Meinung
Friedrich Merz, der Drahtseil-Artist
Die Spanier fühlen sich von Bundeskanzler Friedrich Merz verraten. Er hätte einschreiten sollen, als US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus am Dienstag vor Journalisten über Spanien schimpfte und drohte, die USA werden den gesamten Handel mit Spanien einstellen.
Der Anlass für Trumps Tirade: Spanien hatte sich geweigert, den USA Militärbasen für deren Krieg gegen den Iran zur Verfügung zu stellen. Auch das Nato-Ziel, fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben, lehnt Spanien ab – was Trump zusätzlich erzürnt.
Vier Gründe für Merz’ Verhalten
Doch Merz schwieg. Und das war strategisch richtig, aus mehreren Gründen. Grund 1: Trump reagiert allergisch auf Maßregelung. Auch ein Jahr nach der öffentlichen Zerstörung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office vor laufenden Kameras sitzt der Schock tief. Die Lehre aus dem Wortgefecht: Trump bestraft Widerworte. Die Ukraine war daraufhin zunächst von allen geheimdienstlichen Erkenntnissen der USA abgeschnitten.
Grund 2: Noch ist die Nato in großem Maße abhängig von der Schutzmacht USA. Den erratischen US-Präsidenten zu verärgern, kann nicht nur massive Konsequenzen für die EU haben, sondern auch für die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland.
Goldene Regel: „Gestritten wird Zuhause“
Grund 3: In vielen Familien gilt die goldene Regel „Gestritten wird Zuhause“ – also hinter verschlossenen Türen. Dieses Prinzip lässt sich auf Konflikte zwischen befreundeten Staaten übertragen.
Grund 4: Merz genießt bei Trump hohes Ansehen – im Gegensatz zu vielen anderen EU-Staats- und Regierungschefs.
Große Chance für Deutschland und für Europa
Was folgt aus dieser Analyse: Sollte der deutsche Bundeskanzler im Angesicht seines übermächtigen Partners jenseits des Atlantiks kuschen? Im Gegenteil. Er muss ihm die Stirn bieten. Erfolg, mit seinen Argumenten auch durchzudringen, hat Merz aber nur, wenn er von Trump als freundlicher Partner wahrgenommen wird. Das wird er und darin liegt eine große Chance – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Das ist das Drahtseil, auf dem Merz tanzen muss.
Denn wie die US-Administration zur EU steht, hat sie nicht zuletzt in ihrer nationalen Sicherheitsstrategie beschrieben. Trump verfolgt die alte Doktrin „Teile und herrsche“, mit der Julius Caesar in den Gallischen Kriegen enorm erfolgreich war. Er wünscht sich ein schwaches Europa der Kleinstaaten, die er einzeln mit Druck steuern kann.
Trump bleibt Erklärung für Vorgehen im Iran schuldig
Das lässt der überzeugte Europäer Merz nicht zu. Hinter verschlossenen Türen habe er Trump deutlich gemacht, dass er Spanien nicht mit Handelsboykott belegen könne, da die USA mit der EU als Ganzes verhandelt, betonte Merz. Er verfolgt also die einzige erfolgversprechende Strategie im Umgang mit Trump.
Bleibt zu hoffen, dass er Trump – hinter verschlossenen Türen – auch ein Unbehagen über dessen Iran-Krieg zum Ausdruck gebracht hat, auch wenn Deutschland die USA dabei unterstützt. Denn der Angriff verstößt klar gegen Völkerrecht. Und während Trumps Vorgänger George W. Bush 14 Monate lang unter Vorspiegelung falscher Tatsachen für einen Krieg gegen Irak geworben hatte, bleibt Trump der Welt und auch seiner Bevölkerung bis heute eine Erklärung über Plan und Ziel des Angriffs schuldig.