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Gewalt-Forschung: Experten erklären, warum Männer die Täter sind
Sexualisierte Gewalt geht überwiegend von Männern aus. Je schwerer der Übergriff, desto eindeutiger: Die Täter bei Missbrauch und Vergewaltigung sind mit 98 Prozent fast ausschließlich Männer, sagt der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß. Das habe mit „Männerdominanz“ zu tun, und zum Teil auch mit der Nähe zu Rechtsextremismus.
Nicht alle Männer sind Täter, aber Täter sind je nach Delikt überwiegend oder fast ausschließlich Männer. Sexualwissenschaftler Voß von der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt sieht die Ursache dafür in der lange geprägten dominanten Rolle des Mannes in der Gesellschaft: mangelnde Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Frauen in der Ehe und teils sehr herabwürdigende Darstellungen der Frau in der Werbung. „Täterschaft ist männlich“, sagt er. Krisen und eine Militarisierung der Gesellschaft verstärkten das Ganze, die Rollen würden wieder stärker „klassisch“ zugeschrieben: hier der Starke, dort die Schwache. Entsprechend trete der Mann auf. Eines stellt Voß aber klar: Die verbreitete Erklärung, dass der Sexualtrieb schuld sei am Verhalten der Täter, ist falsch: „Das Triebdruck-Modell ist jedenfalls wissenschaftlich widerlegt.“
Experte: Rechtsruck verschärft das Ganze
Der Rechtsruck im Land verschärfe die „dominante Männlichkeit“ und das Verhalten gegenüber Frauen. Über die Hälfte in einer Studie befragten 15-jährigen Jungs etwa kennen Voß zufolge den rechten Influencer Andrew Tate. Tate, der mit seinem Bruder in England unter anderem wegen Vergewaltigung angeklagt ist, schürt Hass auf Frauen, propagiert deren sexuelle Ausbeutung und vergleicht sie mit Hunden. 90 Prozent der jungen Männer lehnten dieses Frauenbild zwar ab, aber 20 bis 25 Prozent befürworteten „dominante Männlichkeit“.
Und: „Zwei Drittel der Täter bei häuslicher Gewalt haben eine Nähe zum Rechtsextremismus, sofern der politische Hintergrund eine Rolle spielt“, sagt Voß. Zugleich sieht der Experte immer mehr Männer, die sich mit ihrem Verhalten kritisch auseinander setzen. Voß hatte unter anderem 2021 die kriminologisch-sexualwissenschaftliche „Partner-5 -Studie“ vorgelegt, die das Innenministerium Sachsen-Anhalt förderte. Voß fordert, dass Gleichberechtigung schon in Kita und Schule gelebt und gelehrt wird.
Stress macht aggressiv
Der Psychologe Oliver Schultheiss von der Universität Erlangen-Nürnberg fand in einem Experiment mit 300 Männern und Frauen heraus, dass nicht das Sexualhormon Testosteron aggressives Verhalten beeinflusst, sondern das Stresshormon Cortisol. „Stress macht aggressiv“, sagte er in einem Beitrag des Hessischen Rundfunks. Wer wie etliche Männer in der Kindheit nicht gelernt habe, über Gefühle zu kommunizieren, sei schnell überfordert und schlage dann auch mal zu.
Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh aus Düsseldorf sieht bei der Gewalt-Forschung auch einen kulturellen Aspekt: „Je mehr eine Gesellschaft die Frau in den Besitzstand eines Mannes einordnet, desto höher ist das Problem (sexueller) Gewalt gegen Frauen“, sagt sie. Patriarchale Rollenstereotype führten eher dazu, sexuelle Gewalt gegen Frauen zu legitimieren.
Welche Männer nicht zum Täter werden
Im Zusammenhang mit Vergewaltigern gibt es Saimeh zufolge verschiedene Tätertypen: „Die, die aus Macht- und Kontrollbedürfnis handeln, Täter mit Hass und Wut auf Frauen und Täter mit spezifischen gewalttätigen Sexualfantasien, sogenannte sexuell paraphile Täter.“ In Bezug auf sexuellen Kindesmissbrauch jedoch seien auch Frauen Täterinnen: Ein Viertel der befragten männlichen Opfer berichte von weiblichen Täterinnen.
Zum Täter werden Saimeh zufolge die frustrierten, die gestressten, die dominanten, die unsicheren Männer. Aber: „Ein psychisch reifer, in sich ruhender Mann wird keine Gewalt gegen Frauen ausüben“, sagt die Psychiaterin.
