Die RAF in der Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Dorf und seine Terroristen

Elisabeth van Dyck wurde auf dem Friedhof in Enkenbach beerdigt. Sie wurde am 4. Mai 1979 in Nürnberg erschossen.
Elisabeth van Dyck wurde auf dem Friedhof in Enkenbach beerdigt. Sie wurde am 4. Mai 1979 in Nürnberg erschossen.

Die RAF beschäftigt in den 70er-Jahren die Republik. Vier junge Menschen aus Enkenbach-Alsenborn sind von den Plänen fasziniert und bezahlen dies zum Teil mit ihrem Leben.

15 Kilometer von Kaiserslautern entfernt, am nordwestlichen Rand des Pfälzerwaldes, liegt Enkenbach-Alsenborn. Fritz Walter hat bis zu seinem Tod hier gelebt, die Alsenz entspringt in der Mitte des Ortes. 7000 Einwohner wohnen hier, besonders aufregend ist es normalerweise nicht. Am 10. Mai 1979 ist das anders. Es ist leicht windig, ein paar Wolken ziehen über den Ort, am Morgen hat es leicht geregnet. Der Ort wirkt wie eine von der Polizei abgeriegelte Festung. Der Grund: die Beerdigung von Elisabeth von Dyck. Die 28-jährige Arzthelferin aus Enkenbach-Alsenborn wurde sechs Tage zuvor in Nürnberg von SEK-Beamten erschossen.

Gegen 21.55 Uhr betritt Elisabeth von Dyck am 4. Mai 1979 eine Wohnung in der Stephanstraße im Nürnberger Stadtteil St. Peter. Die Polizei hatte das konspirative Objekt der RAF observiert – in der Hoffnung, dort führende RAF-Mitglieder wie Christian Klar festzunehmen. Doch von Dyck betritt als Erste die Wohnung. Beim Versuch ihrer Festnahme zieht sie eine großkalibrige Pistole. Die Beamten schießen zuerst, treffen die Frau in Oberschenkel und Rücken. Schwerverletzt wird sie in ein Nürnberger Krankenhaus gebracht, dort stirbt sie um 23.15 Uhr.

Ein Staat reagiert nervös

Das Magazin „Der Spiegel“ schreibt in seiner Ausgabe vom 13. Mai 1979 von einer Schlappe für die Polizeibehörden. Er druckt ein Foto von der Beerdigung in Enkenbach: Drei Frauen und ein Mann ziehen den Sarg, auf dem ein großes Blumengesteck liegt. Die Polizei sichert die Zeremonie massiv ab – ein Ort trauert, ein Staat reagiert nervös.

Von Dyck wird der sogenannten zweiten Generation der RAF zugerechnet. Sie engagierte sich zunächst in der Jugendarbeit bei den Mennoniten. Über das Sozialistische Patientenkollektiv und weitere linke Gruppen wird sie immer tiefer in die Strukturen der RAF eingebunden. In Presseberichten ist die Rede von einem besonders konspirativen Verhalten bei Waffentransporten, Beschaffungsaktionen und Anschlägen.

Von Dyck taucht unter. Sie lebt im Untergrund, beteiligt sich an Aktionen der RAF. Ihre Nähe zu Klaus Jünschke – der 1971 bei einem Banküberfall in Kaiserslautern einen Polizisten erschoss – ist aktenkundig: Die beiden verlobten sich 1971. Ihr Weg führt von Engagement zur Radikalisierung – und endet tödlich.

Nur ein Jahr vor dem Tod von Elisabeth von Dyck wird eine weitere junge Frau aus Enkenbach-Alsenborn zum Gesicht des linken Terrors: Christine Kuby, Tochter des Pfarrers am Ort, wird 1978 in Hamburg nach einer Schießerei mit der Polizei verhaftet. Auch sie hatte sich der RAF angeschlossen. Die 21-jährige Tochter des Pfarrers Alfred Kuby aus Enkenbach-Alsenborn betritt an einem Samstagvormittag eine Apotheke im Hamburger Stadtteil Winterhude und legt ein gefälschtes Rezept vor. Kuby verlangt je 30 Ampullen der Schmerzmittel Fortral und Valoron. Der Apotheker schöpft Verdacht, verlässt das Geschäft und informiert die Polizei. Nach ihrem Eintreffen führen sie die junge Frau zum Polizeiwagen. Kuby zieht einen Colt und eröffnet sofort das Feuer. Bei der Schießerei werden ein Polizist und Kuby selbst verletzt.

Ein Jahr zuvor hatte sich Kuby nach einem konspirativen Treffen mit Abgesandten der RAF zum Abtauchen in den Untergrund entschlossen. Das war wenige Wochen vor der Schleyer-Entführung. Die RAF schickte die 20-Jährige nach Bagdad, dort traf sie auf den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der seine Drogenabhängigkeit gegenüber der Gruppe als lebensbedrohliche Erkrankung tarnte. Der Terrorist brauchte Schmerzmittel, die es in Bagdad nicht gab, schreibt die Tageszeitung „taz“: „Also wurden Gruppenmitglieder ausgewählt, sie in Europa zu besorgen.“ Im November 1977 scheiterte der erste Drogenkurier: Nach einer „wilden Schießerei“ nahm die holländische Polizei den Terroristen Gert Schneider in Amsterdam fest. Er überlebte knapp. Daraufhin sollte Christine Kuby es in Hamburg versuchen.

