Meinung Indien: Krokodile und Schlangen als Grenzschutz

Indien will Reptilien zur Abschreckung an der Grenze zu Bangladesch einsetzen.
Indien will Reptilien zur Abschreckung an der Grenze zu Bangladesch einsetzen.

Indien will Reptilien als Grenzschutz einsetzen. Ein skurriler Vorschlag – und ein Spiegel dafür, wie Politik menschliche Verantwortung auf Natur abschiebt.

Grenzen verlaufen nicht nur entlang von Zäunen und Mauern. Oft sind es Flüsse, Sümpfe oder Gebirge, die sie schwer passierbar machen – natürliche Barrieren, die Migration seit jeher lenken. Grenzschutz ist inzwischen für viele Staaten ein zentrales politisches Thema – in Europa genauso wie in Asien.

In Indien geht diese Debatte nun einen eher ungewöhnlichen Schritt weiter. Die Regierung will prüfen, ob Krokodile, Schlangen und andere Reptilien als Mittel zur Abschreckung entlang unbewachter Flussabschnitte eingesetzt werden könnten. Die mehr als 4000 Kilometer lange Grenze zu Bangladesch besteht allerdings ohnehin vielerorts aus Flüssen, Sümpfen und Mangrovenwäldern. Woher die zusätzlichen Tiere überhaupt kommen sollen und welche Auswirkungen sie auf die Bewohner entlang der Grenze haben könnten, bleibt bisher unklar.

Natur wird zur Ausrede

Was zunächst wie ein skurriler Einfall wirkt, enthüllt in Wahrheit etwas Grundsätzliches über den Umgang mit Migration. Aus einer ohnehin schwer passierbaren Grenze wird ein unüberwindliches Hindernis. Die Natur wird zur politischen Kulisse, zur Ausrede. Als wäre es nicht die Entscheidung von Regierungen, sondern der Lauf der Natur, der Menschen von einer Grenze fernhält. Und dabei geht es längst nicht nur um Indien. Maßnahmen zur Abschreckung ersetzen vielerorts die Auseinandersetzung mit den Ursachen von Fluchtbewegungen: Armut, Konflikte, Klimawandel. Wer Grenzen wie einfache Naturereignisse behandelt, braucht sich schließlich nicht mehr mit den betroffenen Menschen zu beschäftigen.

Die einzige Sorge der indischen Regierung gilt dabei den eigenen Bürgern nahe der Grenze zu Bangladesch – die den vermeintlichen „Schutz“ bald in Form von Krokodilen und Schlangen im Vorgarten vorfinden könnten. Politiker verlagern Verantwortung damit auf die Natur, während sie selbst symbolische Politik betreiben.

Verantwortung wird auf Tiere abgeschoben

Doch wie weit darf Abschreckung gehen, bevor sie selbst zur Gefahr wird? Wenn Menschen beginnen, die Natur zu instrumentalisieren – zu Waffen, zu Schutzbarrieren – wird die Grenze vielleicht tatsächlich „natürlich“. Aber in Wahrheit ist sie nur noch ein Spiegel politischer Bequemlichkeit. Und die Reptilien? Sie werden zum Symbol einer Politik, die Verantwortung auf Tiere abschiebt.

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