Nahost-Konflikt
Frauen aus Gaza nehmen ihre Zukunft in die Hand
Die jüdisch-palästinensische Hinterbliebenenorganisation Parents Circle hat deshalb ein virtuelles Treffen organisiert, um den Frauen und Müttern eine Stimme zu geben. Eine Dokumentation des Leids, aber auch der Hoffnung.
Riwaa Abuquta aus Rafah hat im Gaza-Krieg 21 Familienmitglieder verloren. Trotz der Trauer, trotz des Schmerzes arbeitet sie mit der jüdisch-palästinensischen Hinterbliebenenorganisation Parents Circle – Families Forum zusammen. Denn, wie sie sagt, sei doch auf beiden Seiten die Familie das wichtigste, wollten alle – Palästinenser wie Israelis – dasselbe: „ein Leben in Sicherheit und Würde“.
Sechs Frauen haben sich an diesem Abend online zum Gespräch und Gedankenaustausch getroffen, zwei jüdische Israelinnen, eine Palästinenserin aus Bethlehem und drei Frauen aus dem Gazastreifen. Bei den Palästinenserinnen fällt ab und zu der Strom aus, eine muss zum Nachbarn, um Netz zu haben. Die beiden Israelinnen und Nadine Quomsieh aus dem Westjordanland warnen schon mal vor, dass sie bei Luftalarm abbrechen und sich in Sicherheit bringen müssen. Alltag in Nahost.
Traum von einer Karriere
Vor dem Krieg, so die 28-jährige Riwaa, habe sie noch an eine Zukunft geglaubt. „Wie alle Frauen auf der Welt wollte ich mir eine Karriere aufbauen, mir Träume erfüllen.“ Das sei mit einem Schlag vorbei gewesen, als die israelische Armee als Antwort auf den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 begonnen habe, den Gazastreifen anzugreifen. Riwaa und ihre Familie mussten flüchten, lebten zuerst auf der Straße und jetzt in einem Zelt „mitten im Matsch“. „Wir haben keine Privatsphäre mehr, keine Sicherheit, keine Perspektive“, berichtet sie.
Medikamente fehlen
Besonders schlimm sei die Lage ihrer behinderten Schwester, die nicht verstehen könne, wo sie sei und warum das alles passiert sei. Das Mädchen ist an Zentralparese erkrankt, kann schlecht gehen, greifen und sprechen. Medikamente seien fast keine mehr zu bekommen, erzählt die große Schwester.
Der seit Beginn des Iran-Krieges geschlossene Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ist zwar seit 19. März wieder geöffnet, aber nur begrenzt. Vor allem Kranke sollen dort ausreisen können. Riwaa bemüht sich seitdem, ihre Schwester nach Ägypten zu bringen, wo sie versorgt werden kann. Aber bisher haben die beiden Frauen es nicht über die Grenze geschafft. Riwaa war Englischlehrerin vor dem Krieg. Und sie hat als Übersetzerin für ausländische Firmen gearbeitet. Jetzt habe sie das Gefühl, als sitze sie „mit gefesselten Händen in einer Kiste. Ich will die Situation nicht akzeptieren, kann aber nichts dagegen ausrichten. Das macht psychisch was mit dir“, erzählt sie. Aber Aufgeben ist keine Option für die junge Frau. Sie hat angefangen, in einem Nachbarzelt Kindern Englischunterricht zu geben. Und sie will ein Projekt mit jungen Frauen ins Leben rufen, die an der Universität Gaza Englisch studiert haben und ihr Studium wegen des Krieges nicht beenden konnten.
Schlafen auf der Straße
Sich für andere einsetzen, das ist auch der Weg für Woroud Alghalban, um der Trostlosigkeit des Daseins im Gazastreifen etwas entgegenzusetzen. „Ich war eine ganz normale Mutter mit vier Kindern, bevor der Krieg begann“, erzählt sie. Doch dann verlor sie ihr Haus, musste flüchten. „Das kann man nicht beschreiben. Mit einem Mal war alles weg. Die Sicherheit, die Wärme. Wir haben auf der Straße auf dem Gepäck geschlafen.“
Woroud hat ihren kleinen Bruder Hamad verloren, den sie mit großgezogen hat. „Er war das Licht der Familie“, erzählt sie. Sie könne nicht wirklich akzeptieren, dass er tot sei. „Ich denke immer noch, er versteckt sich irgendwo und kommt gleich zurück.“ Und sie bete, dass sie nicht noch jemanden verlieren müsse, sagt sie mit Tränen in den Augen.
