Spanien
Fall Fernandes: Was hinter den Ermittlungen auf Mallorca steckt
Agnès Antich, Sprecherin des Obersten Gerichts der Balearischen Inseln, teilte auf Anfrage der RHEINPFALZ mit, dass die Vorermittlungen unter dem Aktenzeichen DPA 1365/2025 bereits im vergangenen Jahr, am 2. Dezember, eingeleitet wurden. Die Ermittlungen würden von der Abteilung für Gewalt gegen Frauen geführt. Zugleich betonte sie, dass sich das Verfahren in einem „sehr frühen und vertraulichen Stadium“ befinde.
Fernandes habe „Anzeige erstattet wegen mutmaßlicher Vortäuschung einer Identität, Verletzung von Geheimnissen, Beleidigung mit öffentlicher Verbreitung, fortgesetzter Misshandlung und schwerer Bedrohung“, erklärte Antich. Dabei handele es sich zunächst um den Inhalt der Anzeige. Das Gericht müsse nun den genauen Sachverhalt untersuchen. „Erst später, wenn die Staatsanwaltschaft ihre rechtliche Bewertung und Anklage vorlegt, wird festgelegt, wegen welcher Straftaten gegen den Beschuldigten ermittelt wird“, so Antich.
Gegen den Machismo
Fernandes (44) hat in ihrer Anzeige schwere Vorwürfe gegen Ulmen erhoben. Nach ihren Schilderungen geht es um gefälschte Profile in sozialen Netzwerken, die unter ihrem Namen erstellt worden sein sollen, sowie um die Verbreitung von pornografischen Deepfake-Inhalten, also manipulierten Videos, Bildern und Audios, die echt wirken, aber gefälscht sind. Christian Ulmen (50) selbst hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Seine Anwälte kritisierten den Bericht des „Spiegel“ als in großen Teilen unzulässige Verdachtsberichterstattung. Zum anderen würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet“. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Warum Fernandes den Fall nicht in Deutschland, sondern auf Mallorca zur Anzeige brachte, erklärte sie selbst in den ARD-Tagesthemen: „Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, in Spanien zu klagen, weil in Spanien die Rechte von Frauen deutlich besser sind als in Deutschland.“ Zudem habe Ulmen seinen Wohnsitz auf Mallorca, „dadurch hatten wir die Möglichkeit, diesen Sachverhalt in Spanien anzuzeigen“. Das Paar lebte in den vergangenen Jahren gemeinsam auf der Insel.
Spanien gilt als besonders streng bei der Verfolgung von Gewalt gegen Frauen – auch im digitalen Raum. Spezialisierte Gerichte und Staatsanwaltschaften befassen sich gezielt mit geschlechtsspezifischer Gewalt, Schutzmaßnahmen für Betroffene greifen oft früh, etwa durch Kontaktverbote oder elektronische Überwachung von Tatverdächtigen.
„Wir stehen vor einer neuen Form von Gewalt“
Zudem wurde das Sexualstrafrecht mehrfach reformiert und umfasst inzwischen ausdrücklich auch Übergriffe im Internet. Dazu zählen unter anderem Online-Identitätsmissbrauch, digitales Stalking sowie die Verbreitung intimer Inhalte ohne Einwilligung. Weitere Gesetzesinitiativen zielen darauf ab, Deepfake-Pornos ausdrücklich unter Strafe zu stellen.
Die politische Stoßrichtung ist eindeutig. Spaniens sozialdemokratischer Premier Pedro Sánchez sagte jüngst in einer Rede zum Weltfrauentag: „Digitale Belästigung ist eine weitere Erscheinungsform des altbekannten Frauenhasses – jenes, den wir nur allzu gut kennen und der aus unserem Alltag nicht verschwunden ist.“ Und weiter: Die Übergriffe auf Frauen hätten im digitalen Raum eine neue Front gefunden. „Wir stehen vor einer neuen Form von Gewalt.“ Frauen hätten ein vielfach höheres Risiko, online belästigt zu werden als Männer – was die Dimension des Problems verdeutliche. Der Machismo, so Sánchez, „durchzieht die gesamte Gesellschaft“.
Mehr zum Thema: Digitale Gewalt – Frauen im Fadenkreuz