Flugblätter vor dem Gericht

Der damalige stellvertretende Chefredakteur der RHEINPFALZ, Paul Kaps, interviewte nach der Festnahme den Vater von Christine Kuby im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Enkenbach. „Aber wir stehen immer noch vor der Frage, was ist in den sechs Monaten davor gewesen mit meiner Tochter? Jetzt wissen wir wenigstens, dass sie lebt, und fürchten nichts mehr für die Zukunft“, sagt Alfred Kuby. Er wusste nicht, dass seine Tochter im Nahen Osten gewesen war.

Christine Kuby schaffte die mittlere Reife, arbeitete als Praktikantin in einem Kindergarten in Kaiserslautern, begann eine Ausbildung in einer Arztpraxis – und entfernte sich immer mehr vom Elternhaus. Alfred Kuby war nur ein einziges Mal in der Wohngemeinschaft in Kaiserslautern, in der die junge Frau lebte. Auf die Frage, wie sie sich radikalisiert habe, vermutete der Pfarrer, dies sei vielleicht schon vor Jahren beim Nachhilfeunterricht in Mathematik mit „Typen wie Gert Schneider“ passiert. Gert Richard Schneider studierte ab 1970 Mathematik in Kaiserslautern und schloss sich nach Stationen in der SPD und dem AStA der Gruppe „Antifaschistischer Kampf“ an. Er engagierte sich gegen die Isolationshaft der Gründungsmitglieder der RAF und verteilte vor dem Landgericht in Kaiserslautern Flugblätter, auf denen gegen die Haftbedingungen Klaus Jünschkes protestiert wurde. Jünschke wiederum lernte 1971 Elisabeth von Dyck kennen und verlobte sich mit ihr. Im selben Jahr erschoss er bei einem Banküberfall in Kaiserslautern einen Polizisten aus Weilerbach. 1977 wurde er in Amsterdam verhaftet.

Schneider distanzierte sich 1983 von der RAF, wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und begann ein neues Leben in Frankfurt. Christine Kuby wird am 2. Mai 1979 wegen versuchten Doppelmordes an Polizisten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Sie bleibt auch während der Haftzeit politisch überzeugt von der RAF-Ideologie und verbringt 17 Jahre in Haft. Mitte der 1990er-Jahre wird sie entlassen und zieht nach Hamburg. Dort äußert sie sich 1997 in einem Interview in der „Hamburger Frauenzeitung“, dass es ihr bei der Entscheidung für die RAF auch um eine persönliche Perspektive im Leben gegangen sei. Eine ausdrückliche Distanzierung gab es auch in diesem Interview nicht.

In Heidelberg aktiv

Neben Elisabeth von Dyck und Christine Kuby kommen auch die Geschwister Schulz aus Enkenbach. Die beiden waren in den 1970er-Jahren ebenfalls in linksextremistischen Kreisen unterwegs. Brigitte Schulz wurde 1980 nach einer zehnjährigen Haftstrafe freigelassen. Sie hatte zuvor in Israel in einem geheimen Verfahren gestanden, an einem Mordkomplott beteiligt gewesen zu sein. Sie bestritt das Geständnis und erklärte, es sei unter Zwang zustande gekommen. Laut den israelischen Behörden seien sie und ein weiterer Deutscher sowie drei Araber im Januar 1976 „außerhalb Israels“ gefasst worden, als sie im Auftrag der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) planten, eine El-Al-Boeing mitsamt 100 Insassen im Landeanflug unter Raketenbeschuss zu nehmen.

Ihr Bruder war in den 1970er-Jahren aktiv im Sozialistischen Patientenkollektiv in Heidelberg und zusammen mit dem späteren Stockholm-Attentäter Lutz Taufer zeitweilig Geschäftsstellenleiter im Informationszentrum Rote Volksuniversität. 1978 wurde ihm vorgeworfen, an der Tötung eines Polizisten südlich von Frankfurt beteiligt gewesen zu sein. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen – und ist bis heute nicht abschließend geklärt: Schulz sowie ein weiterer Angeklagter werden freigesprochen – verurteilt werden sie lediglich wegen Urkundenfälschung und verbotenem Waffenbesitz. Der Oberstaatsanwalt ließ im Prozess keinen Zweifel daran, dass er beide angeklagten Männer der Terroristenszene zurechnete.

Die Serie

Die RAF beschäftigt auch 50 Jahre nach dem Stammheim-Prozess noch die Republik: die Verhaftung der lange gesuchten Terroristin Daniela Klette im Frühjahr 2024, das Buch der früheren RAF-Aussteigerin Silke Maier-Witt, das neue Einblicke gewährt, sowie der 50. Jahrestag des Beginns des Prozesses gegen die erste RAF-Generation. Wir zeigen, welche Spuren die RAF in unserer Region hinterlassen hat.
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