Griechenland
Flüchtlinge ohne Eltern im Lager Moria: Unbehütet
Es ist ein kalter Novembermorgen im Jahr 2018 auf der griechischen Insel Lesbos, als ein Helfer in der abgegrenzten „Safe Zone“ des Flüchtlingslagers Moria die tote Ratte entdeckt. Aus einem Wachraum will Fanis* gerade eine Schachtel Mandarinen für die Kinder holen, als er die Ratte findet. Wieder eine. „Ernsthafte Probleme mit den Ratten, und Gefahr der Übertragung von Krankheiten auf die Bewohner und das Personal“, wird Fanis am Ende seiner Schicht ins Logbuch schreiben.
In der Nacht zuvor hatte es stark geregnet. Der Wachraum, in dem sich der Kühlschrank und die Heizung befinden, ist überflutet. In den Container Nr. 5, in dem einige unbegleitete Minderjährige schlafen, ist ebenfalls Wasser gesickert. „Gefahr durch tödliche Stromschläge“, schreibt Fanis besorgt, bevor er den Stift zur Seite legt und das Notizbuch zuklappt. Ein Notizbuch, das wie in einem Kaleidoskop zeigt, wie unzureichend junge Geflüchtete ohne elterliche Begleitung im Lager Moria behütet wurden – und wie hilflos sich ihre Betreuer fühlten.
Vor zwei Monaten ist Moria niedergebrannt. Während eines Spaziergangs durch die Ruine des Lagers fand ich kürzlich in der Nähe der früheren Zone für Minderjährige ein Notizbuch. Es lag zwischen zerstörten Zelten im Boden, den das Feuer schwarz gefärbt hat. Der dicke Umschlag des gebundenen Buchs hatte bewirkt, dass es noch lesbar ist. Die Notizen umfassen einen Zeitraum von etwa sechs Monaten. Der erste Eintrag stammt vom 3. November 2018, der letzte vom 7. Mai 2019.
Das Logbuch des Schreckens
Es ist das Tagebuch von elf Mitarbeitern der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Teil des Verbunds der Vereinten Nationen. Sie betrieb in Moria die sogenannte Safe Zone. Dort lebten unbegleitete Minderjährige unter Aufsicht der IOM-Mitarbeiter, laut der Organisation „Kinderschutzarbeiter, Psychologen, Anwälte, Betreuer, Krankenschwestern und Dolmetscher“. Die Zone war eingerichtet worden, um Kinder und Jugendlichen besser vor Übergriffen zu schützen. Sie durften den Bereich tagsüber verlassen, mussten dort aber die Nächte verbringen.
Der Zusammenbruch der Stromversorgung – unter anderem nach starken Regenfällen – wird im Logbuch häufig erwähnt und dauerte manchmal Tage. Wenn nachts der Strom ausfiel, konnten die Helfer nicht mehr den Drahtzaun sehen, der die Zone vom Rest des Lagers trennte. Dabei war es eine ihrer wichtigsten Aufgaben sicherzustellen, dass nur berechtigte Kinder und Jugendliche hineinkamen. Am 24. November 2018, der Strom war seit mehreren Tagen ausgefallen, hatten Fanis, Maria und Giannis* Schicht.
„Die Untätigkeit der Verantwortlichen bedeutet für uns, dass wir zumindest in der kleinen Safe Zone wieder einmal keinen Strom haben und noch nicht einmal ein Licht“, heißt es in dem Eintrag. „Wir bringen Taschenlampen von uns zu Hause mit und bei völliger Dunkelheit versuchen wir zu erkennen, wer den Zaun der Safe Zone so gut wie jeden Tag in beide Richtungen überwindet.“
Weihnacht mit Schlägen
„Frohe Weihnachten!!!“ steht in Großbuchstaben auf einer Seite. Es ist der 25. Dezember 2018, und die Jugendliche S. aus der Sicherheitszone hat den Helfern einen Zettel zugesteckt mit dem Namen eines Mannes, der sie außerhalb der Zone schlug, als er betrunken war. Fanis und Dimitris riefen die Polizei, die wollte eine Fußstreife schicken. „Mal sehen, was rauskommt.“ Der resignierte Ton lässt vermuten: Die beiden erwarteten nicht, dass die Tat geahndet wird.
Früher am Tag waren die Helfer von dem aufgebrachten Mann angesprochen worden, möglicherweise der, der später S. schlagen sollte. Er beschuldigte das Mädchen, ihm Geld gestohlen zu haben. In den vergangenen Monaten habe er ihr häufig Geld zugesteckt, erzählte er den Betreuern, „im Austausch für Dinge, die nicht beschrieben werden können“. Es gibt später keine Eintragung im Buch, die Auskunft gibt, ob die Sache je untersucht wurde.
Ging es um sexuellen Missbrauch? Das war nur eine der Gefahren, die Minderjährigen drohten, wenn sie die Safe Zone verließen. Außerhalb des Sicherheitsbereichs bot man ihnen Alkohol und Drogen an, es kam zu Schlägereien. Am Abend des 4. April 2019 notieren die Helfer, dass der Jugendliche N. „wie üblich Feuerzeuggas geschnüffelt“ habe und anfing, „sich seltsam zu benehmen“. So habe er Steine auf die Wohncontainer geschleudert und Fenster zertrümmert. „Der diensthabende Offizier wurde informiert und kam schnell, aber N. sprang über den Zaun und war weg“, heißt es weiter.
