Berlin RHEINPFALZ Plus Artikel Helmut-Kohl-Allee: Familie kommt nicht zu Einweihung

Da ist es: Gerda Hasselfeldt, Kai Wegner und Annegret Kramp-Karrenbauer (von links) enthüllen das neue Straßenschild.
Da ist es: Gerda Hasselfeldt, Kai Wegner und Annegret Kramp-Karrenbauer (von links) enthüllen das neue Straßenschild.

Lange wurde in der Hauptstadt gerungen, jetzt hat Berlin den Kanzler der Einheit im Stadtbild verewigt. Zum Festakt kam kein einziges Familienmitglied.

Mit einem sachten Ruck endete am Samstag um 11.35 Uhr ein langes Gezerre. Berlin hat nun endlich auch eine Helmut-Kohl-Allee. Mit bescheidener Prominenz wurde das Straßenschild unweit der Siegessäule enthüllt. Die „Hofjägerallee“ ist ab sofort Geschichte, das alte Schild, rot durchgestrichen, bleibt dennoch hängen. Kurzer Applaus für die neue Straße, freudige Gesichter und schon war das Spektakel zu Ende. Berlin ist damit offiziell eine von mehr als 20 Städten, in denen der Name des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl auf dem Stadtplan auftaucht. Gut, die Allee ist mit ihren 450 Metern nicht besonders lang, als Hauptverkehrsstraße, die durch den Tiergarten zur Siegessäule führt, nicht besonders prunkvoll und ehrlicherweise befindet sich kein einziges Gebäude an ihr. Aber immerhin: Berlin hat nun eine sichtbar ausgewiesene Kohl-Allee. Und das können manche Städte – etwa Kohls Heimatstadt Ludwigshafen – bis heute nicht von sich behaupten.

Sie sei nicht nur nahe zur CDU-Parteizentrale, die der große Pfälzer nach seinen Vorstellungen bauen ließ, sondern auch „in unmittelbarer Sichtweite“ zur Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), der Bundeskanzler Kohl sehr verbunden war, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie nannte es das „Dreieck der Christdemokratie“, obwohl die drei genannten Orte streng genommen eine gerade Linie bilden, aber wir wollen mal nicht so sein. Als Vorsitzende der Stiftung kann die ehemalige Bundesverteidigungsministerin nun bald vielleicht tatsächlich einen Teil ihres Weges zur Arbeit über die Helmut-Kohl-Allee zurücklegen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hob noch die Nähe zu den vielen europäischen Botschaften und dem Brandenburger Tor hervor, das genau genommen zwei Kilometer von der Allee entfernt ist, aber jeder definiert nah und fern ja heutzutage anders.

„Hätte mir prominenteren Ort gewünscht“

„Berlin tut sich traditionell schwer, Bundeskanzler im Stadtbild zu ehren“, sagte Carsten Spallek (CDU), stellvertretender Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. Er persönlich hätte sich zwar einen „noch prominenteren Ort gewünscht und vorstellen können“, zum Beispiel direkt am Brandenburger Tor. Aber das sei politisch nicht umsetzbar gewesen. „Es brauchte eine CDU-geführte Landesregierung, die den heutigen Tag, die heutige Ehrung an dieser Stelle überhaupt erst möglich gemacht hat.“

Es brauchte also Kai Wegner, der in seiner Rede hervorhob, Helmut Kohl zumindest einmal die Hand geschüttelt zu haben („ein kurzes Gespräch, aber es hat mich sehr bewegt“), damit die Helmut-Kohl-Allee in Berlin kommen konnte. Und wahrscheinlich hätte es noch mal einen anderen Bürgermeister gebraucht, damit die Einweihung ein großer Erfolg wird. Denn auch mit gutem Willen lässt sich nicht übersehen, dass da ein paar Dinge nicht so gelaufen sind, wie man sich das eigentlich vorgestellt hatte.

Besonders augenscheinlich wurde das mit Blick auf die anwesenden Gäste bei der feierlichen Enthüllung des Straßenschildes samt vorherigem Festakt in der Akademie der Adenauer-Stiftung. Wer den Blick durch den Saal schweifen ließ, erblickte den ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) neben der Verlegerin Friede Springer, Ex-Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt (CSU) und den ehemaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), eine Handvoll Abgeordnete aus Bund und Berlin. Man erblickte nicht: Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), an deren Karriere Kohl keinen unwesentlichen Anteil hatte („Kohls Mädchen“). Oder deren Nachfolger, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Oder überhaupt irgendeinen Vertreter der aktuellen Bundesregierung. Oder irgendein prominentes Mitglied der aktuellen Parteiführung.

Kein Familienmitglied vor Ort

Und auch kein einziges Mitglieder der Kohl-Familie. Kein Sohn, keine Witwe. Selbst der Kohl-Enkel Johannes Volkmann (CDU), der nicht nur Bundestagsabgeordneter, sondern auch Kuratoriumsmitglied der Helmut-Kohl-Stiftung ist, hat seine Zusage zurückgezogen. Witwe Maike Kohl-Richter ließ wohl lange offen, ob sie kommt oder nicht. Warum? Wüsste man gerne, aber in Berlin wird darüber lieber der Mantel des Schweigens gehüllt. Vertretern der Kohl- und der Adenauer-Stiftung war das Thema sichtlich unangenehm. Die Einladungen waren Sache der Senatskanzlei. Zur Einweihung der ersten Helmut-Kohl-Allee in Bonn 2019 kam immerhin die damalige CDU-Chefin. Das war Annegret Kramp-Karrenbauer, die nun in Berlin als Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung wieder an der goldenen Kordel ziehen durfte.

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Sie würdigte Kohl als jemanden, der Zeit seines Lebens dafür gekämpft hat, „dass ein Europa in Frieden und Freiheit nicht nur Realität wird, sondern dass es so aufgebaut wird, dass es auch für seine Kinder, für seine Enkelinnen und Enkel Bestand hat“. Für sie sei das die größte Botschaft des neuen Straßenschildes: Dass es sich lohnt, das europäische Erbe Kohls nicht als selbstverständlich hinzunehmen, dass es verteidigt werden müsse „in einer Zeit, in der die Errungenschaften Kohls immer mehr infrage gestellt werden“. „Wir wissen, und das ist ein Erbe von Helmut Kohl, dass unser nationalen Interessen immer auch europäisch verteidigt werden müssen.“

Hohe Verdienste um Berlin

Alle Redner hoben darüber hinaus die herausragende Bedeutung Kohls für Berlin hervor – eine Stadt, die ohne die Wiedervereinigung vermutlich immer noch geteilt wäre. „Ich habe ihn als glühenden Verfechter der Stadt Berlin erlebt“, sagte Ex-Gesundheitsministerin und Kohl-Weggefährtin Gerda Hasselfeldt (CSU). „Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Wiedervereinigung Deutschlands und damit auch die Berlins für ihn oberste Priorität hat.“

Es gab also am Samstag reichlich gute Gründe für Kohls neue Präsenz im Berliner Stadtbild. Und die Allee muss ja nicht die letzte Verewigung auf der Stadtkarte sein. Wenn in der Hauptstadt sechs Straßen, eine Allee und ein Platz nach Bismarck benannt sind, sollte für Kohl doch mindestens noch ein hübscher Platz drin sein. Dann vielleicht sogar mit einer üppigeren Gästeliste zur Einweihung.

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