arbeiten regelmäßig in Luxemburg. Es gibt Wochen, da fahren sie zehnmal rüber. Grenzer bedeuten: Der Arbeitsweg wird noch länger. „Wir brauchen manchmal eh schon eine Stunde bis hierher“, sagt der Vorarbeiter. Die Kontrolle koste eine Viertel- oder halbe Stunde, zur Stoßzeit eine ganze. „Da bist Du abends nach der Arbeit eh fix und fertig, und dann sitzt Du noch zwei Stunden im Auto, bis Du bei Deiner Familie bist“, schimpft sein Kollege.
Zustimmung von britischen Touristen
„Die Politiker erzählen jetzt, dass man die Kontrollen gar nicht merken wird. Das ist doch Unsinn! Haben wir doch alles gerade erst mitgemacht“, so der Vorarbeiter. Vor und während der Fußball-Europameisterschaft sei an der Autobahn zwischen Trier und Luxemburg auf dem Heimweg täglich gefilzt worden. „Wir sind dann Schleichwege gefahren, da siehst Du keine Polizei, aber die Umwege kosten eben auch Zeit.“
30 Schritte weiter am Moselufer schauen sich Touristen um, fotografieren die Kunstwerke, Denkmäler und Schautafeln, die das Schengener Abkommen feiern.
Ein Ehepaar aus dem englischen Blackpool reist mit seinem Bernhardiner im Wohnmobil kreuz und quer durch Europa. Freie Grenzen? „Nicht so wichtig“, sagt der Rentner. Er findet es gut, dass Deutschland jetzt kontrolliert, um irreguläre Einwanderung zu verhindern. Auch in Großbritannien gebe es zu viele Ausländer. Wie vermutlich in den anderen europäischen Ländern. „Wir müssen das stoppen“, sagt er. Eine Griechin, die 1968 nach England auswanderte, stimmt ihm zu. England sei nicht mehr englisch, und Deutschland müsse aufpassen, dass es eines Tages nicht mehr deutsch sei. Auch Touristen aus den Niederlanden, Italien und Belgien loben an diesem grauen Septembertag in Schengen das deutsche Vorgehen, auch wenn sie dafür an der Grenze Zeit verlieren.
„Alles jetzt sehr schwierig“
Und warum besuchen diese Freunde geschlossener Grenzen ausgerechnet Schengen? „Weil es ein berühmter und bedeutender Ort der europäischen Geschichte ist“, sagt die griechische Britin. Ist Schengen also bereits Geschichte? Martina Kneip, Direktorin des Europazentrums Schengen, widerspricht energisch: „Kontrollen sind keine gute Idee. Alles, was Europa ausmacht, wird jetzt sehr schwierig. Und Deutschland wird damit nicht erreichen, was es anstrebt. Die Grenzen müssen wieder offen werden.“