Randale, bis die Polizei kommt
Unzählige Vorfälle sind im Logbuch notiert, bei denen Minderjährige berauscht in die Safe Zone zurückkehrten. Manchmal mehrere Tage hintereinander. Mitunter legten sie sich mit anderen Minderjährigen oder den Betreuern an. Die scheinen hilflos.
„Wir leben noch!!!“ lautet eine Notiz aus der Nacht vom 6. Dezember 2018, welche die Betreuer Dimitris und Iosif unterzeichnen. „Als sie von draußen zurückkamen, waren Q., H. und A.Z. offensichtlich betrunken (und vielleicht auch high) und haben uns beschimpft, mit fuck you oder fuck police, Moria etc.“ Dabei bleibt es nicht. Die Bilanz dieses Nikolaustages laut den Eintragungen: 13 zerbrochene Fenster, kaputte Mülleimer und wohl einige Schäden in Umkleiden in der „sicheren“ Zone. Die Polizei nimmt die Jungs schließlich mit.
Spannungen zwischen den Bewohnern gab es in Moria häufig. Die Menschen lebten in ständiger Unsicherheit, ob sie die Insel je Richtung Festland verlassen dürfen. Auch im Alltag mussten sie häufig lange warten, zum Beispiel vor den wenigen Toiletten. Manchmal hätten die entnervten Bewohner schon um die kleinsten Dinge gekämpft, schilderte ein Helfer einmal die Atmosphäre im Lager.
Wenn zu viele Neue kommen
Das Logbuch zeigt: Minderjährige bildeten keine Ausnahme. Ein Streit zwischen zwei Jungs führte etwa dazu, dass sich ein weiterer einmischte und von einem Arzt behandelt werden musste (26. November 2018). Zwei Brüder griffen einen dritten Jungen mit Holzlatten an (2. Dezember 2018). Manchmal richteten Minderjährige ihre Wut auch gegen sich selbst. Am 6. November 2018 verletzte sich das Mädchen S., das später angegriffen werden sollte, mit einem Rasiermesser in der Mädchendusche. Am 8. März 2019 ritzte sich die Jugendliche A. so tief, dass sie ins Krankenhaus kam.
Das Protokoll vom 7. Dezember 2018 ist länger als üblich. Am Tag zuvor waren zehn afghanische Jungs in die Zone verlegt worden. Viele Neuankömmlinge auf einmal führen meist zu Spannungen. Neue Bewohner sollten besser schrittweise aufgenommen werden, unter Berücksichtigung auch ihrer Nationalität, schreibt Fanis ins Buch und klagt: „Es ist klar, dass es eine riesige Untätigkeit im Management und der strukturellen Aufsicht gibt, trotz unseren ständigen Beschwerden und Warnungen.“
Was Fanis an diesem Tag noch mehr beunruhigt: Ältere Jungs, die schon früher in Gewalttaten verwickelt waren, bleiben danach in der Safe Zone: „Es ist mindestens problematisch, Mütter mit Babys, unbegleitete Kinder und Kriminelle und sogar Menschen mit selbstgemachten Waffen und Messern in der Hand an einem Ort zusammenleben zu lassen.“
Tod in der Sicherheitszone
In dem Zeitraum, der im Notizbuch beschrieben ist, leben in der Sicherheitszone, die für 150 unbegleitete Minderjährige ausgelegt ist, zwischen 300 und 600 Kinder und Jugendliche. Drei Monate nach dem letzten Eintrag im Logbuch, am 25. August 2019, passiert, was die Sozialarbeiter befürchtet hatten. Ein 15-jähriger Junge aus Afghanistan wird in der Sicherheitszone erstochen.
Und heute? Nach dem Brand sind 400 unbegleitete Minderjährige aus der Zone auf das griechische Festland gebracht worden, zehn EU-Staaten hatten sich bereit erklärt, sie aufzunehmen. Doch seitdem sind auf Lesbos neue Minderjährige eingetroffen, deren Schicksal unklar ist.
Das nach dem Brand für den Übergang errichtete Zeltlager Kara Tepe auf Lesbos wird von Bewohnern und Hilfsorganisationen mittlerweile als „Moria 2“ bezeichnet. Schon nach den ersten herbstlichen Regenfällen im Oktober stand ein Zehntel der Zelte für die 7800 Menschen dort unter Wasser. Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR rügte im Oktober gegenüber der griechischen Regierung Mängel bei Wasserversorgung, Hygiene und Gesundheitsversorgung.
Eine Safe Zone, in der unbegleitete Minderjährige unter besonderem Schutz leben könnten, gibt es in Kara Tepe gar nicht erst.
Info: Das Lager Moria
Moria war Anlaufpunkt der Geflüchteten, die das EU-Gebiet über die Ägäis erreicht hatten. Der 2016 geschlossene Pakt zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass alle Migranten, die kein Asyl in Griechenland bekommen, zurück in die Türkei geschickt werden. Den Griechen gelingt es jedoch seit Jahren nicht, die vielen Asylanträge zügig zu bescheiden. Manche Verfahren dauerten mehr als zwei Jahre. Das Ergebnis waren heillos überfüllte Camps, in denen die Menschen darauf warteten, ob sie in die Türkei geschickt oder aufs griechische Festland gelassen würden.
Das Rechercheteam