Meinung
Ein Jahr Papst Leo XIV.: Wie der Pontifex zum Mahner der Mächtigen wurde
Robert Francis Prevost hatte am 8. Mai vergangenen Jahres kaum ein Kirchenexperte auf dem Zettel. Dementsprechend groß war die Verwunderung unter den meisten Gläubigen auf dem Petersplatz, als der bürgerliche Name des neuen Pontifex ausgerufen wurde. Wer ist der Mann, der als erster Amerikaner an der Spitze der katholischen Kirche steht?
Nach einem Jahr mit Papst Leo XIV. zeichnen sich überwiegend positive Entwicklungen unter seinem Pontifikat ab: Die Weltkirche wird wieder ruhiger und überlegter geführt. Viele in der Verwaltung der Kirche kamen mit dem unkonventionellen und bisweilen impulsiven Führungsstil von Papst Franziskus weniger gut zurecht.
Der nahbare Papst
Ein weiterer Unterschied zu seinem Vorgänger ist offensichtlich: Leo ist jünger – und damit deutlich vitaler und agiler. Er sucht den direkten Draht zu den Menschen, sei es bei Touren im Papamobil auf dem Petersplatz oder mit Segensgrüßen, die er in vielen Sprachen verkündet.
Es gelingt ihm, nahbar und menschlich zu wirken. Gerade in Zeiten, in denen die klerikale Hierarchie als abgehoben und veraltet wahrgenommen wird, sendet Leo XIV. vor allem jungen Menschen das wichtige Signal, dass die Kirche eine Zukunft hat.
Konservativer Theologe
Theologisch und liturgisch fährt der Papst allerdings eindeutig einen konservativeren Kurs. So hat er den von den meisten deutschen Bischöfen angestoßenen Reformprozess eingebremst, der etwa mehr Mitbestimmung von Laien vorsieht. Zu groß ist seine Sorge vor einer weiteren Polarisierung innerhalb der Kirche.
Besonders weil außerhalb Europas die Mehrheit der Katholiken solchen Reformideen – wie der Segnung homosexueller Paare – sehr kritisch gegenübersteht. Doch Leo agiert klug: Er bleibt grundsätzlich gesprächsbereit, erwartet aber, dass sich die deutschen Bischöfe stärker an seinem weltkirchlichen Kurs orientieren.
Nicht zuletzt bringt sich der amerikanische Pontifex immer wieder ganz bewusst als Friedensstifter in Stellung. Er ermahnt und erinnert die einflussreichsten Entscheider an die christliche Friedensbotschaft – und lässt sich von autoritären Methoden nicht einschüchtern.
Keine Angst vor den Autokraten
Das gilt gegenüber dem russischen Präsidenten Putin, dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine der Papst immer wieder verurteilt hat. Das gilt gegenüber der israelischen Regierung, deren Vorgehen im Gaza-Krieg er mehrfach anprangerte, etwa nach dem Beschuss einer katholischen Kirche in Gaza-Stadt. Und das gilt vor allem gegenüber US-Präsident Trump, den Leo für den Angriff auf den Iran kritisierte, als er von „sinnloser und unmenschlicher Gewalt“ im Nahen Osten sprach. Leo forderte einmal mehr, Kriege zu beenden.
Wenn es um Frieden und Menschenrechte geht, scheut der Pontifex keine Konfrontation mit den Mächtigen und schlüpft gerne in die Rolle des Tadlers, um die christliche Friedensbotschaft zu verbreiten.
Das ist aus zwei Gründen wichtig: Zum einen, weil seine Stimme bei den 1,3 Milliarden Katholiken rund um den Globus durchaus Gewicht hat. Zum anderen, weil es gerade in einer Zeit, in der man sich an Kriege zu gewöhnen droht, unbedingt eine hörbare Stimme der Versöhnung braucht. Papst Leo sollte sie weiterhin so klar erheben.