Politik Eine Woche gratis probewohnen

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Einst erhielten DDR-Bürger beim Besuch der alten Bundesrepublik und West-Berlins ein Begrüßungsgeld von 100 D-Mark. Die ostsächsische Stadt Görlitz bietet Neubürgern gleich ein ganzes Begrüßungspaket. Wer einen Mietvertrag über mindestens 18 Monate abschließt, dem erlässt die kommunale Wohnungsgesellschaft Kommwohnen zwei Kaltmieten. Die Stadtwerke geben eine Gutschrift für den durchschnittlichen Stromverbrauch eines Monats, und die örtliche Verkehrsgesellschaft gewährt für drei Monate freie Fahrt mit Bus und Bahn. Zuwanderung lässt sich nur schwer steuern. Was für Europa gilt, trifft erst recht für die wunderschöne, aber auch besonders abgelegene Grenzstadt zu. Seit einiger Zeit läuft schon das Projekt „Probewohnen Altstadt“, um Auswärtigen die Stadt an der Neiße als attraktiven Wohnort näher zu bringen. Dafür stehen drei sanierte und möblierte Wohnungen zur Verfügung, die für bis zu vier Personen ausgelegt sind. Eine Woche lang kann die deutsch-polnische Kulturstadt kostenlos erkundet werden, lediglich 80 Euro Betriebskostenpauschale fallen an. Probewohnen und Begrüßungspaket sollen helfen, neue Einwohner zu finden. Kurz vor Ende der DDR lebten in Görlitz 77.000 Menschen, heute sind es noch 56.000. In den ersten zehn Jahren nach der Vereinigung verlor die Stadt fast ein Viertel ihrer Einwohner. Zeitweise waren bis zu 30 Prozent arbeitslos. Während vor 30 Jahren in der historischen Innenstadt an den Fassaden der Putz bröckelte, Balkone abzustürzen drohten, Dächer undicht waren, glänzt die Stadt inzwischen mit einem geschlossenen historischen Stadtbild, wie es in Deutschland seinesgleichen sucht. Über eine halbe Milliarde Euro aus öffentlichen Mitteln flossen in die Sanierung der Innenstadt, die mit rund 4000 Objekten als größtes Flächendenkmal der Republik gilt. Der Gebäudebestand ist eine seltene Mischung aus Spätgotik und Renaissance, Barock, Klassizismus und Jugendstil. Heute erstrahlen fast alle Häuser im alten Glanz – allerdings zog nicht überall wieder jemand ein. Durch Probewohnen und Begrüßungspaket, gerade bis Ende 2019 verlängert, konnte die Kommwohnen in den vergangenen Jahren jedoch immerhin über 900 Mietverträge mit Menschen von außerhalb abschließen, die nach Görlitz zogen. Das entspricht fast 2000 Neueinwohnern – der Bevölkerungsrückgang ist fürs Erste gestoppt.

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