Kunstausstellungen
Documenta: Ein Fehler-Festival
88 Tage. So lange noch läuft die vom Antisemitismus-Eklat mit Ansage verschattete „documenta fifteen“, die Kasseler Schau der Kategorie weltrelevant. Ihre Aufarbeitung hat längst begonnen. Eine Operation an einer offenen Ausstellung. Dass es sie geben muss, ist ein Skandal für sich, denn wie Kletterrosen Torbögen umrankten einschlägige Befürchtungen das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa schon Monate vorher. Und dann war doch die böse Karikatur eines Juden mit Schläfenlocken, Reißzähnen und SS-Runen auf dem Bowler-Hut ausgestellt auf einem Riesenwimmelbild auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel. Mitten in Deutschland. Geht’s noch? Auch wenn es wieder abgehängt wurde, relativ schnell. Einige Leute haben jetzt viel zu erklären, während sich Ruangrupa restuneinsichtig entschuldigt hat für „Enttäuschung, Scham, Frustration und das Entsetzen“.
Voran die gemeinnützige Trägergesellschaft der Documenta hat das Großversagen zu erklären, eine gGmbh, deren Aufsichtsrat der von den Ereignissen übertölpelte Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) vorsteht. Dazu die heillos überforderte, hartleibig rücktrittsunwillige Generaldirektorin Sabine Schormann – ihr fällt das sehr schwer. Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die flugs von einer „documenta fifteen“-Jeanne d’Arc zur Chefkritikerin mutiert ist, wurde von der „Jüdische Allgemeinen“ die Demission nahegelegt.
Reichweite der Kunstfreiheit steht zur Diskussion
Abenteuerliche Kehren vollführt auch ihre grüne Parteikollegin, die hessische Kunstministerin Angela Dorn-Rancke, die noch bei der Documenta-Pressekonferenz heftig beklatscht die Medien für ihre Antisemitismus-Mäkelei beschimpft hat. Nur um am Mittwochabend das Grußwort bei einer öffentlichen Diskussion über „Antisemitismus in der Kunst“ zu sprechen, zu der die Bildungsstätte Anne Frank und die Documenta gGmbh eingeladen hatten. Eine ähnliche Veranstaltung jedenfalls haben die Verantwortlichen trotz Ankündigung im Vorfeld der „documenta fifteen“ nicht zustande gebracht.
Plötzlich wird von Claudia Roth eine Strukturreform der Documenta eingefordert. Bundeskanzler Scholz erklärt sein Nichterscheinen. Der Bund will, weil er schließlich Geld zu dem 42-Millionen-Etat beisteuert, wieder in den Aufsichtsrat eintreten, aus dem er 2018 ausgetreten ist. Auch um mitzureden natürlich. Wie? Im Windschatten des Debakels, dessen Folgen ja vor allem die über 1500 hoffnungsfroh gutmeinenden Documenta-Künstler betreffen, steht die Reichweite der Kunstfreiheit zur Diskussion.
88 Tage Zeit, das Bild zu korrigieren
So weit, dass der Bundespräsident bei seiner widerwilligen Eröffnungsrede sinngemäß erklärte, jede Kunstschau müsse sich vor ihrem Beginn zur Existenzberechtigung Israels bekennen. Kann gut sein, dass das in manchen Ländern des „globalen Südens“, den Ruangrupa aus Jakarta in Kassel vehement, fast arrogant und mit dem Rücken zur Kunstszene des Nordens vertritt, sogar der Staatsdoktrin zuwiderläuft. Heißt: Wenn man so will, ist die Documenta – vorerst – an den Selbstwidersprüchen ihres Selbstanspruchs als Weltkunstschau gescheitert. Denn eine solche hat das von einer unabhängigen internationalen Jury frei ausgewählte Kollektiv Ruangrupa nie gewollt.
Die „documenta fifteen“ definiert stattdessen die Kunst aus der Sicht von Ländern wie Mali, Thailand und den Philippinen – als Freiraum für eine bessere Welt, den man sich selbst schaffen muss. Eine Feier der Gemeinschaft will sie sein. Die Möglichkeit einer Insel für das globale Gespräch. Erreicht hat sie das glatte Gegenteil. Bisher ist sie: ein Fehler-Festival des Missverstehens. 88 Tage Zeit, das Bild zu korrigieren.