Die Religion ist ihnen egal
Die 30-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um Waisen und verwitwete Frauen zu kümmern. Unterkünfte hat sie organisiert, und psychische Unterstützung. Es sei so wichtig, sich wieder als Frau fühlen zu können, sagt sie. Mehr als zwei Jahre lang habe das Überleben im Vordergrund gestanden, jetzt müssten die Frauen wieder beginnen, sich auch um sich selbst zu kümmern. Sie müssten sich emanzipieren, meint sie. „Wir sind doch in erster Linie Frauen, Mütter und Schwestern. Wir dürfen uns nicht von anderen in Konflikte hineinziehen lassen. Wir wollen doch alle, dass unsere Männer nicht getötet werden und dass unsere Kinder in Frieden leben können. Und dabei ist es egal, welcher Religion wir angehören“, meint sie. Und: „Die Welt wird regiert von alten Männern. Wenn junge Frauen, wenn Mütter die Welt regieren würden, wäre sie ein besserer Ort.“
Davon ist auch die jüdische Israelin Rina Noor überzeugt. Die 50-jährige Mutter von drei Töchtern hat bis zum Hamas-Überfall auf Israel in der Tech-Industrie gearbeitet. Nach dem 7. Oktober 2023 half sie als Freiwillige bei den Opferfamilien im Süden des Landes. Irgendwann habe sie dann festgestellt, dass sie nicht einfach mehr in ihr altes, komfortables Leben zurückkehren konnte und wollte. Und: „Ich habe gemerkt, dass jeder in seinem eigenen Horror gefangen ist“, berichtet sie. Durch die Bekanntschaft mit einem in den USA lebenden palästinensischen Arzt, der sich im Gazastreifen engagiert, kam sie zur Friedensarbeit. Jetzt engagiert sie sich für Kinderdörfer und Schulen in Gaza sowie für ein Frauenzentrum. Dass Kinder versorgt sind, dass sie einen Platz zum Lernen, aber auch zum Spielen haben, sei so wichtig, sagt die Israelin. Und die Mütter brauchten einen sicheren Ort, „wo sie sich wenigstens für ein paar Stunden ausruhen und erholen, sich wieder als Frau fühlen können“. Das Women’s Center of Hope sei auch der Ort, wo die Frauen Netzwerke bildeten, um sich gegenseitig in dieser äußerst schwierigen Zeit zu unterstützen. Die Zivilgesellschaft und damit gerade auch die Frauen würden beim Wiederaufbau des Gazastreifens eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, sagt Noor. Und: „Ich bewundere den Mut und die Kraft meiner palästinensischen Freundinnen. Das gibt auch mir Mut und Kraft weiterzumachen. “
Zeltstädte stehen unter Wasser
Die aktuelle Lage im Gazastreifen ist weiterhin kritisch. Ausgiebige Regenfälle Ende März haben die Zeltstädte unter Wasser gesetzt. Der für die Versorgung der rund zwei Millionen Einwohner des weitgehend zerstörten Küstenstreifen besonders wichtige Grenzübergang nach Israel, Kerem Schalom, ist seit Anfang März wieder für den Warenverkehr freigegeben. Dennoch ist die Versorgungslage sehr schwierig, noch immer gibt es Luftangriffe der israelischen Armee auf Hamas-Stellungen, wie es heißt. Schätzungsweise 70 Prozent des Wohnraums im Gazastreifen sind zerstört, 1,7 Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Für Nobelpreis nominiert
Es gibt also noch viel Arbeit für die starken Frauen in Gaza und ihre mutigen Unterstützerinnen in Israel. Und vielleicht kommt auch irgendwann einmal der Tag, an dem sich die Frauen sich nur am Computer, sondern auch in der realen Welt treffen können – „und sich in die Arme schließen“, fügt Rina Noor hinzu.
Dass sich die Familien von Opfern des Nahostkonflikts gegenseitig stützen und zusammen eine friedlichere Region aufbauen wollen, stößt auf israelischer wie palästinensischer Seite allerdings auf viel Kritik, bisweilen sogar auf Hass. Aktivistinnen und Aktivisten des Parents Circle sind zunehmend Bedrohungen, sogar Angriffen ausgesetzt. Doch ihre friedensstiftende Arbeit wird auch gesehen und honoriert. So wurde die Hinterbliebenenorganisation gerade für den Friedensnobelpreis nominiert.